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Brauseboys-Politwochen am 25.8.: Mit Klaus Lederer (LINKE)

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Keine Experimente (von Frank Sorge)

Meine einjährige Tochter entwickelte zum Ende der rbb-Abendschau das Experiment, Personen auf der Mattscheibe zu küssen, wie die Moderatoren und Ulli Zelle bei der Außenreportage. Problematisch wurde das nur, als die aktuelle Wahlwerbung zur Berlin-Wahl nachkam. “Hör auf, nein, NICHT Frank Henkel!”, rief ich und stürmte zum Fernseher. 
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Donnerstag, 25.8. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys-Politwochen - frische Texte und politische Gäste
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 


Was wären Wahlen in Berlin ohne unsere Politwochen und den Brauseboys-Kandidat/innencheck? Wir nehmen sie ins Kreuzverhör und prüfen sie auf ihre Weddingkompetenz. Was hat der Sozialismus mit dem Wedding vor, was ist dieses 'Unduldsam' - diese Woche Fragen über Fragen an den Vorsitzenden und Spitzenkandidaten der Berliner LINKE: Klaus Lederer

Eingestellt von : Frank Sorge
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Ficken in Rio (Eine Antwort auf Manuel Schubert in der taz)

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Was bisher geschah: In Rio hat ein Journalist der amerikanischen Unterhaltungsplatform The Daily Beast enthüllt, dass es im olympischen Dorf bei der schwulen Dating-App Grindr, kurz gesagt, rund geht. Dazu streute er Andeutungen über prominente Athleten, die ihn angechattet hätten, sparte nicht mit süffisanten Hinweisen auf deren Identität, und berichtete, auch von muslimischen Sportlern kontaktiert worden zu sein, aus Staaten, in denen Homosexualität streng verboten sei.

So weit, so sensationsgierig. Über The Daily Beast brach ein Shitstorn sondergleichen rein, weil die Andeutungen des Artikels doch in ihrer Konkretheit sehr nach Zwangsouting rochen. Verschiedentlich wurde kritisiert, dass der besagte Journalist hetero gewesen sei. Ich persönlich halte das für nicht sehr relavant. (Ich glaub, die Homomedien ärgerten sich bloß, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen waren. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie sensibler mit Hinweisen auf Identitäten umgegangen wären.)So oder so: Der Chefredakteur vom Daily Beast entschuldigte sich, der Artikel wurde aus dem Netz genommen. So weit, so unangenehm, der Fall schien abgeschlossen.

Doch dann kam Manuel Schubert von der taz.

Ja, ich glaub auch: Normalerweise würde dieser Satz heißen: „Doch dann kam Franz-Josef Wagner von der BILD“ oder „Dann kam Matthias Matussek“, aber nein, auch die taz hat ihre Quartalsirren.

Manuel Schubert wundert sich in einem Artikel, überschrieben mit „Ehrlicher Ficken“, über den Shitstorm, ob dahinter wirklich ein „Bruch der Privatsphäre“ stecke. Noch mehr wundert er sich über prominente Athleten, die dabei auffliegen, „wenn sie sich auf einer weltberühmten schwulen Dating-App mitten im olympischen Dorf nach einem Penis umsehen“ und unkt, sie seien „vielleicht“ „selbst Schuld“ und sicherlich „naiv“.

Gut, naiv ist das vielleicht, aber Apps wie Grindr basieren auf einem Grundkonsens: dass sich dort nur Gleichgesinnte treffen. Sportler fickt Journalist fickt Volunteer fickt Local fickt wenauchimmer ... Informationen aus so einem Medium zutage zu fördern, ist, wie in einem Darkroom das Licht anzuknipsen. Das macht man einfach nicht. Ohne diesen Grundkonsens an Naivität funktioniert schwule Subkultur nicht.

Aber das ist nur ein Teilaspekt. Schubert geht es um das große Ganze: „In jedem Fall sind sie Weltklasseathleten. Sie wissen, dass sie gerade bei Olympia auf der Weltbühne stehen. Als Sportler, aber auch als Staatsbürger, gut bezahlte Werbegesichter, Prominente und Vorbilder. Nur: Welchen Vorbildcharakter hat ein Athlet, der zwar Höchstleistungen erbringt, aber zugleich einen maßgeblichen Teil seines identitären Kerns, das Sexuelle, verbirgt, ja vertuscht und die Öffentlichkeit darüber belügt? Klare Antwort: keinen.“

Unverkennbar: Wir bleiben beim Thema Naivität. Mit der schaut Manuel Schubert auf den Sport. Ich sehe das anders: Sportler sind in erster Linie Sportler. Medaillen werden verliehen für sportliche Leistungen, nicht für Gesinnungen oder charakterliche Brillanz. Es gibt Sportler, die als Vorbilder taugen, andere taugen nicht. Ist so: Die meisten Sportler sind Menschen wie du und ich (auch wenn sie nicht immer so aussehen).

