Dienstag, 6. Dezember 2016

Brauseboys am 8.12. & 11.12.: Auswärts im Kiez

Zurückstehen (von Frank Sorge)

Als Vater kommt man immer zuletzt, daran muss man sich schlicht gewöhnen. In völliger Selbstaufgabe stelle ich mich bei den meisten Dingen auch ohne Aufforderung automatisch hintenan. Aufgefallen ist mir das beim Essen, da sind die ersten Jahre für die Kinder ja sehr vom Ausprobieren bestimmt. Natürlich probieren sie in erster Linie das aus, was wir da haben und auf dem Tisch steht. Das, was wir da haben, ist normalerweise auch das, was wir gerne mögen. So ergibt sich naturgemäß, dass sie auch etwas mögen, das ich mag. Ab dem Zeitpunkt, da sie es sehr mögen, esse ich dann im Grunde nichts mehr davon.
So sitze ich am Essenstisch und sie essen die Wurst, die ich immer so gern mochte, meinen Lieblingsquark und den Käse, den ich kürzlich als Geschmacksperle im Billigmarkt entdeckt hatte. Sie essen das alles auf, es soll alles ihnen gehören. Keinen Apfelsaft traue ich mich mehr zu trinken, nicht dass er plötzlich ausgeht, wenn sie noch etwas wollen. Die Enttäuschung mag ich mir nicht vorstellen, sie sind ja nun auch noch so klein und können nicht für ihre eigenen Sachen sorgen.
Natürlich bleiben mir Dinge, die sie mir noch nicht streitig machen können. Mein Kaffee zum Beispiel, an dem ich mich schon allein festhalten muss, da sie mir auch meinen Lieblingsschlafplatz, meine Lieblingsschlafzeit (Vormittags) und Lieblingsschlafdauer weggenommen haben. Immerhin bekommen sie von mir den leckeren Milchschaum in den Mund geschoben, den ich früher immer gern als Erstes abgelöffelt habe.
Dazu Sprüche der Freundin, die sich als Mutter nicht anstellt und meinen Teller abräumt, mit den Sachen, die ich nur noch kurz zur Verfügung halten wollte, falls noch ein Kind etwas möchte. So lange sie stillt, ist aber natürlich auch das, was sie bekommt, relativ unmittelbar wieder für die Kinder. Da stelle ich meine Bedürfnisse natürlich zurück.
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Donnerstag, 8.12. / 20.30 Uhr
Flop-Bar (Lüderitzstr. 74, nahe U6-Rehberge)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren mit illustren Gästen. Diese Woche zum letzten Mal in diesem Jahr im Wedding, dafür gleich zweimal 'auswärts im Kiez'. Also NICHT IM LA LUZ, sondern in der feinen Flop-Bar am längeren Ende der Lüderitzstraße.

Gast:
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Sonntag, 11.12. / 17 Uhr
Eschenbräu (Triftstr. 67)

Weihnachtsboys im Eschenbräu

Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning lesen Besinnliches und Behagliches. Frühabendlesung in der Brauerei unseres Herzens, ein wenig Vorweihnachtsstimmung nicht ausgeschlossen.

Mittwoch, 30. November 2016

Brauseboys am 1.12.: Leselichter

Gerecht ist nichts (von Frank Sorge)

Noch schnell Kuchen für den Nachmittag kaufen. Vier Stück abgezählt für die Familie muss reichen, überlege ich beim Warten. Na, vielleicht noch ein Spritzgebäck für unangekündigten Besuch, den Heiland, den Paketboten oder Außerirdische. Man muss immer vorbereitet sein.
Hier im Traditionsbilligbäcker drängeln sich oft ältere Herrschaften vor, ist mir aufgefallen. Heute eine Seniorin, hinter mir rein in den Laden, schnurstracks irgendwie zum Seitentresen. Dann dumm rumstehen und bald einen Ausfallschritt in die Schlange machen. Heute aber ist das Personal aufmerksam: 'Wer war dran?', ruft die Backfee demonstrativ und winkt mich heran.
'Vier Stück Kuchen', bestelle ich, 'Mohn, Kirsch, Streusel und Bienenstich.' Ein Glück bin ich an sie geraten, denke ich, bei ihrem jungen Kollegen braucht es keine vordrängelnden Rentner, um überholt zu werden. Unter einer halben Stunde geht da nichts und Scharen von Kunden ziehen abgefrühstück vorbei, während der noch das Einwickelpapier faltet. Vielleicht ist die Seniorin ja vor allem darauf erpicht gewesen, ihn zu überspringen und nicht mich. Sie steht in meinem Rücken, vermutlich rot vor Scham.
'Ach, hier beim Kirsch, dit is ja so schmal, da jeb ick Ihnen noch dit von der Kante mit, okay?"
"Ja, klar, danke schön", sage ich, dann läuft die Generosität etwas aus dem Ruder.
"Oh, hier bei dem Streusel auch, mach ick Ihnen dit andere noch dazu, ja?"
"Äh, gern, ich wollte dann eigentlich noch einen Spritzkuchen."
"Einen? Und uneigentlich? Ick hab hier noch zwee Alte, die lege ick ihnen einfach drauf, ja? Wat weg is, is weg."
Ich muss wirklich sehr hungrig aussehen. Aber warum lächelt die Bäckerin immer so über meine Schulter?
Doch alles Show für die Dränglerin. Zuhause wird die klagen: "Da hat sich so ein junger Mann vorgedrängelt und dann hat der auch noch so viel umsonst bekommen." Mir soll es recht sein. Mit zwei großen Tüten Eckstücken, Mängelexemplaren und Probierhäppchen trete ich den Heimweg an.
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Donnerstag, 1.12. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Mittwoch, 23. November 2016

Brauseboys am 24.11.: Es ist soweit

Noch nicht (von Frank Sorge)

Wir wissen: Kinder sind Armutsrisiko, Karrierebremse, Streitpunkt und Scheidungsgrund. Zudem Heulsusen, Mimosen, Nervenbündel und Schreihälse, auch rein körperlich äußerst widerborstige Keimschleudern, Dreckspatzen, Nasenbohrer, Hosenscheißer. Ferner machen sie graue Haare, und ihr Drängen nach Aufmerksamkeit hat die Gravitationswirkung schwarzer Löcher auf das Individuum, das fortan im Schatten seiner selbst, aufgesaugt und zerrieben, 'Eltern' genannt wird. Aber es gibt auch positive Dinge 'auf der anderen Seite'. So sind sie zum Beispiel ganz schön niedlich. Man kann sie lustig am Bauch kitzeln, wenn sie zu frech werden.
In diesen Tagen verpasst man durch die frühen Vögel auch die spektakulären Berliner Sonnenaufgänge nicht. Gemeinsam starrt man versonnen auf den orangerot leuchtenden Himmel hinter dem Kirchturm, ein glühendes Wolkenmeer. So hätte man sich das immer vorgestellt, sage ich ihnen, wenn die Apokalypse naht und das Jüngste Gericht abgehalten wird. Ist es schon so weit? Nein, jetzt erstmal Frühstück.
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Donnerstag, 24.11. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 


Mittwoch, 16. November 2016

Brauseboys am 17.11.: Verhüllungen

Irgendwer ist es immer (von Frank Sorge)

Als ich den Kinderwagen vor der Kita abstelle, warnt mich ein türkischer Vater: "Musst du aufpassen, ja? Sind mir schon zwei geklaut worden."
"Oh, tatsächlich?"
"Ja" beteuert er, "zwei Stück. Das sind die Bulgaren hier, weißt du? Würd' ich aufpassen, ja? Die Bulgaren klauen alles so."
Es dauert alles noch sehr lange mit uns Erdenbewohnern, denke ich.
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Donnerstag, 17.11. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Andrés Atala-Quezada

Dienstag, 8. November 2016

Brauseboys am 10.11.: Auch für Schlitzohren

Entertainment (von Frank Sorge)

Vor ein paar Monaten schon belauschte ich zwei, naja, Halbstarke in der S-Bahn. Halbschwach hätte auch gepasst, denn sie waren eher dünn und blass, junge, weiße Männer um die Volljährigkeit, womöglich Auszubildende. Sie unterhielten sich über den US-Wahlkampf. "Ich hab mir da alle mal auf YouTube angeguckt", sagte der eine, es ging noch um die Auswahl der Kandidaten, "total langweilig, nur der eine ist lustig."
Als wäre das eine Kategorie, auf die es ankäme, dachte ich und hörte wieder weg. Aber offenbar kam es auf sie an, wenigstens hier in der Ferne. Schlimmer aber, dachte ich nach, dass sich noch mehr Menschen überlegen werden, wie sie auf diese Art 'lustiger' werden können. Bei diesem Gedanken schauderte mir etwas, das sage ich gern frei von der Leber, ihr Schlitzaugen.
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Donnerstag, 10.11. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Dienstag, 1. November 2016

Brauseboys am 3.11.: Mit Speis und Trank

Fotogruß aus Fürstenberg (von den Brauseboys)


Wenn solche harmonischen Fotos von uns auf Reisen gemacht werden, kann das Jahresende nicht fern sein, das traditionell Fixpunkt unserer kosmischen Bestrebungen ist. Nach intensiven Planungen im Brandenburgischen ist unser Jahresrückblick 'Auf Nimmerwiedersehen 2016' jetzt intensiv geplant. Wieder war es nicht leicht, denn es ist ja ein Jahr gewesen wie kaum ein anderes. Wenn nicht sogar wie kein anderes. Bald gibt es neue Informationen zum Programm, derweil die Spielplanseite des Kookaburra schon einen Termin als ausverkauft meldet. Mannomann, schnell rum so ein Kartenverkauf. Jan Koch vertritt hier am Tisch Robert Rescue, der aus optischen Gründen das Foto machen musste. Danke an das Restaurant für den Fisch, und den Fischen selbst natürlich auch.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Brauseboys am 27.10.: Ohne Clowns

Google eins auswischen (von Robert Rescue)

Neuerdings zeigt mir mein Smartphone immer zwei Meldungen, wenn ich mich in öffentlichen Orten wie Kneipen aufhalte. Zunächst verlangt Google von mir, dass ich den Ort bewerten soll. Die zweite Nachricht fordert ein Foto. Anfangs habe ich beides befolgt, aber auf Dauer nervt das schon. Schließlich habe ich eine Lösung gefunden. Ich habe ein paar Porno-Bilder runter - und dann bei Google wieder hochgeladen. Nach dem dritten Mal wollte die Suchmaschine dann nichts mehr von mir wissen.
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Donnerstag, 27.10. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Brauseboys am 20.10.: Die Blätter fallen

