Mittwoch, 15. November 2017

Brauseboys am 16.11. im La Luz: Mit Katharina Greve & Lüül

Kein feines Spiel (von Frank Sorge)

Ich lasse den Zigarettenstummel achtlos fallen, dabei treffe ich ihn mit der Fußspitze, worauf er in feinem Bogen dem anderen Fuß zur Vorlage fliegt. Die schnelle Verlagerung geschieht automatisch, die andere Fußspitze erreicht die Kippe im Lauf und wirft sie funkensprühend zurück. Der Moment wird in Zeitlupe gedreht, im ganzen Körper werden Erinnerungen wach: Spärliche Einsätze im leidigen Spiel, sinnlose Versuche, den Ball sinnvoll zu treffen, geübtere Beine luchsen ihn ab, der ganze Sinn der Sache erschließt sich mir nicht, das Gerangel und Ego-Gehabe, schließlich das Urteil, mit diesem ungeliebten Sport nichts zu teilen.
Auch die Rückantwort funktioniert, mit Messi-anischem Geschick beschreibt der Stummel einen Bogen und kann vom linken Fuß retourniert werden, jahrzehntelange Unzulänglichkeit stülpt sich in einen Moment genialer Trickserei um. Jetzt abziehen, die Traumvorlage nutzen, das Ei zu den Sternen schießen...
Glanzlos verfehle ich, laufe weiter, ein angeleinter Hund bellt mir hinterher. Hätte ja eh keiner gesehen,  denke ich, oder wenn doch, hätten Beobachter nur kritisch angemerkt, achtlos Kippen wegzuwerfen wäre nun wirklich kein feines Spiel. 
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Donnerstag, 16.11. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Katharina Greve (Komische Kunst)
Lüül (West-Berlin)

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Außerdem:

AUF NIMMERWIEDERSEHEN 2017 - Ab 14.12. bis 6.1. im Comedyclub Kookaburra

Weitere Kommentare zum Weltgeschehen, Satire vom Blatt, Liedgut vom Klavier und Bilder von der Wand in der multimedialen Jahresbilanz der Weddinger Vorlese-Boygroup.


Mittwoch, 8. November 2017

Brauseboys am 9.11. im La Luz: Mit Rattelschneck & ichbinsoso

Neulich in der Steueroase (von Frank Sorge)

„Es ist wirklich das Paradies.“
„Ja.“
„Palmen, Meer, Sandstrand...“
„Null Regulierung, null Steuern, null Fragen...“
„Und es weht immer eine frische Brise.“
„Offshore.“
„Schade, dass wir gar nicht hier sind.“
„Ja, wir sind nur ein Briefkasten.“
„Das Haus ist profan und hässlich.“
„Besteht ja auch im Wesentlichen aus Briefkästen.“
„Ich wäre gern im Paradies.“
„Illegal, sagen sie, haben aber keine Ahnung.“
„Ich wäre so gern illegal. Alles besser als nur ein Briefkasten zu sein.“
„Wir haben ja gar kein Geld. Geld hat man nicht, man macht es.“
„Oder es macht einen.“
„Macht ist Geld.“
„Macht nichts.“
„Was macht dein Geld so?“
„Nichts Gutes, aber es wird mehr.“
„Ach, das Meer...“
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Donnerstag, 9.11. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Rattelschneck (Stulli, das Pausenbrot)
ichbinsoso (Abstrakte Lust)

Mittwoch, 1. November 2017

Brauseboys am 2.11. in der Nussbreite: Hier kommt die Nuss

Wieder mal in der Pizzeria La Rosa (von Robert Rescue)

„Hallo. Ich wollte mal fragen, wie lange ihr heute auf habt?"
„Keine Ahnung."
„Wie jetzt? Wisst ihr eure Öffnungszeiten nicht?"
„Wir machen das nach Gefühl. Ali, wann machen wir heute zu?"
„Ich würde sagen, so in 5 Minuten. Vom Gefühl her."
„Wir haben aber noch ein ganzes Blech Mini-Pizza, Ali."
„Dann halt in einer halben Stunde, Bruder."
„Wir schließen heute in einer halben Stunde."
„Und sonst so? Gestern zum Beispiel? Habt ihr keine festen Zeiten?"
„Nach Gefühl halt. Ali, wann haben wir gestern zugemacht?"
„Keine Ahnung."
„War es nach 23 Uhr oder vorher?"
„Keine Ahnung. Das Pizzablech war alle und vom Gefühl her wollten wir kein neues auslegen. Kann sein, dass es schon 22 Uhr war."
„Aber öffnen tut ihr um 11 Uhr?"
„Kommt drauf an. Ist wichtig, ob Ali oder ich schon hier sind. Sonst später, manchmal früher. Chef sagt, wir sollen flexibel sein."
„Und wenn ich morgen um diese Zeit vorbeikomme?"
„Dann ist vielleicht auf, vielleicht zu. Kommst du besser früher."
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Donnerstag, 2.11. /20.30 Uhr
Nussbreite (Seestraße 106, U6 Seestraße)