Schubert kapriziert in seinem Text ausschließlich auf Spitzensportler und „gut bezahlte Werbegesichter, Prominente und Vorbilder“. Auch das ist haarsträubend naiv. In Rio sind mehr als 11.000 Athletinnen und Athleten. Wie viele von denen sind prominent, gut bezahlt und Werbegesichter? Maximal 10 Prozent würde ich denken. Das Gros der Olypioniken stellen hingegen die vielen Spartensportler, die Unbekannten aus allen Herren Länder, für die Olympia ein großes Abenteuer ist. Sollen sie das doch mit sexuellen Abenteuern verbinden! Wer möchte es einem schwulen Bogenschützen aus, was weiß ich, sagen wir Pakistan (fiktives Beispiel) verübeln, dass er bei solch einem Abenteuer auch anderweitig zum Schuss kommen möchte?

Natürlich: Wenn ein Starathlet aus einer westlichen Nation seine Homosexualität verheimlicht, weil das Werbeverträge kosten könnte, dann mag man das mit Recht kritisieren, und meinethalben mag man dann auch Gerüchte kolportieren. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass in einer Vielzahl von Staaten dieser Erde Homosexualität verboten und mit drakonischen Strafen belegt ist. Wer da seine Sexualität verbirgt, ist kein schlechtes Vorbild sondern schlicht lebensklug. Und in noch viel mehr Staaten sorgen homophobe Staats- oder Religionsdoktrinen dafür, dass ein Coming-out eine Ächtung als Sportler, mindestens aber ein Ende jeder Sportförderung bedeuten würde. Es geht also auch um sehr existenzielle Fragen. Kann man es jemanden, der mit Leib und Leben Sportler ist, verübeln, dass er da seine Homosexualität im Verborgenen hält?

Dabei argumentiere ich nicht von dem Standpunkt, dass Homosexualität per se „ins Private gehört“. Da stimme ich Manuel Schubert sogar zu, im Grunde ist Homosexualität keine Privatsache, aber ich glaube, das war gar nicht Kern des Shitstorms. Es gibt aber – leider! – viele kluge Gründe, Homosexualität im Privaten zu halten, und der wohl Gewichtigste ist, am Leben zu bleiben. Kurios, dass Manuel Schubert diesen Aspekt so gar nicht betrachtet.

Er verlangt unbedingte „Ehrlichkeit“ von Sportlern, „man muss behelligen, muss offen und authentisch auftreten“. Gut gebrüllt, Schubert, aber dann brüll mal weiter: „It’s Raining Men“ mit ner Regenbogenflagge in der Hand auf einem Markplatz in Theheran. Da beginnen aber sofort die Endausscheidungen im Steinweitwurf.

Genau hier lag der eigenliche Skandal der Daily Beast-Enthüllungen, die jeden Shitstorm gerechtfertigt haben: Ich möchte nicht in der Haut desjenigen schwulen, musilimischen Athleten gesteckt haben, der da (nicht namentlich) erwähnt wurde. Ich möchte mir seine Angst nicht ausmalen, ob da vielleicht nicht doch noch eine Name folgen würde. Ich möchte nicht mal in der Haut irgendeines schwulen, muslimischen Athleten gesteckt haben, denn solche Enthüllungen sind sicherlich geeignet, dass in entsprechenden Delegationen ein Klima des Misstrauens gesät, womöglich richtig Hatz auf vermeintliche Schwule gemacht wird.

All das blendet Manuel Schubert aus. Er schließt seinen Kommentar ab mit der Hinweis, solange Athleten nicht bereit wären, sich zu outen, „sollten sie im olympischen Dorf besser keine Penisse auf Grindr suchen.“ Denn wenn ihre Hetero-Fassade auffliege, stünden sie „auf der Weltbühne zukünftig als Lügner und Betrüger da ... in einer Reihe mit Dopingsündern.“

Das ist nun starker Tobak und wirklich völliger Bockmist. Gewiss, Doping und eine versteckte Homosexualität eint der Aspekt der Unehrlichkeit. Doch bei dem einen betrügt man viele andere, bei dem anderen betrügt man nur sich selbst. Das ist ein gehöriger Unterschied. Und wie gesagt: Leider gibt es immer noch gute und mithin zwingende Gründe für so einen Selbstbetrug. In manch einer homophoben Gesellschaft sind anonyme Dating-Apps wie Grindr die einzige Chance, überhaupt zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen, und sei es auch nur zum Ausleben einer ansonsten völlig unterdrückten Sexualität.