Von Siechen (von Frank Sorge)

Ist es besser, wenn das Kind krank ist, dass man selbst dabei gesund ist? Oder einfacher, wenn man selbst mitmacht? Nach mehreren Experimentalreihen mit jeweils zwei Kindern und Erwachsenen unterschiedlicher Zustände kann verkündet werden: Am anstrengendsten ist, wenn das Kind gesund ist und man selber krank.
Es rüttelt am Arm, "Papa, Papa, Papa", schwach haucht man zur Antwort "Ach, Kind". Aber es rüttelt weiter, es will rennen, hopsen, klettern, man selbst will nur sterben - also nicht wirklich, aber so vorläufig - bis morgen vielleicht, wenn sich der Magen beruhigt hat. Dann will es essen, Würstchen, Käse, Weintrauben, Eier, all das leckere Zeug, bei dessen Zubereitung man sich sehr zusammenreissen muss, die Schalen nicht mit Erbrochenem aufzufüllen. Andersherum kein Problem. Gesund feiert man als Eltern jede positive Farbveränderung am Auswurf des Nachwuchses, egal, wo er hinfällt, und lobt die neuerstandene Cremigkeit im Windelbereich der Durchfallgeplagten. 'Ganz toll!' hat es das alles gemacht und durchgestanden. Ist man aber selbst derjenige, der auf, über oder neben der Kloschüssel zusammenbricht, kann man nur schicksalsergeben mit anhören, wie das Kind nebenan schon mal die Wohnung entrümpelt.
Aber es gibt auch Vorteile dieser Kombination. Ein gesundes Kind kann sich im Kindergarten einen schönen Lenz machen, während man selbst zuhause das Herbstlaub des Lebens aufkehrt. Ein paar Stunden, in denen man mal so richtig dahinsiechen kann.
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Donnerstag, 20.10. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Kitsch & Keule (Arno Zillmer & Aaron Ghantus)

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Brauseboys am 13.10.: Wir machen das

Schluppke machts (von Frank Sorge)

Herr Schluppke, was befähigt Sie besonders für das Amt des Bundespräsidenten?

Ick bin alt und rede jern, reicht dit nich? Im Ernst, meene fröhliche, unverbindliche Art, gloob ick. Außerdem vergess ick nie, jemandem die Hand zu geben.

Das klingt schon mal gut, aber wie wollen Sie das staatsmännisch umsetzen? Meines Wissens ist ihr diplomatisches Parkett als Bier-Buddha des Weddings bislang ausschließlich klebriger Kneipenboden.

Na, ick würde schon druff achten, dit Hemd in der Hose zu haben. Aber klar, ick versteh schon. Mit den Reichen und Schönen hatt ick bislang nüscht zu tun. Is aber nich nurn Nachteil, dit hat ooch Vorteile. Die müssen sich ja ooch wat überlegen, wat Se mit mir machen.

Beruflich haben Sie außer einer Maurerlehre und vielen Jahren Arbeitslosigkeit nicht viel vorzuweisen, reicht das für einen Repräsentanten dieses Landes?

Ick bau jedenfalls keene Mauern mehr, da könn Se sicher sein. Außerdem darfste als Präsident überhaupt nüscht machen, keen Amt oder Jewerbe...

...keinen Beruf ausüben und nicht in Leitung oder Aufsichtsrat eines Unternehmens sein.

Na, schau. In der Hinsicht bin ick ja quasi prädestiniert.

Ihre Kandidatur wird bislang nur von einem einzigen Weddinger Bundestagsabgeordneten vorangetrieben, seit er mit Ihnen was trinken war, ist also höchst theoretisch. Glauben Sie, dass sich das noch ändert?

Bisschen verstehe ick dit so, ick soll die vertreten, die sich sonst nich so vertreten fühlen. Da finden sich vielleicht ja noch welche. Sonst macht dit keenen Sinn, dann kann dit die Käßmann machen. Ick reiss mir ooch nich drum, aber uff der anderen Seite: Wenn ihr keenen habt - Tada, bin ick da.
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Donnerstag, 13.10. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

Milena Reinecke
Manfred Maurenbrecher

Dienstag, 4. Oktober 2016

Brauseboys am 6.10. in der Nussbreite: Auf die Nuss

Herbe Enttäuschung (von Robert Rescue)

Ich verbuche es in der TOP Ten der größten Enttäuschungen meines Lebens, als ich neulich nachts bierselig bei Google eingab „Bekannter Künstler der Stadt Nassau an der Lahn“ und mir die Suchmaschine keinen Link zu meiner Homepage anzeigte.

Dienstag, 27. September 2016

Brauseboys am 29.9. in der Nussbreite: Voll Nuss

Gewöhnung (von Frank Sorge)

Die meisten Kinder sind in der Kita nach drei Wochen eingewöhnt, bei den Eltern dauert es gern etwas länger. Fünf Stunden sollen sie heute da bleiben. Fünf! Was ich da nicht alles plötzlich machen kann. Das ist so unglaublich lange, dass die erste Stunde schon mit dem Staunen darüber vorbeigeht. Die zweite dann mit häufiger, ungläubiger Kontrolle der Zeit, tiefem Zweifel, dass es wirklich noch drei weitere Stunden so gehen soll. Was ich da nicht alles arbeiten kann, sobald ich mich erinnert habe, wie das eigentlich geht. In der dritten Stunde döse ich ein, schrecke aber zehn Minuten später hoch. Muss ich sie gleich abholen? Nein, immer noch zwei Stunden. Soll mich allerdings bereithalten, falls es doch früher sein muss. Halte mich also zwei Stunden wacker bereit, schütte Kaffee ein, stelle ihnen ein paar Bausteine auf, die sie später umwerfen können. Mehr ist kaum drin bei der Aufregung.
Komme um 14 Uhr völlig erledigt bei der Kita an. "Kann nicht alles beim ersten Mal klappen, kein Problem, morgen der nächste Versuch." Ich nicke. Werde mich schon dran gewöhnen.

Freitag, 23. September 2016

Ahoi, Brauseboys

Ahoi, Brauseboys 
Ein Abschiedstext von Paul Bokowski

"Gute sechs Monate ist es nunmehr her, dass ich den Brauseboys meinen geplanten Ausstieg verkündet habe. Die Begründung ist nach wie vor eine sehr einfache: Nach zehn Jahren Brauseboys, einer der umtriebigsten Lesebühnen der Stadt, ist das Bedürfnis in mir herangewachsen, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen. Die Kollegen haben, so viel darf hoffentlich verraten werden, erwartungsgemäß reagiert: Heiko Werning, im Grunde seines Herzen ein wahrer Gentleman, hatte genug Anstand, um seine Erleichterung und Freude angemessen zu verbergen. Frank Sorge, zum Zeitpunkt der Verkündigung leicht bekifft, hat es zuerst für einen Aprilscherz gehalten. Bis Mitte Juli etwa. Volker Surmann hat die traurige Mitteilung, mit einer, zumindest für einen gebürtigen Ostwestfalen unerwartet langen und emotionalen Rede kommentiert, wie man sie im Teutoburger Wald zuletzt von Hermann dem Cheruskerfürsten vernommen haben dürfte. Ich zitiere: “Ok.” Und Robert Rescue, unser weinerliches Sensibelchen, schickt seither alle drei Tage spätnächtliche Emails über den Verteiler, die mit Wut, Freude, Trauer, Pathos, Verdrängung, Gleichmut, Hysterie und nicht zuletzt einer sonderbaren Hinwendung zu Gott so ziemlich alle emotionalen Ebenen abdecken, wie sie eigentlich nur sterbenskranke Menschen erleben, wie sie Robert aber in 15 Jahren voller Jobcenter-Maßnahmen kennenlernen durfte. 

Dienstag, 20. September 2016

Brauseboys am 22.9.: Adios, Paul

Dialog im Wedding (von Paul Bokowski)

Montag. Als ich am frühen Morgen die Vorhänge beiseite ziehe steht ein stämmiger Gerüstbauer vor meinem Fenster:

"Tach!" begrüßt er mich.
"Guten Morgen."
"Dit muss Ihn' jetzt nich unanjenehm sein."
"Neenee. Ich hab ja zum Glück was an."
"Ja. Zum Glück."
"Charmant."
"Nich persönlich nehm'. Witzchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen."
"Schon gut. Wenn Sie und ihre Jungs einen Kaffee wollen, einfach Bescheid sagen."
"Kommt drauf an. Ham'se Sojamilch?"
"Äh, nee."
"Dann gern." 

Dienstag, 13. September 2016

Brauseboys-Politwochen am 15.9.: Mit Dr. Maja Lasic (SPD), Daniel Gollasch (GRÜNE) und Manfred Maurenbrecher

Wenn ich Politiker wäre (von Frank Sorge)

Wenn ich Politiker wäre, würde ich vermutlich etwas sorgfältiger Körperpflege betreiben, vor allem im sichtbaren Bereich. Ich wäre regelmäßiger beim Friseur. Ich würde mir auch die Zähne weißen und richten lassen, um kameratauglicher zu sein. Auch wenn keine Kameras in Sicht sind. Ich würde mich beraten lassen, was für ein Typ ich bin.
Ich würde wohl joggen, um schlank zu bleiben, und etwas 'Aktives' zu haben, was ich jede Woche auf mein Facebook-Profil stellen kann. Überhaupt gäbe es viel mehr Fotos von mir, wenn ich Politiker wäre.
Ich wäre sehr engagiert, wenn ich Politiker wäre, ich würde für Dinge werben, die man nicht in Schachteln verkauft. Ich hätte wohl schon früh Politik gemacht und in Jugendorganisationen ernste Workshops besucht, um Mädchen kennenzulernen.
Wenn ich Politiker wäre, würde ich meine Emails verschlüsseln und auch sonst vorsichtiger sein. Ich würde keine Nacktfotos im Internet bestellen, wenn ich Politiker wäre. Wenn ich Politiker wäre, wäre ich etwas durchschnittlicher, damit sich der Durchschnitt in mir erkennen kann.
Ich würde viel reden, wenn ich Politiker wäre, ich würde ständig reden können und es würde mir jedes Mal aufs Neue Spaß machen. Ich hätte Phrasen und Zitate und schlagende Formeln, geflügelte Worte und all das und viel mehr auf der Zunge. Ich hätte immer Bonbons in der Tasche.