Die Brauseboys - Frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Hauck & Bauer (Am Rande der Gesellschaft)
Andreas Max Martin (Ich bin ein Kopfhörer)

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Brauseboys am 26.10.: Nussschnaps in der Seestraße

Flyer in der Post (von Robert Rescue)

Ich finde im Briefkasten einen Flyer von einem Nachbar. Er macht eine Ausstellung seiner Bilder. Ich schaue mir die Karte an, drehe sie hin und her und suche nach dem Button für "Vielleicht" und "Zusagen". Merkwürdige Facebook-Veranstaltung, denke ich mir und schmeiße die Einladung in den Müll.
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Donnerstag, 26.10. /20.30 Uhr
NUSSBREITE (Seestraße 106, U6 Seestraße)


Die Brauseboys - Frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Mascha Potempa (Rauchschwalben am Horizont)
Michael Bittner (Sax Royal, Zentralkomitte deluxe)
Johannes Kubin (Supernett)

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Brauseboys am 19.10.: Sondiert uns

Will das auch (von Frank Sorge)

Nachdem wir nun beim Kinderzahnarzt waren, wundert mich, dass man nicht manche Dinge generell so macht. Alleine auf dem kühlen, harten Zahnarztstuhl Platz zu nehmen, der viele erdenkliche Formen der Folter verspricht, da geht es schon los. Könnte man, wie mit Kind, zusammen auf den Stuhl und der Patient kann sich sanft z.B. auf dem mitgebrachten Partner zurücklehnen, wie viel erträglicher wäre das alles? Intensives Lob macht die kleinen Patienten glücklich - ganz toll gemacht - es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es bei den Erwachsenen plötzlich anders sein sollte. "Herr Sorge, das machen Sie ganz hervorragend. Sehr mutig, sehr gefasst. Jetzt mal den Mund aufmachen, ganz weit, wie ein Löwe, Roar. Sehr gut, Sie Tiger, Sie..."
An der Decke ist ein schönes Meeresbild angebracht, beim Zurücklehnen kann sich das Auge an einer Alge oder einem Fisch hängen, der Betrachter kann sich vom ewigen Rauschen der Meere in uns beruhigen lassen, während die Ärztin den Schlagbohrer ansetzt. Gut, es gibt oft Bildschirme, die zum Beispiel Modeschauen oder Formel 1 zeigen, während die Betäubungswirkung einsetzt, und man sieht, zunehmend deliriert, wippenden Rocksäumen oder qualmenden Reifen zu. Aber so ein gemaltes Bild an der Decke, das beruhigt doch viel nachhaltiger.
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, so heißt es, die Kinder greifen begeistert bunte Ringe aus einer Kiste. Da man ja auch sonst schon überall Gimmicks, Giveaways und Propierpäckchen nachgeworfen bekommt, außerdem die paar Cent dafür die Kosten einer Zahnbehandlung nun wahrlich nicht fett machen, ist das spätere Ausbleiben von Geschenken bei Zahnärzten geradezu ein Skandal. 
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Donnerstag, 19.10. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Insa Kohler (Rakete 2000)
Michael Goehre (Wortstrom)
Herr Binner (Urlaub von der Familie)

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Brauseboys am 12.10.: Bücher einer Ausstellung

Der lustige Mann aus Hessen (von Frank Sorge)