Ich kann viele schwule Athleten gut verstehen, die ihre Homosexualität verstecken. Und natürlich würde ich ihnen mehr Mut wünschen. Es ist toll, wenn Sportler sich outen, und es gibt genug, denen es nicht geschadet hat. (Auch wenn ich mich wundere, dass dieser Aspekt ihres Lebens von Sportreportern, die ja sonst jede Mutter im Publikum, jede Freundin daheim und jede Hauskatze der Kindheit herbeifaseln, einfach ignoriert wird. Dabei hätte man über den im Schubertschen Sinne vorbildlich offen schwulen Wasserspringer Tom Daley zum Beispiel viel erzählen können.)

Immerhin: Sogar Manuel Schubert gesteht Athleten das Recht zu, „selbst zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt sie das öffentliche Bild von ihrer Person um den Aspekt der sexuellen Orientierung vervollständigen“ (das Recht, ihn dauerhaft zu verschweigen, gestattet er allerdings nicht), doch bis dahin „sollten sie im olympischen Dorf besser keine Penisse auf Grindr suchen“. Sprich: Schwule Sporter, die sich - aus welchen Gründen auch immer - für ein Leben im Schrank entscheiden, sollen gefälligst die Tür des Schranks von innen abschließen. Das ist schlicht menschenfeindlich.

Brasilien ist ein liberales Land, in LGBT-Angelegenheiten recht fortschrittlich und offen. Wer möchte es schwulen Athleten vergönnen, diese Offenheit auszuleben, wo doch viele von ihnen aus Staaten kommen, in denen das nicht so ohne Weiteres geht. Soll sagen: Ich gönne jedem Schwulen Athleten jeden Penis, den er in diesen 16 Tagen auftreiben kann. Liebe schwule Sporter in Rio: Haltet eure Penisse nicht bei euch, wie Manuel Schubert euch rät. Benutzt sie. Fickt, so viel ihr könnt. Vögelt, als ginge es um Gold. Nutzt die Freiheit, die Rio euch gibt, und genießt sie in vollen Zügen. Denn wer die Freiheit nie geschmeckt hat, wird nie für sie eintreten.

(Volker Surmann)

Eingestellt von : Volker
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Brauseboys am 18.8.: Lesegold

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Mikrokosmos (von Frank Sorge)

Als es in der Wohnung nun wirklich nichts mehr gibt, was die Kinder nicht einmal in die Hand genommen und mit Schwung im Zimmer umverteilt haben, gehen wir auf den Spielplatz. Ich kann den Wedding auch nicht ewig von ihnen fernhalten, sie müssen lernen, sich durchzusetzen. Das Chaos auf dem Spielplatz im Brennpunkt, das wird sicher eine harte Schule, überlege ich auf dem Weg. Ein erster Brutkessel aus Verwahrlosung, sozialer Härte und dem Recht der Straße.
Vor Ort eine gewisse Ernüchterung. Die anderen Kinder fragen nach, bevor sie etwas von unseren Buddelsachen ausleihen. Sie bringen es sogar zurück. Ältere Fußballrowdies wechseln umsichtig den Spielort, wenn Kleinkinder in die Schussbahn krabbeln. Auf dem Trampolin fragen sie höflich nach, ob sie jetzt springen dürfen. Wenn das der Weddinger Mikrokosmos sein soll, weiß ich auch nicht. Das wäre doch etwas ungewohnt hoffnungsfroh für das große Bild.
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Donnerstag, 18.8. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

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Brauseboys am 11.8.: Geschliffene Worte

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Mit Schwung (gefunden von Frank Sorge)


In Brandenburg auf dem Land ist das Kulturprogramm bodenständig und überschaubar. Wir haben hier am Wochenende immerhin erfolgreich neue Worte geerntet.
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Donnerstag, 11.8. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

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Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

Frank Klötgen
Karl Neukauf
Udo Tiffert
Eingestellt von : Frank Sorge
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Brauseboys am 4.8.: Für eine Handvoll Texte mehr

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WLAN in der Bank (von Robert Rescue)

Meine Hausbank bietet seit kurzem WLAN in der Filiale an. Bis zu einer Stunde kostenlos, wirbt sie auf einem Aufsteller. Fragt sich nur, wer sich so lange dort aufhält?
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Donnerstag, 4.8. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

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Brauseboys am 28.7.: Für eine Handvoll Texte

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Waikiki Gun Club (von Frank Sorge)

Auf Hawaii gäbe es viele Obdachlose, erzählt die Freundin dort auf einem ersten Spaziergang in Honolulu. Nicht alle seien es hier geworden, mitunter würde man als Obdachloser in anderen US-Bundesstaaten ein One-Way-Ticket zur Anreise bekommen, erläutert sie. Denn es falle eine Todesart definitiv aus: Man könne nicht erfrieren.
Wir passieren einige, wie sie am Abend am Strand campieren, die meisten aber fallen in Einkaufs- und Schlenderstraßen als Werber auf. Sie haben bedruckte Westen des 'Waikiki Gun Club' um, halten ein Schild mit dem selben Aufdruck in der Hand. Vermutlich sollen sie auch Flyer verteilen, an Touristen, die mal mit einer richtigen Waffe schießen wollen, aber eigentlich stehen sie nur stumm für ein paar magere Dollar ihre Zeit ab.
Ich sehe niemanden, der sie anspricht oder sich informiert. Als ich begreife, wer hier wirbt, traurig und zerlumpt in gelb bedruckter schusssicherer Weste, unterdrücke ich den drängenden Impuls, an jeder Station schlaue Ratschläge aus mitteleuropäischer Sicht loszuwerden.
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Donnerstag, 28.7. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