Dienstag, 6. September 2016

Brauseboys-Politwochen am 8.9.: Mit Christian Hanke & Zuckerklub

Neulich auf einer Party (von Robert Rescue)

Ich stehe in der Küche und will meine Zigarette im Ascher am Fensterbrett ausdrücken. Am offenen Fenster sitzt ein Mann. Meine Armbewegung ist falsch, ich stoße ihn an und er fällt aus dem Fenster, fünf Stockwerke tief. Niemand sonst ist in der Küche und der Verunfallte war zu überrascht, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich nehme mein Bier und gehe möglichst unauffällig rüber ins Wohnzimmer. Später werden Rufe laut, ein später Neuzugang hat Peter, wie ich jetzt weiß, vor der Haustür gefunden. Ich rufe, dass ich ihn zuletzt an der Badtür gesehen habe. Ich tue bekümmert, was anderes bleibt mir ja auch nicht übrig.

Dienstag, 30. August 2016

Brauseboys-Politwochen am 1.9.: Mit Maren Jasper-Winter (FDP), Katharina Becker (CDU) & Sebastian Krämer

Altbewährtes (von Frank Sorge)

Beim Rauchen im Hinterhof sehe ich, dass die Studenten-WG ein Plakat von Frank Henkel in die Küche gehängt hat. Kann ja sonst was für Gründe haben, aber irgendetwas stimmt da doch nicht. Auch auf die Gefahr hin, zu neugierig zu erscheinen, lehne ich mich etwas weiter hinaus. Tatsächlich, der Button mit Aufschrift "Starkes Berlin" ist nicht dazugeklebt, es gibt keinen aufgemalten Schnurrbart, keine nachgezogenen Augenbrauen. Auch keine Dartpfeile oder Löcher, wo sie einmal steckten. Nichts.
Mit etwas längerem Hals kann ich auch den Slogan des Plakats am unteren Rand lesen: "Mehr Video-Technik. Nur mit uns."  Nach einer nachdenklichen Minute ziehe ich mich schmunzelnd an den Rechner zurück. Hat doch alles seine Ordnung mit der Partei für Altbewährtes und den Studenten. Mal sehen, wo ich auch noch so eins abgreifen kann.

Dienstag, 23. August 2016

Brauseboys-Politwochen am 25.8.: Mit Klaus Lederer (LINKE)

Keine Experimente (von Frank Sorge)

Meine einjährige Tochter entwickelte zum Ende der rbb-Abendschau das Experiment, Personen auf der Mattscheibe zu küssen, wie die Moderatoren und Ulli Zelle bei der Außenreportage. Problematisch wurde das nur, als die aktuelle Wahlwerbung zur Berlin-Wahl nachkam. “Hör auf, nein, NICHT Frank Henkel!”, rief ich und stürmte zum Fernseher. 

Mittwoch, 17. August 2016

Ficken in Rio (Eine Antwort auf Manuel Schubert in der taz)




Was bisher geschah: In Rio hat ein Journalist der amerikanischen Unterhaltungsplatform The Daily Beast enthüllt, dass es im olympischen Dorf bei der schwulen Dating-App Grindr, kurz gesagt, rund geht. Dazu streute er Andeutungen über prominente Athleten, die ihn angechattet hätten, sparte nicht mit süffisanten Hinweisen auf deren Identität, und berichtete, auch von muslimischen Sportlern kontaktiert worden zu sein, aus Staaten, in denen Homosexualität streng verboten sei.

So weit, so sensationsgierig. Über The Daily Beast brach ein Shitstorn sondergleichen rein, weil die Andeutungen des Artikels doch in ihrer Konkretheit sehr nach Zwangsouting rochen. Verschiedentlich wurde kritisiert, dass der besagte Journalist hetero gewesen sei. Ich persönlich halte das für nicht sehr relavant. (Ich glaub, die Homomedien ärgerten sich bloß, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen waren. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie sensibler mit Hinweisen auf Identitäten umgegangen wären.)So oder so: Der Chefredakteur vom Daily Beast entschuldigte sich, der Artikel wurde aus dem Netz genommen. So weit, so unangenehm, der Fall schien abgeschlossen.

Doch dann kam Manuel Schubert von der taz.

Ja, ich glaub auch: Normalerweise würde dieser Satz heißen: „Doch dann kam Franz-Josef Wagner von der BILD“ oder „Dann kam Matthias Matussek“, aber nein, auch die taz hat ihre Quartalsirren.

Manuel Schubert wundert sich in einem Artikel, überschrieben mit „Ehrlicher Ficken“, über den Shitstorm, ob dahinter wirklich ein „Bruch der Privatsphäre“ stecke. Noch mehr wundert er sich über prominente Athleten, die dabei auffliegen, „wenn sie sich auf einer weltberühmten schwulen Dating-App mitten im olympischen Dorf nach einem Penis umsehen“ und unkt, sie seien „vielleicht“ „selbst Schuld“ und sicherlich „naiv“.

Gut, naiv ist das vielleicht, aber Apps wie Grindr basieren auf einem Grundkonsens: dass sich dort nur Gleichgesinnte treffen. Sportler fickt Journalist fickt Volunteer fickt Local fickt wenauchimmer ... Informationen aus so einem Medium zutage zu fördern, ist, wie in einem Darkroom das Licht anzuknipsen. Das macht man einfach nicht. Ohne diesen Grundkonsens an Naivität funktioniert schwule Subkultur nicht.

Aber das ist nur ein Teilaspekt. Schubert geht es um das große Ganze: „In jedem Fall sind sie Weltklasseathleten. Sie wissen, dass sie gerade bei Olympia auf der Weltbühne stehen. Als Sportler, aber auch als Staatsbürger, gut bezahlte Werbegesichter, Prominente und Vorbilder. Nur: Welchen Vorbildcharakter hat ein Athlet, der zwar Höchstleistungen erbringt, aber zugleich einen maßgeblichen Teil seines identitären Kerns, das Sexuelle, verbirgt, ja vertuscht und die Öffentlichkeit darüber belügt? Klare Antwort: keinen.“

Unverkennbar: Wir bleiben beim Thema Naivität. Mit der schaut Manuel Schubert auf den Sport. Ich sehe das anders: Sportler sind in erster Linie Sportler. Medaillen werden verliehen für sportliche Leistungen, nicht für Gesinnungen oder charakterliche Brillanz. Es gibt Sportler, die als Vorbilder taugen, andere taugen nicht. Ist so: Die meisten Sportler sind Menschen wie du und ich (auch wenn sie nicht immer so aussehen).

Schubert kapriziert in seinem Text ausschließlich auf Spitzensportler und „gut bezahlte Werbegesichter, Prominente und Vorbilder“. Auch das ist haarsträubend naiv. In Rio sind mehr als 11.000 Athletinnen und Athleten. Wie viele von denen sind prominent, gut bezahlt und Werbegesichter? Maximal 10 Prozent würde ich denken. Das Gros der Olypioniken stellen hingegen die vielen Spartensportler, die Unbekannten aus allen Herren Länder, für die Olympia ein großes Abenteuer ist. Sollen sie das doch mit sexuellen Abenteuern verbinden! Wer möchte es einem schwulen Bogenschützen aus, was weiß ich, sagen wir Pakistan (fiktives Beispiel) verübeln, dass er bei solch einem Abenteuer auch anderweitig zum Schuss kommen möchte?

Natürlich: Wenn ein Starathlet aus einer westlichen Nation seine Homosexualität verheimlicht, weil das Werbeverträge kosten könnte, dann mag man das mit Recht kritisieren, und meinethalben mag man dann auch Gerüchte kolportieren. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass in einer Vielzahl von Staaten dieser Erde Homosexualität verboten und mit drakonischen Strafen belegt ist. Wer da seine Sexualität verbirgt, ist kein schlechtes Vorbild sondern schlicht lebensklug. Und in noch viel mehr Staaten sorgen homophobe Staats- oder Religionsdoktrinen dafür, dass ein Coming-out eine Ächtung als Sportler, mindestens aber ein Ende jeder Sportförderung bedeuten würde. Es geht also auch um sehr existenzielle Fragen. Kann man es jemanden, der mit Leib und Leben Sportler ist, verübeln, dass er da seine Homosexualität im Verborgenen hält?

Dabei argumentiere ich nicht von dem Standpunkt, dass Homosexualität per se „ins Private gehört“. Da stimme ich Manuel Schubert sogar zu, im Grunde ist Homosexualität keine Privatsache, aber ich glaube, das war gar nicht Kern des Shitstorms. Es gibt aber – leider! – viele kluge Gründe, Homosexualität im Privaten zu halten, und der wohl Gewichtigste ist, am Leben zu bleiben. Kurios, dass Manuel Schubert diesen Aspekt so gar nicht betrachtet.

Er verlangt unbedingte „Ehrlichkeit“ von Sportlern, „man muss behelligen, muss offen und authentisch auftreten“. Gut gebrüllt, Schubert, aber dann brüll mal weiter: „It’s Raining Men“ mit ner Regenbogenflagge in der Hand auf einem Markplatz in Theheran. Da beginnen aber sofort die Endausscheidungen im Steinweitwurf.

Genau hier lag der eigenliche Skandal der Daily Beast-Enthüllungen, die jeden Shitstorm gerechtfertigt haben: Ich möchte nicht in der Haut desjenigen schwulen, musilimischen Athleten gesteckt haben, der da (nicht namentlich) erwähnt wurde. Ich möchte mir seine Angst nicht ausmalen, ob da vielleicht nicht doch noch eine Name folgen würde. Ich möchte nicht mal in der Haut irgendeines schwulen, muslimischen Athleten gesteckt haben, denn solche Enthüllungen sind sicherlich geeignet, dass in entsprechenden Delegationen ein Klima des Misstrauens gesät, womöglich richtig Hatz auf vermeintliche Schwule gemacht wird.