Es ist ja schon komisch, nicht im Supermarkt zu sein, in dem man immer ist. Als ich im Netto Eier besorge, stellt sich dazu ein Mann hinter mich, der mich breit anlächelt. Er steht etwas zu nah, glotzt über meine Schulter, auf meinen fragenden Blick gluckst er. "Ach, nichts", sagt er, "ich freue mich nur."
Dabei könnte er es belassen, finde ich. Freut mich, dass er sich freut, am liebsten noch einen halben Meter weiter entfernt. "Ha", sagt er zu sich, aber ich soll dennoch reagieren, "keine Panik, ich bin ja bald wieder weg."
"Aha", reagiere ich, irgendein Problem an der Kasse deutet sich an.
"Ich bin aus Hessen", sagt er und stellt zwei Flachmänner Pfeffi aufs Band, "und war jetzt eine Woche schon in Berlin." Sachen gibts, überlege ich, die gibts leider einfach. Ich muss ernsthaft mal in den Spiegel schauen, warum so Leute gern an mir hängenbleiben.
"Mannomann", sagt der lustige Mann aus Hessen, "ich hab hier in der Woche Sachen erlebt, das glaubst du gar nicht. Aber in zwei Tagen gehts zurück." Er kichert und schiebt nach: "Endlich dann wieder normale Leute." Jetzt ziehe ich doch eine Augenbraue hoch und reagiere: "In Hessen?"
"Ja, ja", beteuert er, "so viele merkwürdige Leute auf einen Haufen, das gibt's nur hier."
Kein Wunder, überlege ich, wenn die merkwürdigen Leute von woanders lieber nach Berlin fahren, um dort sich über merkwürdige Leute zu wundern, die vielleicht sämtlichst auch hier sind, um sich über merkwürdige Leute zu wundern. Seine Fahne wird nicht angenehmer, während wir den Ausführungen der Kassierin über Bonussysteme und deren Einlösungsbedingungen lauschen, die sie breit einer verwirrten Kundin erklärt.
"Das war, Mannomann", er ringt mit den Worten, "das war so verrückt, da kannst du echt ein Buch drüber schreiben. Ja, ich könnte da locker ein Buch drüber schreiben." Mit einem Lächeln denkt er darüber nach und schaut in die Ferne der Regalreihen. "Das mache ich", sagt er, grinst, lacht.
Glückwunsch, denke ich, einen Leser hast du schon verloren. 
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Donnerstag, 12.10. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Frische Texte & Talk
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Daniel Hoth (Peace, Love & Poetry)
Thomas Franz (Eisbecher mit der Post)

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Brauseboys am 5.10.: Laufen in Laubhaufen

Frischluft (von Frank Sorge)

Ich rauche auf dem Balkon. Durch das Fenster sehe ich, dass mich meine Tochter sucht und sie entdeckt hat, dass ich hier draußen stehe. Freudig kommt sie herbei. Seit kurzem hat sie gelernt, wie man mit Klinken zurechtkommt. Einfach runterdrücken, dann öffnen sich Türen. Nur funktioniert diese etwas anders, wird mir klar, als sie mich mit einem Ruck der Klinke auf dem Balkon aussperrt.
Durch das Fenster strahlt sie mich an, mein Lächeln ist eingefroren, jetzt bloß keinen Fehler machen. Es ist alles nur ein Spiel. 'Und wieder hoch!" sage ich und bedeute es mit Zeichen. Verständnis leuchtet in ihrem Blick, dann wackelt sie lustig davon. Immerhin werde ich, bis zu meiner Rettung, wohl nicht an Frischluft zugrunde gehen.
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Donnerstag, 5.10. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Frische Texte & Talk
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Klaus Ungerer (Der weinende Mörder)
Doctorella (Nur die Gefühle sind echt)

Mittwoch, 27. September 2017

Brauseboys am 28.9.: Ich war noch niemals in Jamaika

real,-Estate (von Frank Sorge)