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Brauseboys am 21.7.: Pokeboys

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Mit etwas Glück (von Frank Sorge)

"Spielst du auch Pokemon?"
"Nein, ich hatte Glück."
"Glück?"
"Ich wollte ja, aber keines meiner Geräte wird unterstützt."
"Ach, doof, bzw. glückliche Fügung."
"Ob die Fügung so glücklich war, weiß ich nicht, immerhin eine Fügung. Konnte mir nicht so recht erklären, warum das mit meinem Handy nicht gehen soll und hab in einer ruhigen Minute mal nachgesehen."
"Und?"
"Geht natürlich doch."
"Also spielst du das?"
"Nein, ich hab Glück."
"Nochmal?"
"Wegen der richtigen Pokemons."
"Wem?"
"Na die, die ich letztes Jahr im Virchow gefangen habe. Wenn ich mit denen unterwegs bin, kann ich nicht aufs Display starren. Von zu Hause wiederum macht Pokemon Go nicht so einen Sinn."
"Machen das hier nicht alle Eltern unterwegs?"
"Ja, aber das ist ein Fehler, das ist überhaupt nicht nachhaltig."
"Nachhaltig Pokemon-Spielen klingt merkwürdig."
"Man will doch nicht selbst Pokemon-Spielen, im besten Fall, sondern die Kinder spielen es und man selbst kann was Sinnvolles tun. Dass die Kinder es spielen, kann man aber am Besten verhindern, indem man es selbst spielt."
"Warum?"
"Stell dir vor, du bist acht Jahre alt und siehst auf der Straße einen Fünfzigjährigen an deinem Poke-Stop Bälle abgreifen."
"Okay, ich verstehs, sehr uncool, wenn es die Alten auch spielen."
"Exakt, ein bisschen Glück hatte ich aber doch. Wenn ich beim rauchen das Handy einen Meter vor den Balkon halte, erreiche ich den Stop, ohne dass die Kinder unten es merken."
"Und deine?"
"Die schlafen dann. Diese Zeiten muss man wirklich nutzen."
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Donnerstag, 21.7. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

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Brauseboys am 14.7.: Es ist ein Brauseboy

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Willkommenheißung (von Frank Sorge)

Mit Nachwuchs ist es so eine Sache. Das Nachwachsen allein dauert lange. Dann, wenn es überhaupt möglich geworden ist, in die Fußstapfen zu treten, greift erst einmal der Jugendschutz, plötzlich will der Nachwuchs nicht mehr so, wie man es geplant hat, folgerichtig die Rebellion, mit allen Vorwürfen. Man hätte ja so viel Druck aufgebaut über die Jahre, das Vorlesen, so schön es wäre, aber doch keine Herzenssache, eigentlich wäre es immer heimlicher Traum gewesen, Steuern zu prüfen - so hätte man sich jetzt auch heimlich beworben und eine Zusage erhalten. Was nun auch unausweichlich den Umzug nach Fissingen-Trollach mit sich bringen müsse, was das Auftreten auch wegen der Entfernung... Die Retourkutsche dann postwendend, keine Dankbarkeit, verlorene Mühen, weggeworfenes Talent, umgehendes Enterben. Schwenk ins Emotionale, alles nur Projektion, nie geliebt, Tassen fliegen.
Um diesen Vorgang den heranwachsenden Brause-Kindern zu ersparen, und weil wir etwas früher an die Rente denken müssen, als diese volljährig geworden sind, holen wir uns besser jemanden dazu, der von Anfang an mitgewachsen ist. Da muss man dann auch nicht alles erklären. Mit Freude darf ich also verkünden: Ab diesem Donnerstag ist unser Freund und Weggefährte Thilo Bock ein Brauseboy und mit dabei. Nicht nur ist er in allen Jahren häufig bei uns zu Gast gewesen, er hat mit der Zeit seine Vorlesetätigkeit auch immer weiter auf den Wedding ausgedehnt. Hier kennt man ihn 'Dichter als Goethe', als Teil der 'Lesershow' und von anderen Gelegenheiten als witzigen, charmanten Vorleser. Da wir zufällig auch witzige, charmante Vorleser... naja, es passt jedenfalls prima und wir freuen uns sehr. Willkommen, Thilo!