All das blendet Manuel Schubert aus. Er schließt seinen Kommentar ab mit der Hinweis, solange Athleten nicht bereit wären, sich zu outen, „sollten sie im olympischen Dorf besser keine Penisse auf Grindr suchen.“ Denn wenn ihre Hetero-Fassade auffliege, stünden sie „auf der Weltbühne zukünftig als Lügner und Betrüger da ... in einer Reihe mit Dopingsündern.“

Das ist nun starker Tobak und wirklich völliger Bockmist. Gewiss, Doping und eine versteckte Homosexualität eint der Aspekt der Unehrlichkeit. Doch bei dem einen betrügt man viele andere, bei dem anderen betrügt man nur sich selbst. Das ist ein gehöriger Unterschied. Und wie gesagt: Leider gibt es immer noch gute und mithin zwingende Gründe für so einen Selbstbetrug. In manch einer homophoben Gesellschaft sind anonyme Dating-Apps wie Grindr die einzige Chance, überhaupt zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen, und sei es auch nur zum Ausleben einer ansonsten völlig unterdrückten Sexualität.

Ich kann viele schwule Athleten gut verstehen, die ihre Homosexualität verstecken. Und natürlich würde ich ihnen mehr Mut wünschen. Es ist toll, wenn Sportler sich outen, und es gibt genug, denen es nicht geschadet hat. (Auch wenn ich mich wundere, dass dieser Aspekt ihres Lebens von Sportreportern, die ja sonst jede Mutter im Publikum, jede Freundin daheim und jede Hauskatze der Kindheit herbeifaseln, einfach ignoriert wird. Dabei hätte man über den im Schubertschen Sinne vorbildlich offen schwulen Wasserspringer Tom Daley zum Beispiel viel erzählen können.)

Immerhin: Sogar Manuel Schubert gesteht Athleten das Recht zu, „selbst zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt sie das öffentliche Bild von ihrer Person um den Aspekt der sexuellen Orientierung vervollständigen“ (das Recht, ihn dauerhaft zu verschweigen, gestattet er allerdings nicht), doch bis dahin „sollten sie im olympischen Dorf besser keine Penisse auf Grindr suchen“. Sprich: Schwule Sporter, die sich - aus welchen Gründen auch immer - für ein Leben im Schrank entscheiden, sollen gefälligst die Tür des Schranks von innen abschließen. Das ist schlicht menschenfeindlich.

Brasilien ist ein liberales Land, in LGBT-Angelegenheiten recht fortschrittlich und offen. Wer möchte es schwulen Athleten vergönnen, diese Offenheit auszuleben, wo doch viele von ihnen aus Staaten kommen, in denen das nicht so ohne Weiteres geht. Soll sagen: Ich gönne jedem Schwulen Athleten jeden Penis, den er in diesen 16 Tagen auftreiben kann. Liebe schwule Sporter in Rio: Haltet eure Penisse nicht bei euch, wie Manuel Schubert euch rät. Benutzt sie. Fickt, so viel ihr könnt. Vögelt, als ginge es um Gold. Nutzt die Freiheit, die Rio euch gibt, und genießt sie in vollen Zügen. Denn wer die Freiheit nie geschmeckt hat, wird nie für sie eintreten.

(Volker Surmann)

Brauseboys am 18.8.: Lesegold

Mikrokosmos (von Frank Sorge)

Als es in der Wohnung nun wirklich nichts mehr gibt, was die Kinder nicht einmal in die Hand genommen und mit Schwung im Zimmer umverteilt haben, gehen wir auf den Spielplatz. Ich kann den Wedding auch nicht ewig von ihnen fernhalten, sie müssen lernen, sich durchzusetzen. Das Chaos auf dem Spielplatz im Brennpunkt, das wird sicher eine harte Schule, überlege ich auf dem Weg. Ein erster Brutkessel aus Verwahrlosung, sozialer Härte und dem Recht der Straße.
Vor Ort eine gewisse Ernüchterung. Die anderen Kinder fragen nach, bevor sie etwas von unseren Buddelsachen ausleihen. Sie bringen es sogar zurück. Ältere Fußballrowdies wechseln umsichtig den Spielort, wenn Kleinkinder in die Schussbahn krabbeln. Auf dem Trampolin fragen sie höflich nach, ob sie jetzt springen dürfen. Wenn das der Weddinger Mikrokosmos sein soll, weiß ich auch nicht. Das wäre doch etwas ungewohnt hoffnungsfroh für das große Bild.

Dienstag, 9. August 2016

Dienstag, 2. August 2016

Mittwoch, 27. Juli 2016

Brauseboys am 28.7.: Für eine Handvoll Texte

Waikiki Gun Club (von Frank Sorge)

Auf Hawaii gäbe es viele Obdachlose, erzählt die Freundin dort auf einem ersten Spaziergang in Honolulu. Nicht alle seien es hier geworden, mitunter würde man als Obdachloser in anderen US-Bundesstaaten ein One-Way-Ticket zur Anreise bekommen, erläutert sie. Denn es falle eine Todesart definitiv aus: Man könne nicht erfrieren.
Wir passieren einige, wie sie am Abend am Strand campieren, die meisten aber fallen in Einkaufs- und Schlenderstraßen als Werber auf. Sie haben bedruckte Westen des 'Waikiki Gun Club' um, halten ein Schild mit dem selben Aufdruck in der Hand. Vermutlich sollen sie auch Flyer verteilen, an Touristen, die mal mit einer richtigen Waffe schießen wollen, aber eigentlich stehen sie nur stumm für ein paar magere Dollar ihre Zeit ab.
Ich sehe niemanden, der sie anspricht oder sich informiert. Als ich begreife, wer hier wirbt, traurig und zerlumpt in gelb bedruckter schusssicherer Weste, unterdrücke ich den drängenden Impuls, an jeder Station schlaue Ratschläge aus mitteleuropäischer Sicht loszuwerden.

Mittwoch, 20. Juli 2016

Brauseboys am 21.7.: Pokeboys

Mit etwas Glück (von Frank Sorge)

"Spielst du auch Pokemon?"
"Nein, ich hatte Glück."
"Glück?"
"Ich wollte ja, aber keines meiner Geräte wird unterstützt."
"Ach, doof, bzw. glückliche Fügung."
"Ob die Fügung so glücklich war, weiß ich nicht, immerhin eine Fügung. Konnte mir nicht so recht erklären, warum das mit meinem Handy nicht gehen soll und hab in einer ruhigen Minute mal nachgesehen."
"Und?"
"Geht natürlich doch."
"Also spielst du das?"
"Nein, ich hab Glück."
"Nochmal?"
"Wegen der richtigen Pokemons."
"Wem?"
"Na die, die ich letztes Jahr im Virchow gefangen habe. Wenn ich mit denen unterwegs bin, kann ich nicht aufs Display starren. Von zu Hause wiederum macht Pokemon Go nicht so einen Sinn."
"Machen das hier nicht alle Eltern unterwegs?"
"Ja, aber das ist ein Fehler, das ist überhaupt nicht nachhaltig."
"Nachhaltig Pokemon-Spielen klingt merkwürdig."
"Man will doch nicht selbst Pokemon-Spielen, im besten Fall, sondern die Kinder spielen es und man selbst kann was Sinnvolles tun. Dass die Kinder es spielen, kann man aber am Besten verhindern, indem man es selbst spielt."
"Warum?"
"Stell dir vor, du bist acht Jahre alt und siehst auf der Straße einen Fünfzigjährigen an deinem Poke-Stop Bälle abgreifen."
"Okay, ich verstehs, sehr uncool, wenn es die Alten auch spielen."
"Exakt, ein bisschen Glück hatte ich aber doch. Wenn ich beim rauchen das Handy einen Meter vor den Balkon halte, erreiche ich den Stop, ohne dass die Kinder unten es merken."
"Und deine?"
"Die schlafen dann. Diese Zeiten muss man wirklich nutzen."

Dienstag, 12. Juli 2016

Brauseboys am 14.7.: Es ist ein Brauseboy


Willkommenheißung (von Frank Sorge)

Mit Nachwuchs ist es so eine Sache. Das Nachwachsen allein dauert lange. Dann, wenn es überhaupt möglich geworden ist, in die Fußstapfen zu treten, greift erst einmal der Jugendschutz, plötzlich will der Nachwuchs nicht mehr so, wie man es geplant hat, folgerichtig die Rebellion, mit allen Vorwürfen. Man hätte ja so viel Druck aufgebaut über die Jahre, das Vorlesen, so schön es wäre, aber doch keine Herzenssache, eigentlich wäre es immer heimlicher Traum gewesen, Steuern zu prüfen - so hätte man sich jetzt auch heimlich beworben und eine Zusage erhalten. Was nun auch unausweichlich den Umzug nach Fissingen-Trollach mit sich bringen müsse, was das Auftreten auch wegen der Entfernung... Die Retourkutsche dann postwendend, keine Dankbarkeit, verlorene Mühen, weggeworfenes Talent, umgehendes Enterben. Schwenk ins Emotionale, alles nur Projektion, nie geliebt, Tassen fliegen.
Um diesen Vorgang den heranwachsenden Brause-Kindern zu ersparen, und weil wir etwas früher an die Rente denken müssen, als diese volljährig geworden sind, holen wir uns besser jemanden dazu, der von Anfang an mitgewachsen ist. Da muss man dann auch nicht alles erklären. Mit Freude darf ich also verkünden: Ab diesem Donnerstag ist unser Freund und Weggefährte Thilo Bock ein Brauseboy und mit dabei. Nicht nur ist er in allen Jahren häufig bei uns zu Gast gewesen, er hat mit der Zeit seine Vorlesetätigkeit auch immer weiter auf den Wedding ausgedehnt. Hier kennt man ihn 'Dichter als Goethe', als Teil der 'Lesershow' und von anderen Gelegenheiten als witzigen, charmanten Vorleser. Da wir zufällig auch witzige, charmante Vorleser... naja, es passt jedenfalls prima und wir freuen uns sehr. Willkommen, Thilo!

