Dienstag, 21. Februar 2017

Brauseboys am 23.2.: Weddinger Frohsinn

Karstadt (von Frank Sorge)

Bei den Kindern deutet sich eine Sprachexplosion an, aus den ersten hundert Einzelwörtern werden Kombinationen gebildet und täglich neue Partikel dazugelernt. Das ist so wundersam zu beobachten, wie das Zusammenfinden erster Eiweißpartikel zu primitiven Bakterien, die einen mit Leben überwucherten Planeten ergeben. Auch der Urknall stinkt dagegen im Grunde ab, mangels staunender Zuschauer. Als Papa Poetus achte ich natürlich darauf, dass ihr erster Sprachteich der Erkenntnis möglichst naturbelassen bleibt. Ein sicheres Terrain bildet, ein elementarer Grundstock, bevor der ganze Wahnsinn unserer globalen Sprachexplosion über sie hereinbricht.
"Kommt, Kinder, wir gehen noch zu Karstadt", sagen wir unbedarft, und mein Sohn reckt freudig den Kopf nach vorne und sagt: "Karstadt."
"Wow, er hat Karstadt gesagt", sagt meine Freundin, darauf er: "Karstadt, Karstadt, Karstadt."
"Puh, willst du nicht lieber was anderes sagen", versuche ich abzulenken, "ein schöneres Wort, wie gestern zum Beispiel: Eichhörnchen. Sag doch noch mal Eichhörnchen!"
"Karstadt."
Ob er überhaupt weiß, was Karstadt ist, fragen wir uns auf dem Weg die Müllerstraße entlang. "Guck mal, ein Kran", rufe ich Richtung Kinderwagen. Aus dem aber dringt nur heraus: Karstadt.
In Sichtweite des Kaufhauses dann die Gewissheit. Er zeigt sogar drauf. Die Box mit dem Kinderpuzzle, die wir dort erwerben, hält er den ganzen Rückweg in festem Griff. Und auch beim Einschlafen hören wir ihn leise säuseln: Karstadt. Es liegt nicht mehr in unserer Hand.
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Donnerstag, 23.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit bald vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Mittwoch, 15. Februar 2017

Brauseboys am 16.2.: Liebe in der Luft

Kümmernis (von Frank Sorge)

Eigentlich eine typisch amerikanische Situation. An einer Kreuzung von Highways irgendwo mitten im zersiedelten Delaware halten, um Kaffee und Donuts zu kaufen. Die Kinder schlafen glücklicherweise, es bliebe noch Zeit für eine Zigarette auf dem Parkplatz. Alles ist schnell so weit, aber das letzte Feuerzeug funktioniert nicht mehr. Ein Versuch im Donutgeschäft schlägt fehl, keine Werbestreichhölzer oder dergleichen vorhanden, Nichtraucher ringsherum. Draußen aber hält ein Pickup und ein verwitterter, älterer Mann steigt aus, den ich nach Feuer frage. Er hat welches und fragt, woher wir kommen. Seine Großeltern kämen auch aus Deutschland, führt er schnell aus, eine Schwester wäre vor vielen Jahren sogar dorthin zurück, aber er hätte sie bislang nicht besucht. Wenn er auch nie dagewesen wäre, überlege er doch manchmal, ob er nicht auch zurückgehen sollte. Hier lebe er mittlerweile im Grunde ganz allein, außerdem ginge im Land doch alles vor die Hunde, niemand kümmere sich. Nach allem, was er wisse, wäre das bei uns in Deutschland doch anders.
Ich antworte vage. Aber einiges anders, klar, stimme ich zu. Wo man jetzt aber glücklicher wird, wer kann das sagen? Die Zigarette aus, wir drängen zur Weiterfahrt, man wünscht sich 'Take care' und 'Goodbye'. Wäre es nicht so weit, würde ich heute ein halbes Jahr später gern den Gesprächsfaden aufgreifen, und nachfragen, ob er das jetzt mit 'Kümmern' gemeint hätte. Wenn nein, dann solle er ruhig rüberkommen. Man braucht kein großes Land, um einsam zu sein.
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Donnerstag, 16.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit bald vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 