Eingestellt von : Frank Sorge
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Brauseboys am 7.7.: Kurzshow mit EM-Halbfinale

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Postkarte aus Island (von Frank Sorge)

Liebes Publikum,
viele Grüße aus Island. Hier ist es landschaftlich sehr schön. Wenn man keine Bäume mag. Auch findet das Wetter behaglich, wer Temperaturen über 10 Grad schon als Zumutung empfindet. Am ersten Imbiss, den wir aufsuchen, gibt es Schafskopf im Angebot. Im Gegensatz zu, zum Beispiel, 'Armen Rittern', die schon allein deshalb keine wirklichen Ritter mehr enthalten, da diese sehr selten geworden sind, deckt sich die blumige Bezeichnung hier wörtlich mit dem, was man auf dem Teller erhält. Alles in Island ist sehr teuer. Man kann sich aber als EU-Bürger mit seinen Quittungen an lange Schlangen am Flughafen anstellen, um das Leid durch rückerstattete Steuern etwas zu mindern. Leider hat man dann keine Zeit mehr, sich hier etwas außerhalb eines Shopping-Centers anzusehen. An einem heißen Sommertag (12 Grad) waren wir am Strand und haben die Isländer dabei beobachtet, wie sie ausgelassen in Badekleidung über den Sand schlenderten. Durch unsere Skibrillen, auch sonst sensorisch gedämpft noch durch Ohrenschützer und Pudelmützen, war dieses Schauspiel einmalig und unwirklich. Mit diesen Begriffen ist dann letztlich auch die ganze Insel recht zutreffend beschrieben.

Bis Bald im Wedding
Frank Achimsson
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Donnerstag, 7.7. / 20 Uhr
Mastul (Liebenwalder Str. 33, nahe Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit dreizehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

ACHTUNG FUSSBALL-EM! Am Donnerstag, 7.7. Kurzshow mit Public Viewing im Mastul. Ab 20 Uhr gibt es ein Vorprogramm, ab 21 Uhr gemeinsames Schauen des Spiels Deutschland-Frankreich (Eintritt frei).

Ab nächste Woche: Alles wieder normal. Fast.
Eingestellt von : Frank Sorge
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Brauseboys am 30.6.: Kurzshow mit EM-Viewing

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Wunschdenken (von Frank Sorge)

In der Sprache gewinnt gerne mal das Wunschdenken über die Realität. Es steht 0:1 und die zurückliegende Mannschaft erkämpft sich nach zähem Ringen den Ausgleich.
"Das ist die Führung!", ruft der Fernsehkommentator.
"Nein, ist sie nicht", kommentiert mein Nebenmann trocken, "höchstens war das die Führung. Der anderen."
"Muss man doch nicht so eng sehen", sage ich, "so für sich gesehen führen sie endlich mit einem Tor."
"Für sich spielen die aber nicht."
"Ja, im Gesamtspielzusammenhang steht es natürlich 1:1", gebe ich zu, "aber man könnte fast sagen, beide sind in Führung gegangen."
"Der hat sich einfach vertan, können wir weiter Fußball gucken?", ruft jemand dazwischen.
"Beide in Führung gegangen, so ein Quatsch."
"Alles nur Gewöhnung, aber so könnte man dann sogar sprachlich einen Unterschied machen zu einem reinen 0:0."
"Die Mannschaften gingen mit gleich vielen Toren in Führung und trennten sich unentschieden?"
"Der ging ins Aus", sagt der Fernsehkommentator.
"Sieh an, wirklich im Aus", sagt mein Nebenmann, "er kanns wieder."
"Aus klingt so negativ", bemerke ich, "der Ball ist auf dem 'anderen Feld', könnte man auch sagen."
Den Mit-Viewern wird es zu bunt.
"Macht jemand mal den Ton lauter, bitte! Da vorne wird mir zu viel philosophiert."
"Geht nicht, wegen der Nachbarn."
"Die mit den Böllern?"
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Donnerstag, 30.6. / 20 Uhr
Mastul (Liebenwalder Str. 33, nahe Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
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ACHTUNG FUSSBALL-EM! Am Donnerstag, 30.06. und in der Folgewoche (7.7.) Kurzshow mit Public Viewing im Mastul. Ab 20 Uhr gibt es ein Vorprogramm, ab 21 Uhr gemeinsames Schauen des Spiels Polen-Portugal (Eintritt frei)
Eingestellt von : Frank Sorge
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Brauseboys am 23.6.: Spielfrei

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Spielfrei (von Frank Sorge)

Mann ohne Kind: "Donnerstag ist ja spielfrei."
Mann mit kleinen Kindern: "Ich hab nie spielfrei."