„Guten Tag, hätten Sie kurz Zeit? Ich möchte Ihnen etwas empfehlen.“
„Ich würde mir ja selba empfehlen, da nich druff einzujehn, aber in Ordnung – weil heute verkaufsoffener Sonntag is.“
„Es ist doch aber Mittwoch?“
„Junger Mann, ick weeß, ‘Carpe Diem’ erscheint Ihnen jetzt noch wie’n Witz, aber dit ändert sich. Ihre Zeit looft ab.“
„Wohnen Sie hier im Kiez?“
„Seh ick aus wie’n Tourist? Ick helf’ Ihnen mal: Wat wolln Se mir denn empfehlen?“
“Eine neue Wohnung! Hier gleich über dem Supermarkt.“
„Uffm Supermarkt? Seh’ ick aus wie ‘ne Taube?“
„Was?“
„Ne Taube.“
„Ne Taube?“
„Sind Se taub?“
„Nein, aber ich verstehe nicht ganz...“
„Sind Sie ‘ne Taube?“
„Der Vogel? Ich denke nicht.“
„Sehn Se, da ham wir endlich wat jemeinsam. Also warum soll ick uffm Dach wohnen?“
„Eine günstige Miete, ein Parkplatz, zentrale Lage und… direkten Supermarktanschluss! Na, wie wär’s?“
„Ach, wenn der Weg zum Einkoofen wegfällt, beweg’ ick mich janich mehr. Nee, ehrlich, uff som Blechdach wohnen wär mir ooch’n bisschen zugig.“
„Aber wir bauen da doch Wohnungen drauf.“
„Ach so, sagen Se dit doch gleich. Jibs da ooch Treuepunkte uff die Miete?“
„Öh, vielleicht.“
„Na, klärn Se dit mal.“
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Donnerstag, 28.9. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

Klaus Bittermann (Edition Tiamat)
Musik von Christos und Andreas (Garküche des Grauens)

Mittwoch, 20. September 2017

Brauseboys-Politwochen am 21.9.: Henkel, Ziolkowski, Krämer

Google-Gedicht zur Wahl (von Frank Sorge)

(Aus Autovervollständigungen zu den Suchanfragen: Wähl, am Sonntag, das kreuz, gegen n)

Wähl mich
wähl oder stirb
wähl auch du cdu
am sonntag arbeiten
am sonntag auto saugen
am sonntag abend
das kreuz mit dem kreuz
das kreuz mit den worten
gegen nagelpilz
gegen nazis
gegen null
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Donnerstag, 21.9. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys-Politwochen - Frische Texte & Talk
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 



Die Bundestagswahl steht bevor. Die Brauseboys nehmen die Wahl zum Anlass, während ihrer Leseshows die Weddinger Bundestagskandidaten auf ihre Weddingtauglichkeit zu prüfen. Zum Brauseboys-Kandidatencheck haben die Kandidaten für den Wahlkreis 75 (Mitte/Wedding) von den fünf wichtigsten Parteien fest zugesagt. Diese Woche zu Gast:


Musik von Sebastian Krämer (Im Glanz der Vergeblichkeit)

Mittwoch, 13. September 2017

Brauseboys-Politwochen am 14.9.: Mit Eva Högl (SPD) und Manfred Maurenbrecher

Schöne Feier (von Frank Sorge)

Wir feiern unsere Hochzeit auf dem Hinterhof, und das ist in erster Linie Logistik. Viele Stühle, viele Tische, viele Gäste, viel Essen, viel viel. Der Innenhof ist mehrfach geteilt, am nächsten Tag spricht mich ein Nachbar aus dem Nebenhaus an. Er hätte es so schön gefunden, wie alles geschmückt und lebhaft gewesen wäre. "Ich habe aus meinem Fenster im ersten Stock noch nie etwas Schöneres gesehen!", sagt er, was mich beeindruckt, da er selbst schon lange in Rente zu sein scheint und sein Mietvertrag wahrscheinlich in den Sechzigern unterzeichnet wurde. Er müsse aber doch fragen, sagt er, eine Idee hätte er ja, was es denn nun eigentlich gewesen wäre.
"Eine Hochzeit", sage ich, fast wirkt er enttäuscht.
"Ach so", sagt er, "so schön wie das aufgebaut war, auch das alles für die Kinder - da habe ich gesagt: Das muss doch was Politisches sein."
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Donnerstag, 14.9. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys-Politwochen - Frische Texte & Talk
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 



Die Bundestagswahl steht bevor. Die Brauseboys nehmen die Wahl zum Anlass, während ihrer Leseshows die Weddinger Bundestagskandidaten auf ihre Weddingtauglichkeit zu prüfen. Zum Brauseboys-Kandidatencheck haben die Kandidaten für den Wahlkreis 75 (Mitte/Wedding) von den fünf wichtigsten Parteien fest zugesagt. Diese Woche zu Gast:

Eva Högl (SPD)

Musik von Manfred Maurenbrecher (Flüchtig)

Freitag, 8. September 2017

"Soll ich's wirklich machen, oder lass ich's lieber sein ...?"