Mittwoch, 6. Juli 2016

Brauseboys am 7.7.: Kurzshow mit EM-Halbfinale

Postkarte aus Island (von Frank Sorge)

Liebes Publikum,
viele Grüße aus Island. Hier ist es landschaftlich sehr schön. Wenn man keine Bäume mag. Auch findet das Wetter behaglich, wer Temperaturen über 10 Grad schon als Zumutung empfindet. Am ersten Imbiss, den wir aufsuchen, gibt es Schafskopf im Angebot. Im Gegensatz zu, zum Beispiel, 'Armen Rittern', die schon allein deshalb keine wirklichen Ritter mehr enthalten, da diese sehr selten geworden sind, deckt sich die blumige Bezeichnung hier wörtlich mit dem, was man auf dem Teller erhält. Alles in Island ist sehr teuer. Man kann sich aber als EU-Bürger mit seinen Quittungen an lange Schlangen am Flughafen anstellen, um das Leid durch rückerstattete Steuern etwas zu mindern. Leider hat man dann keine Zeit mehr, sich hier etwas außerhalb eines Shopping-Centers anzusehen. An einem heißen Sommertag (12 Grad) waren wir am Strand und haben die Isländer dabei beobachtet, wie sie ausgelassen in Badekleidung über den Sand schlenderten. Durch unsere Skibrillen, auch sonst sensorisch gedämpft noch durch Ohrenschützer und Pudelmützen, war dieses Schauspiel einmalig und unwirklich. Mit diesen Begriffen ist dann letztlich auch die ganze Insel recht zutreffend beschrieben.

Bis Bald im Wedding
Frank Achimsson
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Donnerstag, 7.7. / 20 Uhr
Mastul (Liebenwalder Str. 33, nahe Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

ACHTUNG FUSSBALL-EM! Am Donnerstag, 7.7. Kurzshow mit Public Viewing im Mastul. Ab 20 Uhr gibt es ein Vorprogramm, ab 21 Uhr gemeinsames Schauen des Spiels Deutschland-Frankreich (Eintritt frei).

Ab nächste Woche: Alles wieder normal. Fast.

Dienstag, 28. Juni 2016

Brauseboys am 30.6.: Kurzshow mit EM-Viewing

Wunschdenken (von Frank Sorge)

In der Sprache gewinnt gerne mal das Wunschdenken über die Realität. Es steht 0:1 und die zurückliegende Mannschaft erkämpft sich nach zähem Ringen den Ausgleich.
"Das ist die Führung!", ruft der Fernsehkommentator.
"Nein, ist sie nicht", kommentiert mein Nebenmann trocken, "höchstens war das die Führung. Der anderen."
"Muss man doch nicht so eng sehen", sage ich, "so für sich gesehen führen sie endlich mit einem Tor."
"Für sich spielen die aber nicht."
"Ja, im Gesamtspielzusammenhang steht es natürlich 1:1", gebe ich zu, "aber man könnte fast sagen, beide sind in Führung gegangen."
"Der hat sich einfach vertan, können wir weiter Fußball gucken?", ruft jemand dazwischen.
"Beide in Führung gegangen, so ein Quatsch."
"Alles nur Gewöhnung, aber so könnte man dann sogar sprachlich einen Unterschied machen zu einem reinen 0:0."
"Die Mannschaften gingen mit gleich vielen Toren in Führung und trennten sich unentschieden?"
"Der ging ins Aus", sagt der Fernsehkommentator.
"Sieh an, wirklich im Aus", sagt mein Nebenmann, "er kanns wieder."
"Aus klingt so negativ", bemerke ich, "der Ball ist auf dem 'anderen Feld', könnte man auch sagen."
Den Mit-Viewern wird es zu bunt.
"Macht jemand mal den Ton lauter, bitte! Da vorne wird mir zu viel philosophiert."
"Geht nicht, wegen der Nachbarn."
"Die mit den Böllern?"
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Donnerstag, 30.6. / 20 Uhr
Mastul (Liebenwalder Str. 33, nahe Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

ACHTUNG FUSSBALL-EM! Am Donnerstag, 30.06. und in der Folgewoche (7.7.) Kurzshow mit Public Viewing im Mastul. Ab 20 Uhr gibt es ein Vorprogramm, ab 21 Uhr gemeinsames Schauen des Spiels Polen-Portugal (Eintritt frei)

Dienstag, 21. Juni 2016

Mittwoch, 15. Juni 2016

Das "Special-Interest"-Blutbad von Orlando


Warum schockiert und und bestürzt mich das Attentat in Orlando so sehr? Und wieso wurmt es mich so sehr, dass die bundesdeutsche Öffentlichkeit zunächst viel weniger davon Notiz nimmt als von anderen Attentaten? Nach den Paris-Anschlägen wollten alle Charlie oder Paris sein, nach den Anschlägen in Belgien waren immer noch sehr viele Bruxelles. Nach dem Attentat in Orlando scheint nur die LGBT*-Szene tief berührt zu sein. Wo sind die Trauerflore bei Nationalspielern? Wo bleibt die Frage, ob man an einem Tag mit 49 Toten auf der Bühne lustig sein darf? Wieso wird das Brandenburger Tor nicht angestrahlt in den Farben von ... tja, welchen Farben eigentlich? Amerikas? War das denn ein Anschlag auf Amerika? Nein, es war ein Anschlag auf Schwule und Lesben. Und das macht offenbar alles anders.

Flashback: Mein Blick nach Orlando beginnt Ostern in Berlin: Ich stehe mit zwei Freunden vor dem Berghain an. Ich gehe normalerweise nicht ins Berghain, nur einmal im Jahr zur schwulen SNAX-Party am Karsamstag. Datum: 26. April, vier Tage nach den Anschlägen in Brüssel. Während wir geschlagene drei Stunden in der Schlange stehen, kreisen zeitweise folgende Gedanken in meinem Kopf: Erstens: „Wenn ich IS-Terrorist wäre, dann wäre das hier perfekte Ziel.“ Mindestens zweitausend vergnügungssüchtige Schwule vorm berühmtesten Club der deutschen Hauptstadt. Diese Schlange steht für all das, was der IS am meisten hasst: Westliche Dekadenz, Hedonismus, sexuelle Freizügigkeit, und diese Schlange steht dicht gedrängt und aufgereiht 800 Meter bis zum Baumarkt hinten an der Ecke. Einmal mit ein paar Motorrädern dran vorbeibrettern wie in Paris und dabei aus allen Rohren feuern: Die Opferzahl wäre immens. Zweiter Gedanke: „Und es würde noch nicht jemand mal trauern.“ Denn hier in der Schlange stehen nicht die braven homosexuellen Polohemdenträger aus den Stock-Graphic-Pools, die gern heiraten und Kinder adoptieren wollen. – Was natürlich völliger Quatsch ist: Natürlich sind die hier auch dazwischen, aber heute entspricht hier niemand dem Bild vom Homosexuellen, wie es liberale Werbung, aufgeschlossene Heten und konservative LGBT-Aktivist*nnen gerne idealisieren. Hier steht die versammelte Fetischszene des halben Kontinents, das hedonistische, promiske, exzessive schwule Leben in entsprechender Gear. Unvorstellbar, dass Angela Merkel Opfer in Harness oder Chaps mit nacktem Arsch staatsbetrauern würde – und mögen es noch so viele sein. Unvorstellbar, dass für diese queere Welt das Heterodeutschland sein Facebookprofil regenbogenfarben einfärben würde. Glücklicherweise hielt ein dritter Gedanke diese beiden ersten in Schach: „Warum geht’s bei diesem Scheißeinlass nicht voran?!“
Am Ende habe ich doch ein bisschen aufgeatmet, als ich endlich drin war im Berghain, umgeben von meterdickem Beton, der auch nur eine trügerische Sicherheit gibt, denn wenn Attentäter erstmal im Gebäude sind, wird alles noch viel schlimmer, das haben wir bei allen Bluttaten nach diesem Schema gesehen, aber dazu müssten sie erst einmal reinkommen ... Ich war jedenfalls froh, weg vom Präsentierteller da draußen zu sein.

Nun ist es also passiert. Im Pulse in Orlando, USA. In meiner Betroffenheit fühle ich mich an mein Unbehagen am Ostersamstag erinnert. Es war wohl bloß eine Frage der Zeit, bis auch wir Schwulen, Lesben und Transgender ins Visier des Terrors gerieten – auch
wenn es offenbar kein vom IS gesteuerter Anschlag sondern ein Einzeltäter war, der sich selbst islamistisch radikalisiert hat, und mit seinem Angriff zudem in der Tradition dramatischer Amokläufe steht, die ja, wie mein Kollege Heiko Werning auf Facebook bitter bemerkte, in den USA fast schon zur Folklore zählen.
Undenkbar, dass in Deutschland ein Mann, der zweimal in Visier der Bundespolizei geriete (und wurde er nicht sogar wegen psychischer Probleme behandelt?), so mir nichts dir nichts in einen Waffenladen spazieren und ein Schnellfeuergewehr kaufen könnte. (Dass es dort überhaupt so etwas wie Schnellfeuer- und Sturmgewehre zu kaufen gibt, führt jeden Selbstverteidigungsethos der amerikanischen Waffenlobby ad absurdum.)
Donald Trump, der vor kurzem noch der National Rifle Association bedingungslose Gefolgschaft geschworen hat, erklärt den Amoklauf dann auch kurzerhand zu einem Problem vom außen und feierte sich für seine Forderung eines generellen Einreiseverbots für Muslime. Damit ist es kein Problem der Waffenpolitik mehr, sondern angeblich eins der Einwanderung.
Kein Wort des Mitgefühls von ihm für die Opfer. Wie auch? Schließlich hatte da gerade ein Angehöriger seiner meistgehassten Minderheit 49 Angehörige einer bei seiner Anhängerschaft nicht minder verhassten Minderheit gemeuchelt. Trumps implizit an seine Fans heraustrompetete Argumentation lautet wie folgt: „Schaut, diesmal hat es zum Glück nur Schwuchteln getroffen, aber es könnte auch euch aufrechte Weiße treffen.“ – Kein Wunder, dass die LGBT-Bewegung weltweit entsetzt ist.
Jeder, der nach dem Attentat von Orlando dem Islamhass das Wort redet, sollte sich fragen, inwieweit er sich damit nicht mit dem Wahnsinn Donald Trumps gemein macht. Kein Einwanderungsstopp dieser Welt könnte ein Attentat wie dieses verhindern. Nach allem, was wir bislang wissen, war das Motiv des Orlando-Attentäters wohl eine höchst brisante Mischung aus psychischer Störung, aggressiver Homophobie (womöglich gepaart mit eigenen entprechenden Neigungen) und einer islamistischen Radikalisierung im Sinne von IS und Co. Dem IS war die Tat dann erklärtermaßen gern willkommen.
Doch wir dürfen nicht vergessen: Die religiöse Radikalisierung (gleich welcher Religion oder Konfession) fördert und fordert solche Taten, weltweit. Der radikal-christliche Utöya-Attentäter Anders Breivik wird in seiner Zelle nicht um die 49 Schwule Opfer weinen.
Christliche Fundamentalisten liefern genauso Munition für das Sturmgewehr AK15 wie islamistische Hassprediger des IS.
Und so sehr, wie Donald Trump in seinem Wahlkampf inzwischen versucht, auch die extrem homofeindliche religiöse Rechte der Tea Party für sich zu gewinnen, würde es mich nicht überraschen, wenn auch einer seiner Anhänger irgendwann zum Sturmgewehr griffe.