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Das "Special-Interest"-Blutbad von Orlando

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Warum schockiert und und bestürzt mich das Attentat in Orlando so sehr? Und wieso wurmt es mich so sehr, dass die bundesdeutsche Öffentlichkeit zunächst viel weniger davon Notiz nimmt als von anderen Attentaten? Nach den Paris-Anschlägen wollten alle Charlie oder Paris sein, nach den Anschlägen in Belgien waren immer noch sehr viele Bruxelles. Nach dem Attentat in Orlando scheint nur die LGBT*-Szene tief berührt zu sein. Wo sind die Trauerflore bei Nationalspielern? Wo bleibt die Frage, ob man an einem Tag mit 49 Toten auf der Bühne lustig sein darf? Wieso wird das Brandenburger Tor nicht angestrahlt in den Farben von ... tja, welchen Farben eigentlich? Amerikas? War das denn ein Anschlag auf Amerika? Nein, es war ein Anschlag auf Schwule und Lesben. Und das macht offenbar alles anders.

Flashback: Mein Blick nach Orlando beginnt Ostern in Berlin: Ich stehe mit zwei Freunden vor dem Berghain an. Ich gehe normalerweise nicht ins Berghain, nur einmal im Jahr zur schwulen SNAX-Party am Karsamstag. Datum: 26. April, vier Tage nach den Anschlägen in Brüssel. Während wir geschlagene drei Stunden in der Schlange stehen, kreisen zeitweise folgende Gedanken in meinem Kopf: Erstens: „Wenn ich IS-Terrorist wäre, dann wäre das hier perfekte Ziel.“ Mindestens zweitausend vergnügungssüchtige Schwule vorm berühmtesten Club der deutschen Hauptstadt. Diese Schlange steht für all das, was der IS am meisten hasst: Westliche Dekadenz, Hedonismus, sexuelle Freizügigkeit, und diese Schlange steht dicht gedrängt und aufgereiht 800 Meter bis zum Baumarkt hinten an der Ecke. Einmal mit ein paar Motorrädern dran vorbeibrettern wie in Paris und dabei aus allen Rohren feuern: Die Opferzahl wäre immens. Zweiter Gedanke: „Und es würde noch nicht jemand mal trauern.“ Denn hier in der Schlange stehen nicht die braven homosexuellen Polohemdenträger aus den Stock-Graphic-Pools, die gern heiraten und Kinder adoptieren wollen. – Was natürlich völliger Quatsch ist: Natürlich sind die hier auch dazwischen, aber heute entspricht hier niemand dem Bild vom Homosexuellen, wie es liberale Werbung, aufgeschlossene Heten und konservative LGBT-Aktivist*nnen gerne idealisieren. Hier steht die versammelte Fetischszene des halben Kontinents, das hedonistische, promiske, exzessive schwule Leben in entsprechender Gear. Unvorstellbar, dass Angela Merkel Opfer in Harness oder Chaps mit nacktem Arsch staatsbetrauern würde – und mögen es noch so viele sein. Unvorstellbar, dass für diese queere Welt das Heterodeutschland sein Facebookprofil regenbogenfarben einfärben würde. Glücklicherweise hielt ein dritter Gedanke diese beiden ersten in Schach: „Warum geht’s bei diesem Scheißeinlass nicht voran?!“
Am Ende habe ich doch ein bisschen aufgeatmet, als ich endlich drin war im Berghain, umgeben von meterdickem Beton, der auch nur eine trügerische Sicherheit gibt, denn wenn Attentäter erstmal im Gebäude sind, wird alles noch viel schlimmer, das haben wir bei allen Bluttaten nach diesem Schema gesehen, aber dazu müssten sie erst einmal reinkommen ... Ich war jedenfalls froh, weg vom Präsentierteller da draußen zu sein.