Vorbemerkung: Dieser Text beginnt mit einem Geständnis. Ich bin Mitglied bei den Grünen. Und das seit 24½ Jahren, mehr als die Hälfte meines Lebens. Und ich bin nicht ausgetreten bislang. Noch nicht. Darüber ist dieser Text.



Liebe Grüne,

wenn ich diesen offenen Brief irgendwo vortragen werde, werde ich eine Vorbemerkung vorweg schicken müssen, und erst einmal öffentlich gestehen, dass ich Parteimitglied bin. „Parteimitglied“, das hat im Osten Berlins, wo ich lebe, irgendwie was anrüchiges. Ich weiß gar nicht, wann ich damit angefangen habe, meine Mitgliedschaft bei Euch zu verheimlichen.

Ich verschweige sie noch mehr als meinen Doktortitel. Letzteren verheimliche ich gar nicht aktiv, ich glaub nur nicht, dass er sonderlich wichtig ist. Ich mag damit nicht angeben. Mit meiner Mitgliedschaft bei den Grünen verhält es sich anders. Im Grunde ist sie auch nicht wichtig. Allerdings verschweige ich sie lieber, denn ich möchte damit nicht unangenehm auffallen. Ich glaub, ich geh mit meiner sexuellen Orientierung und meinen diesbezüglichen Vorlieben offener um als mit meiner Parteimitgliedschaft.

Dabei könnte ich prototypischer nicht sein: Homosexueller mit Doktortitel und Eigentumswohnung, zugezogen aus Westdeutschland in ehemaligem Ostbezirk. Man kann nicht typischer grün sein als ich. Ich mach sogar was mit Medien. Fuck, im Grunde könnte meine Demografie für mich wählen gehen.

Vielleicht halte ich deshalb meine Parteimitgliedschaft geheim. Um nicht in den Verdacht geraten, demnächst meine Straße still zu klagen, wie es nebenan im Prenzlauer Berg Usus ist. Als Grüner muss man sich ständig rechtfertigen, erklären, entschuldigen, das nervt. Ich entschuldige mich immer mit meiner Biografie.

10 Jahre war ich bei den Grünen mal sehr aktiv. Im Frühjahr 1993 wurde ich von Euch als sachkundiger Bürger in den Ausschuss für Jugend und Sport meines Heimatörtchens Halle (Westf.) geschickt. Da bin ich auch eingetreten, glaube ich. Ein Parteibuch gibt es bei den Grünen nicht, das älteste Zeugnis meiner Mitgliedschaft ist ein Zuwendungsbescheid für das Jahr 1993. Da war ich 21. Vorher hatte ich mich in der grünen Jugend engagiert, für den Erhalt einer Streuobstwiese in der Innenstadt gekämpft, die die örtliche Sparkasse für einen Parkplatz plattmachen wollte, und gegen die A33, die einmal längs durch alle Naturschutzgebiete Ostwestfalens hindurchgeplant worden war. Ich hab den Tschernobyl-Schock voll mitbekommen. Waldsterben, Ozonloch, FCKW, all that shit. Engagiert war ich immer, aber Schülerzeitung und christliche Jugendarbeit reichten mir nicht aus. Ich wollt auch was ändern. So kam ich mit ein paar Freunden zur grün-alternativen Jugend.

1994 gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern des Bundesverbandes der Grünen Jugend. Fast wär' ich Beisitzer im Gründungsvorstand geworden. Wichtig war unserer ostwestfälischen Abordnung vor allem, die Ultrarealos aus Hessen um Tarek Al-Wazir am Durchmarsch zu verhindern. Es gelang. Tarek Al-Wazir hat es indes nicht geschadet: Er ist heute stellvertretender hessischer Ministerpräsident in einer schwarzgrünen Koalition.

Meinen größten politischen Erfolg verdanke ich allerdings der FDP. Bei der Kommunalwahl 1994 schnitten die Grünen zwar ganz gut ab, aber nur weil die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, fiel der 61. von 61 Kreistagssitzen den Grünen zu. Vom eigentlich aussichtslosen 6. Listenplatz zog ich als jüngstes Mitglied in den Kreistag ein.