Hinweis: Um den Abend mit garantierter Herzenswärme und Raumtemperatur auszustatten, finden wir vorne im Restaurant statt.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Brauseboys am 9.2.: Ein Flughafen im Walde

Neue Kinderlieder (von Frank Sorge), heute:

Ein Flughafen im Walde, steht still und stumm.
Schaut die schönen Bäume hier ringsherum.
Sag, wie wurden sie so groß,
War denn hier nie etwas los?
Da im Löschteich schwimmt ein Floß.

Ein Flughafen im Walde ist nie allein,
Es krabbeln auf ihm Tiere von groß bis klein.
Schaut, ein Rabe startet dort,
Fliegt an einen andern Ort,
Und erzählt von hier kein Wort.
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Donnerstag, 9.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit bald vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 


Hinweis: Um den Abend mit garantierter Herzenswärme und Raumtemperatur auszustatten, finden wir vorne im Restaurant statt.

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Zum Vormerken:

Samstag, 18.3. >14 Jahre Brauseboys - Ganz großes Kino! Die Jubiläumsshow im Centre Francais mit einer wahnsinnigen Retrospektive unseres Filmschaffens und natürlich uns, die wir seit Anbeginn auf einem roten Teppich lesen. >Beginn 21 Uhr - Weitere Informationen u.a. hier bei der Facebook-Veranstaltung.


Mittwoch, 1. Februar 2017

Brauseboys am 2.2.: Spätwinterhitze

Die Rache ist mein (von Frank Sorge)

Seit Wochen habe ich darauf gewartet und kaum daran geglaubt, dass es noch einmal so kommen würde. Immer sind die Kinder vor uns wach und haben ihre helle Freude daran, uns aufzuwecken, an den immermüden Wracks zu zerren, die ihre Eltern sind. Heute liegt da ein Kind, entspannt und friedlich, und sollte aber längst aufgestanden sein. Das Kind aktiv aufwecken, wie oft hatte ich es mir nicht schon vorgestellt. Aber wie jetzt vorgehen? Auf den Arm nehmen? Nein, so einfach kommt es mir nicht davon. Das muss ausgekostet werden, die Rache ist mein und süß. Leise rufe ich den Namen, streichle den Rücken - keine Reaktion. Eine Spieluhr ans Ohr, kein Effekt. Beherztes Rütteln, ja, das würde wohl helfen, aber ist zu profan. Ich fange lieber an zu kitzeln, ein wenig am Fuß, ein wenig an der Seite, dann am Ohr. Das Ergebnis ist schläfriges Zucken, mauliges Abwehren, unbeeindrucktes Weiterschlafen. Müssen also doch radikalere Methoden her, mal überlegen: 
-Ein Becher Wasser über den Kopf, sehr vielversprechend in jedem Alter. Vielleicht gleich drei Becher und zwischendurch Haare waschen, was im wachen Zustand nicht geht. Eine Klappe, zwei Fliegen. Wenn das nicht reicht, gleich noch die Haare schneiden. Man wacht auf und sieht anders aus, ist das schon Rache genug?
-Wickeln und anziehen, einfach so tun, als wäre es wach. Auch wenn es weiterschläft, auf den Kinderstuhl setzen und Brötchenstücke in die Hand geben. Sich angeregt mit ihm unterhalten.
-Eine Schallplatte mit Disco-Musik auflegen und solange vor dem Bett tanzen und John Travolta mimen, bis es entnervt aufwacht und vor Schreck möglichst schnell selbst losgehen will.
Nach einigen Minuten zaghafter Versuche und Planschmiedearbeiten muss ich mir eingestehen, ich kann das nicht. Wenn es schläft, soll es schlafen. Muss ich mir noch einen Kaffee machen und Zeitung lesen, was für eine Enttäuschung.