Nun ist es also passiert. Im Pulse in Orlando, USA. In meiner Betroffenheit fühle ich mich an mein Unbehagen am Ostersamstag erinnert. Es war wohl bloß eine Frage der Zeit, bis auch wir Schwulen, Lesben und Transgender ins Visier des Terrors gerieten – auch
wenn es offenbar kein vom IS gesteuerter Anschlag sondern ein Einzeltäter war, der sich selbst islamistisch radikalisiert hat, und mit seinem Angriff zudem in der Tradition dramatischer Amokläufe steht, die ja, wie mein Kollege Heiko Werning auf Facebook bitter bemerkte, in den USA fast schon zur Folklore zählen.
Undenkbar, dass in Deutschland ein Mann, der zweimal in Visier der Bundespolizei geriete (und wurde er nicht sogar wegen psychischer Probleme behandelt?), so mir nichts dir nichts in einen Waffenladen spazieren und ein Schnellfeuergewehr kaufen könnte. (Dass es dort überhaupt so etwas wie Schnellfeuer- und Sturmgewehre zu kaufen gibt, führt jeden Selbstverteidigungsethos der amerikanischen Waffenlobby ad absurdum.)
Donald Trump, der vor kurzem noch der National Rifle Association bedingungslose Gefolgschaft geschworen hat, erklärt den Amoklauf dann auch kurzerhand zu einem Problem vom außen und feierte sich für seine Forderung eines generellen Einreiseverbots für Muslime. Damit ist es kein Problem der Waffenpolitik mehr, sondern angeblich eins der Einwanderung.
Kein Wort des Mitgefühls von ihm für die Opfer. Wie auch? Schließlich hatte da gerade ein Angehöriger seiner meistgehassten Minderheit 49 Angehörige einer bei seiner Anhängerschaft nicht minder verhassten Minderheit gemeuchelt. Trumps implizit an seine Fans heraustrompetete Argumentation lautet wie folgt: „Schaut, diesmal hat es zum Glück nur Schwuchteln getroffen, aber es könnte auch euch aufrechte Weiße treffen.“ – Kein Wunder, dass die LGBT-Bewegung weltweit entsetzt ist.
Jeder, der nach dem Attentat von Orlando dem Islamhass das Wort redet, sollte sich fragen, inwieweit er sich damit nicht mit dem Wahnsinn Donald Trumps gemein macht. Kein Einwanderungsstopp dieser Welt könnte ein Attentat wie dieses verhindern. Nach allem, was wir bislang wissen, war das Motiv des Orlando-Attentäters wohl eine höchst brisante Mischung aus psychischer Störung, aggressiver Homophobie (womöglich gepaart mit eigenen entprechenden Neigungen) und einer islamistischen Radikalisierung im Sinne von IS und Co. Dem IS war die Tat dann erklärtermaßen gern willkommen.
Doch wir dürfen nicht vergessen: Die religiöse Radikalisierung (gleich welcher Religion oder Konfession) fördert und fordert solche Taten, weltweit. Der radikal-christliche Utöya-Attentäter Anders Breivik wird in seiner Zelle nicht um die 49 Schwule Opfer weinen.
Christliche Fundamentalisten liefern genauso Munition für das Sturmgewehr AK15 wie islamistische Hassprediger des IS.
Und so sehr, wie Donald Trump in seinem Wahlkampf inzwischen versucht, auch die extrem homofeindliche religiöse Rechte der Tea Party für sich zu gewinnen, würde es mich nicht überraschen, wenn auch einer seiner Anhänger irgendwann zum Sturmgewehr griffe.

In Europa wäre ein pychisch labiler, aggressiver, junger Muslim wie Omar Mateen offenbar einer war, vielleicht nach Syrien ausgereist – der IS wirbt ja gezielt verunsicherte, sozial abgehängte junge Männer an –, hätte sich weiter ausbilden und radikalisieren lassen, hätte womöglich dort schon Homosexuelle von Hochhäusern schubsen dürfen und wäre schlimmstenfalls irgendwann zurückgekehrt als Attentäter einer Terrorzelle. In den USA, im Land der Waffendiscounter, schreiten die frisch Islamisierten offensichtlich lieber gleich zur Tat: Amok und Anschlag verbrüdern sich im religiösen Wahn.

Erschwert etwa diese Gemengelage das Entsetzen über die Tat? Wieso kommt es, dass dieses Attentat hierzulande, z.B. in den sozialen Netzwerken, viel weniger Aufsehen erregt als andere zuvor? Sind wir so abgestumpft durch den Terror in Serie? Ist es die schwer durchschaubare Motivlage beim Täter? Ist es doch zu nah an den üblichen Nachrichten von Amokläufen in den USA? Oder hat es schlicht was damit zu tun, dass die Opfer Schwule und Lesben waren? Ist das Attentat von Orlando lediglich ein „Special-Interest“-Blutbad?
Ich habe keine Antworten, aber ich habe Fragen. Und ich glaube auch nicht, dass mehr Solidaritäts-Regenbogenflaggen die richtige Antwort sind.
Natürlich rückt Betroffenheit ein Unglück immer näher an einen persönlich ran. Vielleicht bin ich ja nicht der einzige, der in manch einer Schlange vor manch einer queeren Location zeitweilig etwas Unbehagen spürte.
Je näher man sich der Zielgruppe fühlt, desto stärker die Befindlichkeit. Das Charlie-Hebdo-Attentat fiel in eine Zeit, in der ich mit einem satirischen Jahresrückblick auf der Bühne stand. Natürlich schauten wir ab dann jedes Mal, wenn während der Vorstellung die Tür aufging, etwas bang hinüber. Ich weiß von Kollegen, die in der Zeit draum baten, die Eingangstüren ihrer Spielstätten abzuschließen.
Ich war Charlie, weil ich Satiriker bin. Sonst war ich nichts, nicht Paris, nicht Brüssel. Ich mag auch nicht Orlando sein. Ich war da nie, und in den US-amerikanischen Gayclubs, in denen ich war, hat es mir nie gefallen. Aber ich bin schwul, und betrachte diesen Massenmord schon als Anschlag auf andere sexuelle Identitäten generell. Die Regenbogenflagge auf Halbmast schien mir persönlich als passendstes Symbol für meine Gefühlslage. Wir haben 49 von uns verloren, und wir haben einen Teil unserer mühsam erkämpfen Unbeschwertheit verloren.
Dem IS oder andersgläubigen Fundamentalisten ist es egal, ob der Anschlag gesteuert war oder von einem Sympathisanten kam. Sie jubeln. Und ich fürchte, damit könnte ein Präzedenzfall geschaffen worden sein, und das schürt wohl mein Unbehagen. Ich glaube, das ist auch die Angst, die in der Community umgeht. 