In Europa wäre ein pychisch labiler, aggressiver, junger Muslim wie Omar Mateen offenbar einer war, vielleicht nach Syrien ausgereist – der IS wirbt ja gezielt verunsicherte, sozial abgehängte junge Männer an –, hätte sich weiter ausbilden und radikalisieren lassen, hätte womöglich dort schon Homosexuelle von Hochhäusern schubsen dürfen und wäre schlimmstenfalls irgendwann zurückgekehrt als Attentäter einer Terrorzelle. In den USA, im Land der Waffendiscounter, schreiten die frisch Islamisierten offensichtlich lieber gleich zur Tat: Amok und Anschlag verbrüdern sich im religiösen Wahn.

Erschwert etwa diese Gemengelage das Entsetzen über die Tat? Wieso kommt es, dass dieses Attentat hierzulande, z.B. in den sozialen Netzwerken, viel weniger Aufsehen erregt als andere zuvor? Sind wir so abgestumpft durch den Terror in Serie? Ist es die schwer durchschaubare Motivlage beim Täter? Ist es doch zu nah an den üblichen Nachrichten von Amokläufen in den USA? Oder hat es schlicht was damit zu tun, dass die Opfer Schwule und Lesben waren? Ist das Attentat von Orlando lediglich ein „Special-Interest“-Blutbad?
Ich habe keine Antworten, aber ich habe Fragen. Und ich glaube auch nicht, dass mehr Solidaritäts-Regenbogenflaggen die richtige Antwort sind.
Natürlich rückt Betroffenheit ein Unglück immer näher an einen persönlich ran. Vielleicht bin ich ja nicht der einzige, der in manch einer Schlange vor manch einer queeren Location zeitweilig etwas Unbehagen spürte.
Je näher man sich der Zielgruppe fühlt, desto stärker die Befindlichkeit. Das Charlie-Hebdo-Attentat fiel in eine Zeit, in der ich mit einem satirischen Jahresrückblick auf der Bühne stand. Natürlich schauten wir ab dann jedes Mal, wenn während der Vorstellung die Tür aufging, etwas bang hinüber. Ich weiß von Kollegen, die in der Zeit draum baten, die Eingangstüren ihrer Spielstätten abzuschließen.
Ich war Charlie, weil ich Satiriker bin. Sonst war ich nichts, nicht Paris, nicht Brüssel. Ich mag auch nicht Orlando sein. Ich war da nie, und in den US-amerikanischen Gayclubs, in denen ich war, hat es mir nie gefallen. Aber ich bin schwul, und betrachte diesen Massenmord schon als Anschlag auf andere sexuelle Identitäten generell. Die Regenbogenflagge auf Halbmast schien mir persönlich als passendstes Symbol für meine Gefühlslage. Wir haben 49 von uns verloren, und wir haben einen Teil unserer mühsam erkämpfen Unbeschwertheit verloren.
Dem IS oder andersgläubigen Fundamentalisten ist es egal, ob der Anschlag gesteuert war oder von einem Sympathisanten kam. Sie jubeln. Und ich fürchte, damit könnte ein Präzedenzfall geschaffen worden sein, und das schürt wohl mein Unbehagen. Ich glaube, das ist auch die Angst, die in der Community umgeht. 

Um so enttäuschender die offizielle Reaktion der Bundesrepublik. Natürlich hat die Kanzlerin recht, wenn sie den Anschlag von Orlando als Anschlag auf eine offene und tolerante Gesellschaft bezeichnet. Ja, er zielte auf die Mitte der Gesellschaft, denn wir sind mitten drin: Lesben, Schwule, Trans*-Persönlichkeiten. Wir sind überall. Und trotzdem ging Merkels Reaktion völlig fehl, blendete sie doch völlig aus, dass dies in allererste Linie ein Massenmord an 49 Schwulen und Lesben war – und das in einem der wenigen Schutzräume für homosexuelle Identitäten, einem queeren Club. Kein Wort der Sympathie für die LGBT-Bewegung kommt der Kanzlerin über die Lippen, uns sei ihr Herz auch noch so schwer.
Ansonsten aber bleibt Merkel selbst nach so einem abscheulichen Attentat ihrer generell distanzierten Linie treu. Sie ist klug genug zu wissen, dass LGBT-Personen zu einer offenen Gesellschaft dazu gehören, aber persönlich ist sie nicht bereit, diese mehr als zu dulden. Das muss man ihr übel nehmen.
In Frankreich erstrahlt der Eiffelturm in den Farben der Rainbowflag. Auf der Fanmeile zur EM wird eine Schweigeminute für die Opfer abgehalten: Fußballfans schweigen für schwule Opfer! Wer immer sich das ausgedacht hat, zwingt da zwei Welten aufeinander, wie sie sich im alltäglichen Leben oft aus dem Weg gehen (müssen).
Ich hätte mir von Merkel eine deutlichere Reaktion gewünscht, ein klares Bekenntnis zu Schwulen, Lesben und Transgendern in Deutschland, ein: „Wir wissen, dass ihr zu unserer Gesellschaft dazu gehört und wir werden euch verteidigen, solltet ihr angegriffen werden – und das nicht, weil eine offene Gesellschaft Leute wie euch aushalten muss, sondern weil sie euch als wertvolle Mitglieder ansieht.“
In diese Richtung hat sich Hillary Clinton geäußert, auch wenn es im heißen Wahlkampf natürlich etwas geschmäcklerisch daherkommt. Trotzdem: Auf ein solches Bekenntnis aus Merkels Mund warten Deutschlands Lesben, Schwule und Transgender seit langem, und hier – nach dem Attentat von Orlando, wo es so einfach anzubringen und so dringend nötig gewesen wäre –, bleibt Merkel lieber bei Allgemeinplätzen aus dem standardisierten Phrasenbaukasten für Trauerfälle.
Nicht zuletzt Merkels unerklärliche Zurückhaltung zeigt, dass es mit queeren Teilhabe an der Gesellschaft längst noch nicht so weit her ist, wie viele sich das in Deutschland wünschen würden oder wir es selbst geglaubt haben.

Und mit dieser ernüchternden Erkenntnis nehme ich die Nachrichten der folgenden Tage auf:
Der Vater des Orlando-Attentäters sagte nach der Tat, sein Sohn hätte sich mal furchtbar über zwei Männer aufgeregt, die sich auf offener Straße geküsst hätten.
Mehrere Kommentatoren berichten von Gegenden in Deutschland, wo sie niemals einen anderen Mann auf der Straße küsssen würden.
Und schauen wir erstmal raus aus Deutschland:
Am Montag nach dem Massenmord von Orlando streitet der UN-Sicherheitsrat über eine Verurteilung. „Streitet“, weil sich Russland und Ägypten gegen einen Verweis auf die sexuelle Identität der Opfer wehren.
Am Dienstag nach dem Attentat lese ich eine kleine Notiz in der Zeitung, in Singapur hätten die Behörden eine Szene von „Les Miserables“ zensiert, in der sich zwei Männer geküsst hätten. Die Stelle wurde aus der Inszenierung gestrichen: zwei weitere küssende Männer, die ausgemerzt wurden. Eins der vielen kleinen Attentate, die tagtäglich weltweit geschehen.
 






Dienstag, 14. Juni 2016

Brauseboys am 16.6.: Heavy Packing

Das alte Spiel (von Frank Sorge)

Die Kassiererin im Supermarkt trägt Schland-Kriegsbemalung. Ich sehe das erst, als ich dran bin, und versuche, das spontan erschrockene Auflachen zu unterdrücken. Gelingt nicht.
"Wat hamse denn?"
"Nichts, ich hab mich nur gefreut, dass ich dran bin."
"Meinen Sie, ich kassiere zu langsam?"
"Nein, schnell. Sie kassieren sehr schnell, Wahnsinn, und da habe ich mich spontan gefreut, dass ich schon dran bin."
"Sie sind nicht von hier?"
"Doch, aber im Tarnmodus", sage ich verschwörerisch.
Darauf lächelt sie schelmisch, was angesichts des Witzes auch nur wieder an der Bemalung liegen kann. Ich muss erneut allen meinen Willen zur Höflichkeit zusammennehmen, denn das sieht mit den Mini-Flaggen auf den Wangen wirklich dämlich aus.
Mit dem Bon gibt sie mir einen zweiten Zettel. "Sie können für das Spiel tippen und was gewinnen."
Ich tippe, liege richtig und gewinne nichts. Das alte Spiel.

Dienstag, 7. Juni 2016

Brauseboys am 09.6.: Wieder in der Nussbreite

ACHTUNG! Am Donnerstag, 09.06. gastieren die Brauseboys in der Nussbreite (Seestraße 106)

ACHTUNG FUSSBALL-EM! Am Donnerstag, 16.06. gastieren die Brauseboys im Mastul. Ab 20 Uhr gibt es ein Vorprogramm, ab 21 Uhr gemeinsames Schauen des Spiels Deutschland-Polen (Eintritt frei)


Helf mir oder hilf mir (von Robert Rescue)

Ich verlasse das Haus in der Seestraße. Auf dem Bürgersteig tollt ein Kleinkind, dahinter folgt die Mutter. Das Kind ruft: »Mutter, hilf mir.« Die Mutter ruft: »Nee, geht nich. Ich telefoniere. Außerdem heißt es, helf mir.« Ich baue mich vor ihr auf und rufe: »Ihr Sohn hat den Imperativ benutzt. Somit hat er recht. Korrigieren Sie sich unverzüglich!«
Die Mutter zeigt mir einen Vogel und spricht Unflätigkeiten in meine Richtung.
Ich setze meinen Weg fort. Hoffentlich folgt die Mutter meiner Aufforderung oder der Junge ignoriert ihren Ratschlag. Sonst bekommt er in seinem weiteren Leben Häme zu spüren. Hätte der Junge »Helfe mir« gesagt, hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Wäre zwar auch nicht richtig, aber wenigstens irgendwie poetisch.