Um so enttäuschender die offizielle Reaktion der Bundesrepublik. Natürlich hat die Kanzlerin recht, wenn sie den Anschlag von Orlando als Anschlag auf eine offene und tolerante Gesellschaft bezeichnet. Ja, er zielte auf die Mitte der Gesellschaft, denn wir sind mitten drin: Lesben, Schwule, Trans*-Persönlichkeiten. Wir sind überall. Und trotzdem ging Merkels Reaktion völlig fehl, blendete sie doch völlig aus, dass dies in allererste Linie ein Massenmord an 49 Schwulen und Lesben war – und das in einem der wenigen Schutzräume für homosexuelle Identitäten, einem queeren Club. Kein Wort der Sympathie für die LGBT-Bewegung kommt der Kanzlerin über die Lippen, uns sei ihr Herz auch noch so schwer.
Ansonsten aber bleibt Merkel selbst nach so einem abscheulichen Attentat ihrer generell distanzierten Linie treu. Sie ist klug genug zu wissen, dass LGBT-Personen zu einer offenen Gesellschaft dazu gehören, aber persönlich ist sie nicht bereit, diese mehr als zu dulden. Das muss man ihr übel nehmen.
In Frankreich erstrahlt der Eiffelturm in den Farben der Rainbowflag. Auf der Fanmeile zur EM wird eine Schweigeminute für die Opfer abgehalten: Fußballfans schweigen für schwule Opfer! Wer immer sich das ausgedacht hat, zwingt da zwei Welten aufeinander, wie sie sich im alltäglichen Leben oft aus dem Weg gehen (müssen).
Ich hätte mir von Merkel eine deutlichere Reaktion gewünscht, ein klares Bekenntnis zu Schwulen, Lesben und Transgendern in Deutschland, ein: „Wir wissen, dass ihr zu unserer Gesellschaft dazu gehört und wir werden euch verteidigen, solltet ihr angegriffen werden – und das nicht, weil eine offene Gesellschaft Leute wie euch aushalten muss, sondern weil sie euch als wertvolle Mitglieder ansieht.“
In diese Richtung hat sich Hillary Clinton geäußert, auch wenn es im heißen Wahlkampf natürlich etwas geschmäcklerisch daherkommt. Trotzdem: Auf ein solches Bekenntnis aus Merkels Mund warten Deutschlands Lesben, Schwule und Transgender seit langem, und hier – nach dem Attentat von Orlando, wo es so einfach anzubringen und so dringend nötig gewesen wäre –, bleibt Merkel lieber bei Allgemeinplätzen aus dem standardisierten Phrasenbaukasten für Trauerfälle.
Nicht zuletzt Merkels unerklärliche Zurückhaltung zeigt, dass es mit queeren Teilhabe an der Gesellschaft längst noch nicht so weit her ist, wie viele sich das in Deutschland wünschen würden oder wir es selbst geglaubt haben.

Und mit dieser ernüchternden Erkenntnis nehme ich die Nachrichten der folgenden Tage auf:
Der Vater des Orlando-Attentäters sagte nach der Tat, sein Sohn hätte sich mal furchtbar über zwei Männer aufgeregt, die sich auf offener Straße geküsst hätten.
Mehrere Kommentatoren berichten von Gegenden in Deutschland, wo sie niemals einen anderen Mann auf der Straße küsssen würden.
Und schauen wir erstmal raus aus Deutschland:
Am Montag nach dem Massenmord von Orlando streitet der UN-Sicherheitsrat über eine Verurteilung. „Streitet“, weil sich Russland und Ägypten gegen einen Verweis auf die sexuelle Identität der Opfer wehren.
Am Dienstag nach dem Attentat lese ich eine kleine Notiz in der Zeitung, in Singapur hätten die Behörden eine Szene von „Les Miserables“ zensiert, in der sich zwei Männer geküsst hätten. Die Stelle wurde aus der Inszenierung gestrichen: zwei weitere küssende Männer, die ausgemerzt wurden. Eins der vielen kleinen Attentate, die tagtäglich weltweit geschehen.
 






Eingestellt von : Volker
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