Dienstag, 31. Mai 2016

Brauseboys am 02.6.: Gespräch an der Theke

ACHTUNG! Am Donnerstag, 09.06. gastieren die Brauseboys in der Nussbreite (Seestraße 106)

Gespräch an der Theke (von Robert Rescue)

"Sag mal Joe, das hast doch dieses X-Com gespielt, oder? Ich habe damit angefangen, hänge aber jetzt in dieser Mission fest, wo man auf der Hülle des Alien-Schlachtschiffs landen muss, um die Energiereaktoren auszuschalten. Mir verreckt das ganze Einsatz-Team und ich muss die Mission abbrechen. Weißt du Hilfe?“
„Ah, Mann, ich erinnere mich. X-com ist ein hartes Spiel. Das erfordert viel Taktikverständnis. Jede deiner Entscheidungen hat Auswirkungen auf das spätere Spiel. Das ist echt ein mindfucking Strategiespiel. Ich musste das achtmal beginnen, bis ich kapiert habe, wie es funktioniert. Du musst bei jeder Mission oft speichern und bei jedem Zug genau überlegen, was du machst. Sonst kommst du nicht weiter.“
„Okay. Weißt du was? Ich lasse es sein und schaue weiter Pornos.“

Dienstag, 24. Mai 2016

Brauseboys am 26.5.: Im modernen Fotostudio

ACHTUNG! Am Donnerstag, 09.06. gastieren die Brauseboys in der Nussbreite (Seestraße 106)

Im modernen Fotostudio (von Robert Rescue)

„Das wird keine leichte Aufgabe“, sagt der Mann hinter dem Tresen. Eben hat er mich im Studio fotografiert und jetzt warte ich auf die Passfotos. „Da ist ne Menge zu machen.“ Eine halbe Stunde später frage ich nach. „Gleich habe ich es geschafft. Ganz ehrlich, ihr Gesicht bringt Photoshop an die Leistungsgrenze.“

Dienstag, 17. Mai 2016

Brauseboys am 19.5.: In der Nussbreite

ACHTUNG! Am Donnerstag, 19.05. gastieren die Brauseboys in der Nussbreite (Seestraße 106)

Den Niedergang des Kapitalismus vor Augen (von Robert Rescue)

Ein Obdachloser verlässt bei -5 Grad barfuß den Selbstbedienungsbereich einer Bankfiliale. Drinnen liegen seine Habseligkeiten. Er rülpst laut, stellt sich neben die Tür und pinkelt gegen die Glasscheibe. Dieser Mann, so wird mir klar, ist der lebenden Beweis, dass das Ende des Kapitalismus nahe ist.

Dienstag, 10. Mai 2016

Brauseboys am 12.5.: Nachwuchsförderung

ACHTUNG! Am Donnerstag, 19.05. gastieren die Brauseboys in der Nussbreite (Seestraße 106)

Alles wird teurer (von Robert Rescue)

An der Imbissbude gibt mir die Frau 1,20€ auf einen fünf Euro Schein raus. Komisch, denke ich, da fehlen doch 50 Cent. Wahrscheinlich ist das Essen wieder teurer geworden, rede ich mir ein. Na ja, was soll ich machen, kann mich ja nicht dagegen wehren. Die Wirtschaft macht doch, was sie will. Dann aber eilt die Verkäuferin von den Würsten zurück an die Kasse und legt mir noch ein 50 Cent Stück hin. Ich bin erleichtert.

Dienstag, 3. Mai 2016

Brauseboys am 05.5.: Traumland

ACHTUNG! Am Donnerstag, 19.05. gastieren die Brauseboys in der Nussbreite (Seestraße 106)

Albtraum (von Robert Rescue)

Davon geträumt, dass ich einen Carsharing Dienst benutze und mich nach der Fahrt nicht ordnungsgemäß abmelde, was gewaltige Kosten verursacht. Schweißüberströmt wache ich auf und atme nach einem kurzen Realitäts-Check erleichtert aus. Ich kann überhaupt nicht Autofahren.

Dienstag, 26. April 2016

Brauseboys am 28.4.: Ansage beachten

Beachten Sie die Ansagen oder Laufschriften (von Robert Rescue)

Die Laufschrift an den Abfahrtstafeln der S-Bahn kann einen verrückt machen. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Hinweis vorbeilaufen. Ich kann aus der Entfernung nur lesen: Am 06. und 07., und denke mir, da gehe ich mal näher ran, das könnte ein wichtiger Hinweis sein, der mich womöglich betrifft. Als ich näher komme, lese ich ... öffnet das S-Bahn Werk Erkner seine Tore für interessierte Besucher. Mann, Mann, denke ich und gehe wieder zurück.

Dienstag, 19. April 2016

Brauseboys am 21.4.: Energieübertragung

Energieübertragung (von Robert Rescue)

Neulich stieß ich auf die Facebook-Veranstaltung »Energieübertragung«. Jeden Montag von 19 bis 20 Uhr sendet die Heilerin Ivy Energie. Ort der Veranstaltung ist das eigene Zuhause.
Die Nutzerin Halina fragt: Hallo, ich bin interessiert, wie geht das???
Die Antwort von Ivy: Du setzt oder legst dich zu der angegebenen Zeit hin. Du machst dir Musik und eine Kerze an und entspannst. Den Rest mache ich.
Das klingt befremdlich. Wie macht sie denn den Rest? Erscheint sie als Geistwesen und massiert die Schläfen? Braucht man anschließend einen Exorzisten? Die fehlende Antwort wird den einen und anderen dazu bewogen haben, der Veranstaltung in irgendeiner Weise »fernzubleiben«.
Die Userin Silberdonner sieht die Sache nüchtern: Tut mir leid, aber ich kann gar nicht teilnehmen. Ich bin dann nämlich noch am Arbeiten.
Die Antwort von Ivy: Dann geht das nicht. Außerhalb der eigenen vier Wände wirkt meine Energie nicht. Und du brauchst Musik und eine Kerze.
Ich selbst hatte zu der Veranstaltung zugesagt, habe diese dann aber vergessen. Ich bin auch nicht zuhause gewesen. Schade, ich hätte es mal ausprobieren sollen. Aber vermutlich hätte ich dann die Kerze und die Musik vergessen. Oder die Entspannung.

Dienstag, 12. April 2016

Brauseboys am 14.4.: Donnerstag Girls+Samstag Boys

Moderne Zeiten (Robert Rescue)

In einer Facebook-Gruppe, in der man auch Sachen zum Verkauf anbieten kann, will jemand einen Tisch loswerden. Eine Nutzerin fragt nach den Maßen. Kurze Zeit später lädt die Verkäuferin das Foto eines Zettels hoch, auf dem sie die Maße notiert hat. Mir wird klar, diese Person hat ihr ganzes Leben mit einem Smartphone verbracht.

Dienstag, 5. April 2016

Brauseboys am 07.4.: Die entscheidende Nachricht

Die entscheidende Nachricht (Robert Rescue)

Ich stehe am Tresen meiner Stammkneipe. Ein Typ kommt herein und ruft aufgeregt: „Habt ihr ein Ladekabel für ein iPhone? Es ist dringend!“
Joe, die Tresenschicht schaut nach und findet tatsächlich eines. „Verrückt“, sagt er zu dem Gast. „Wir haben kaum noch Bier im Kühlschrank, der Musikcomputer gibt den Geist auf, aber wir haben ein passendes Ladekabel.“
Der Typ bestellt ein Bier. „Ich habe eben eine Nachricht bekommen, wo die Party steigt, aber der Akku ist leer. Ich brauche genug Saft, damit ich die Nachricht lesen kann, das reicht mir. Ich habe in fünf Kneipen nachgefragt, aber niemand konnte mir helfen. Ihr seid großartig!“
Nach zehn Minuten zieht er sein Smartphone ab, liest die Nachricht und verschwindet. Bislang dachte ich, ich hätte Probleme, aber offensichtlich geht es mir gut. Ich nehme einen Schluck von meinem Bier, denke kurz nach und wende mich an Joe. „Mit einer Powerbank wäre ihm das nicht passiert.“

Mittwoch, 30. März 2016

Brauseboys am 31.3.: Lesewo, Lesewas

Der Moment der Erkenntnis (von Robert Rescue)

Ich halte meine erste elektrische Zahnbürste in der Hand. Auf der Bürste befindet sich Zahnpasta. Ich weiß, dass ich das Gerät erst einschalten darf, wenn ich die Bürste im Mund habe. Aber in diesem Augenblick habe ich es vergessen. Es ist ja mein erstes Mal. Ein denkwürdiger Moment und eine Riesensauerei.
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Donnerstag, 31.3. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

Dienstag, 22. März 2016

Brauseboys am 24.3.: Gute Zeiten

Gute Zeit (von Frank Sorge)

Eigentlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, dass Außerirdische landen. So nette Außerirdische, die eine Flasche Wein mitbringen. Die beim Abendessen, das nicht aus uns besteht, etwas vorschlagen wie: "Lasst mal die Atome ganz und die Verbrennung sein, wir haben da was Hübsches mitgebracht."
Die beim Kaffee danach vom Universum schwärmen, wie groß, wie bunt, wie erhellend. Die auf die Frage nach Blastern, Photonentorpedos und Lichtsäbeln milde lächeln und erzählen, dass Gewalt keine Lösung gewesen ist. Das Zeug aber durchaus noch in Museen zu besichtigen wäre.
Die ihre Medizinkoffer aufmachen, denn "ihr braucht ja schon ein paar Jahre mehr, um euch ein paar dieser Sterne aus der Nähe anzusehen." Die nach dem Dessert dann die Frage stellen, als was wir uns eigentlich sehen würden? Die uns damit in Verlegenheit bringen, zuzugeben, dass es sich bei uns im einzelnen immer um einen Menschen handelt. Bei allen.
Es wäre eine gute Zeit. Auch zum Überlegen, was wir machen, wenn sie nicht kommen.

Dienstag, 15. März 2016

Brauseboys am 17.3.: Federlese

Ahnung (von Frank Sorge)

Vom Balkon aus beobachte ich eine Seniorin. Sie sieht sich verstohlen um und verteilt Meisenknödel in den Hecken des Mittelstreifens. Das kriminelle Potential im Wedding ist wirklich unglaublich. Sie ist nicht die einzige, wiederholt am Tage lassen hier ältere Damen Kerne und Krümel fallen - wie zufällig. Da ist wohl aus Versehen der Beutel gerissen. Ach, und wenn man schüttelt, fällt ja alles raus. So was aber auch. Die Spatzen und Tauben danken es ihren Versorgern. Mit rosigen Wangen sitzen sie bräsig auf den Zweigen und halten verschämt einen Flügel vor den Schnabel, wenn sie aufstoßen müssen. Ist aber auch lecker, das Zeug.
Nach der Seniorin eine kleine Gruppe Jugendlicher, die die Knödel aus den Hecken fischen und rauchen. Der Lebensraum Mittelstreifen ist vielfältig. Über den Dächern lauern Krähen auf die rundgenährten Zwitschervögel und in der Dämmerung kehren Ratten vor ihren Löchern die Reste zusammen, um daraus Eintopf zu kochen. Frühling lässt sein rotes Absperrband vor der Tramlinie flattern. Der Ersatzverkehr kann kommen.

Donnerstag, 10. März 2016

Mittwoch, 9. März 2016

Brauseboys am 10.3. mit Dan Richter und Johannes Kubin

Was alles noch fertig sein wird, wenn der BER eröffnet (von Frank Sorge)

Der BND mit allen rundum dazugehörenden Straßen, Neubauten und Spionage-Fachgeschäften.
Eine Abluftanlage im Kulturverein.
Ein System für eine reibungslos schnelle Terminvergabe beim Bürgeramt.
Eine Grundrenovierung meines Arbeitszimmers.
Die Klimaerwärmung ist gestoppt.

Meine Kinder können dann laufen, hopsen, springen, paragliden
und Slide-Gitarre spielen.
Das letzte Auto mit Verbrennungsmotor wird aus dem Verkehr gezogen.
Weltfrieden.
Im La Luz stehen feste Lesepulte für ergraute und tattrige Vorleser.
Ich freu mich schon.

Mittwoch, 2. März 2016

Brauseboys am 3.3.: Der Super-Donnerstag

Reisepläne (von Frank Sorge)

Die Kinder brauchen Pässe, wir brauchen einen Termin beim Bürgeramt.
"Wollt ihr nicht lieber auf den Mars fliegen?", fragt Freundin Wenke, "dort braucht es noch keinen Pass, und die Vorbereitungen dürften sich vom Aufwand nichts nehmen."
Wir melden Zweifel an, wie kinderfreundlich es auf dem Mars wäre.
"Bestimmt ähnlich karg wie im Warteraum des Bürgeramtes. Je nach Flugroute oder Wartenummer müsst ihr ohnehin mit der Volljährigkeit der Kinder rechnen, wenn ihr am Ziel seid." Die Schwerelosigkeit würde uns aber die Zeit gewiss nicht lang werden lassen.
Das nächste Mal, beschließen wir, denn die Flüge sind schon gebucht. Im Internet gibt es keine Termine vor Reiseantritt, also probieren wir es telefonisch.
In ungewohnter Effizienz werden wir Sekunden nach dem Anruf mit der hoffnungsvollen Bandansage 'Probieren Sie es später nochmal' wieder aus der Leitung geworfen. Keine Wartemusik, kein nächster Mitarbeiter, der gleich Zeit für uns hätte. Was ist da los? Noch verblüffter sind wir, als nach dem x-ten Versuch doch jemand abnimmt.
"Glückwunsch!", sagt der Mitarbeiter. "Hätten Sie stattdessen Lotto gespielt, hätten Sie jetzt ausgesorgt." Termine hat er nicht, aber einen wilden Rat: "Gehen Sie einfach vorbei. Morgen um 7 Uhr mit Sack und Pack und allen Dokumenten."
"Den Kindern auch?"
"Ja, je mehr, desto besser. Bauen Sie richtig Druck auf! Viel Glück!"
Vor dem Bürgeramt schaue ich wenige Stunden später in den sternenklaren Himmel. Da oben leuchtet er, der rote Planet.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Brauseboys am 25.2.: Mit Danny Dziuk und Jürgen Beer

Aufpassen (von Frank Sorge)

Die Kinder entwickeln sich sehr schnell. Ich muss aufpassen, dass sie nicht vor mir erwachsen werden. Gerade noch lagen sie hilflos auf dem Rücken, jetzt stellen sie sich schon überall hin und ziehen Bücher aus den Regalen. Manche davon sind noch nicht gelesen, das sollte ich schnell nachholen. Nicht, dass sie die vor mir lesen, und ich muss doch wissen, was ihre Lektüre ist. Erst einmal, sie werden so schnell groß. Noch sind sie klein, zugegeben, aber sehr klein auch nicht mehr. 
Sie sprechen sogar schon, aber in einer anderen Sprache. Mindestens diese ist mir voraus, denn statt, dass ich sie erlernen könnte, fliegt ihnen bald unsere zu. Keine Illusionen außerdem darüber, dass Babies ja noch alles akzeptieren und mitmachen würden. Der Widerstand hat sich längst formiert, es gibt Krawalle. Viele haben mir geraten, ihnen Rituale beizubringen - aber vor dem Einschlafen machen sie auch von selbst jeden Abend das gleiche Theater. Hier spielen sich Szenen ab wie bei der Auflösung von Demonstrationen, wenn Protestierende unter wildem Gerangel von der Straße getragen werden.
Harmlos sind die Konflikte auch nicht mehr, denn die Bewaffnung der Widerständler schreitet voran. Mit dem stabilen Daumennagel schneiden sie Zeitungen, grüne Blätter und Haut zurecht, erste spitze Zähne zeigen sich. Kleine Tiger im Zoo sehen auch erst einmal ganz niedlich aus.
Immer wieder ertappe ich sie dabei, wie sie mich von der Seite beobachten, sie haben jetzt diesen wissenden Blick. Was auch immer für ein Wettstreit folgen wird, ich ahne, ihn schon verloren zu haben.

Dienstag, 16. Februar 2016

Brauseboys am 18.2.: Alles und Nichts

Mit kleinen Kindern (von Frank Sorge)

"Und? Kommst du zu was?"
"Naja, eigentlich komme ich zu nichts."
"Ach, doof."
"Geht so, immerhin etwas."
"Du meinst, Nichts ist auch etwas."
"Ja, klar. Genaugenommen komme ich sogar zu ziemlich viel nichts. Hätte nicht gedacht, dass man zu so vielen Sachen nicht kommen kann."
"Man muss alles positiv sehen."
"Genau. Wenn ich es recht überlege, mache ich sogar richtig viel, wenn ich zu nichts komme."
"Paradox."
"So viel habe ich vermutlich noch nie gemacht zwischen Aufstehen und Schlafengehen."
"Also kommst du zu mehr?"
"Eigentlich ja, aber davor war natürlich auch weniger Zeit zwischen Aufstehen und Schlafen."
"Äh, was?"
"Da war mehr Schlafen, also weniger Zeit für anderes. Früher war auch mehr Aufstehen."
"Kannst du noch sagen, worüber wir reden?"
"Na klar, über Alles und Nichts."

Donnerstag, 11. Februar 2016

Dienstag, 9. Februar 2016

Dienstag, 2. Februar 2016

Brauseboys am 4.2.: Tönende Texte

Wir vom Milieu (von Frank Sorge)

Es klingelt an der Wohnungstür.
"Ja, hallo?", frage ich durch die geschlossene Tür.
"Hätten Sie kurz Zeit?"
"Äh... nein, wissen Sie, es ist so... diese Wohnung ist Satan geweiht und wir sind jetzt leider wirklich mitten in einer Beschwörung."
"Wir sind keine Zeugen Jehovas, wir sind vom Milieuschutz."
"Ach, so", ich öffne die Tür, "guten Tag."
"Sicher haben Sie gehört, dass ihre Straße jetzt zum Milieuschutzgebiet erklärt worden ist. Wir wollten uns nur kurz vorstellen."
"Sehr schön, ich habe davon gehört."
"Neben dem Schutz Ihrer Mieterrechte ist es auch unser Ziel, den ursprünglichen Flair des Weddings zu erhalten. Wenn Sie erlauben, hier ein paar kurze Hinweise."
"Okay."
"Der Flur vor Ihrer Wohnung ist doch sehr aufgeräumt, ist uns aufgefallen, wenn Sie noch eine Pappkiste oder dergleichen hätten und ein bisschen Unrat zum Rausstellen, wäre es gleich viel heimeliger."
"Unrat? Sie meinen Müll?"
"Ja, zum Beispiel. Wenn Sie ihre vollen Tüten erst einmal hier herausstellen würden."
"Aber da beschwert sich unser Hausmeister."
"Das ist rechtlich jetzt anders mit dem Milieuschutz, Sie können sich jederzeit darauf berufen."
"Interessant."
"Das hilft auch, die Mieten nachhaltig unten zu halten, darüber hinaus: Kochen Sie?"
"Ja, schon, beinahe jeden Tag."
"Dann empfehlen wir unbedingt, in den Flur zu lüften."
"Aha, bei offener Tür."
"Ja, aber auch nicht zu viel, Lüften wird generell überbewertet."
"Gibt es da irgendwie eine Übersicht, was sich da jetzt rechtlich ändert?"
"Ja, die Broschüre haben wir dabei, mit den wichtigsten Tipps und hier ist auch ein Kalender mit unseren Kursangeboten. Wenn Sie Interesse haben. Da Sie ganz zu Beginn ja durch die Tür schon ganz mileugerecht gehandelt haben, darf ich fragen, sind Sie geborener Berliner?"
"Äh, ja."
"Ah, das merkt man gleich. Dann wird das meiste nicht unbedingt was Neues für Sie sein, aber wenn Sie wollen, wir haben auch Unfreundlichkeitskurse zum Auffrischen."
"War ich denn zu freundlich?"
"Na ja, ein wenig, aber wir wollen gar nichts vorschreiben, nur empfehlen. Bei Besuchen wie unseren muss man ja nicht unmittelbar ins Gespräch kommen. Tür zuschlagen und 'Verpisst Euch, Ihr Arschgeigen!' rufen ist so einer der Empfehlungen, wir haben da auch so Klebezettel für die Tür zur Erinnerung."
"Die könnt Ihr euch sonstwo hinstecken."
"Sehr nett, kein Problem."
"Gibts umsonst. Macht jetzt mal langsam die Flocke bitte, ick hab zu tun."
"Na, klar. Ficken Sie sich ins Knie."
"Selber."
Man tut, was man kann.