Fünf Jahre habe ich dort Politik gespielt. Lange Haare, Jeans und grünes Batikshirt – Gott, sah ich scheiße aus damals bei meinen öffentlichen Auftritten. Meine Mission bestand darin, mich von Bauern beschimpfen zu lassen – entweder im Umweltausschuss oder zu Hause von meinem Vater – und Reden zu halten. Diese funktionierten stets nach demselben Prinzip: Ich trat ans Pult, und sprach so lange, bis SPD und Grüne johlend und grunzend auf ihren Tischen lagen und die CDU-Fraktion Schaum vorm Mund hatte. Zufrieden war ich erst, wenn jemand aus meinen Reihen „Zugabe!“ rief, und die CDU konterte mit dem Vorwurf: „Das war doch Kabarett!“ Politische Satire kann sehr wirkungsvoll sein, wenn man sie an den richtigen Stellen einsetzt. Siehe DIE PARTEI. Sehr reif war das sicher alles nicht, aber ich war 22, und es hat Spaß gemacht.

Fast wäre ich 1995 in den Landtag eingezogen. Es ist eins der schönsten und ulkigsten Erlebnisse mit Euch, liebe Grüne. Während der Bundestagswahlkampf 1994 noch lief, fand im Festspielhaus Recklinghausen der grüne Landesparteitag zur Aufstellung der Wahlliste für die bald folgende Landtagswahl in NRW statt. Diese Listen wurden damals in zermürbenden Kämpfen nach komplizierten Axiomen alternativ-demokratischer Links-Rechts-Arithmetik gestrickt: Realo, Fundi, Linker, Regierungslinker, Öko – einen links, einen rechts, zwei fallen lassen. Zusammen mit ein paar Parteifreunden aus dem Kreis Gütersloh war ich als Delegierter entsandt worden. Zwei Tage zuvor war mir eine Zyste über dem rechten Auge entfernt worden, der Bluterguss breitete sich bin um die Augenhöhle herum aus, ich trug ein veritables Veilchen im Gesicht und wurde auf dem Parteitag unzählige Male gefragt, ob das die verdammten Nazischweine waren.

Inmitten der aufgeheizten Parteitagsatmosphäre und immer zäher werdenden Auszählpausen stupste mich eine Parteifreundin an und meinte: „Hey Volker, willst du nicht in der nächsten Pause mal deinen Text über das Wahlplakat lesen?“

Ich las meine kleine Satire über ein völlig vergurktes Wahlplakat, der Parteitag johlte. Die grüne Seele liebt die Selbstkasteiung. Immerhin darin seid Ihr Euch treu geblieben.

Als der Applaus abebbte, eilte ein Parteitagsdelegierter ans Saalmikrofon und rief unter dem Beifall der versammelten Landesgrünen: „Wer war der Mann und auf welchem Platz kandidiert er?“ In jenem Moment hätte ich nicht viel mehr sagen müssen als: „Volker Surmann, Kreisverband Gütersloh, ich kandidiere für Platz 18.“ Nach Einschätzung politischer Beobachter war die parteitagsmürbe Wahlversammlung so euphorisiert, dass ich mühelos gewählt worden wäre. In den Landtag zogen 1995 überraschend 20 Grüne ein. Ich wär drin gewesen.

Es sind diese Geschichten, die ich aus meiner Biografie nicht mehr wegdenken kann. 10 aufregende Jahre, die ich nicht missen möchte. Und sie sind es auch, die es mir zurzeit schwer machen.

Ich bin nicht gut im Austreten. Ich war mal kirchlich sehr aktiv, hab aber seit 25 Jahren keinen Gottesdienst mehr besucht. Ausgetreten bin ich trotzdem nicht. Seit 44 Jahren Protestant, seit bald 25 Jahren Die Grünen, seit bald 15 Jahren Brauseboy. Mein Therapeut sagt, ich sei eine sehr treue Seele. Es ist mir ein völliges Rätsel, wieso ich Single bin, ich bin ein Superbeziehungstyp, mich wird man auch dann nicht los, wenn man schon seit 15 Jahren nicht mehr miteinander redet.

Das ist in etwa die aktuelle Situation. In Berlin wurde ich bei den Grünen nicht wieder aktiv. Ich verlegte mein Engagement auf schwullesbische und kulturelle Aktivitäten. Außerdem erschienen für mich, der ich aus dem wohl temperierten Bällebad der ostwestfälischen Kommunalpolitik kam, die Berliner Grünen von Anfang an als ein Haifischbecken, das sie tatsächlich auch sind. Siehe die aktuellen Umtriebe einiger Berliner Altrealos zum Wahlboykott gegen die angeblich zu linke Kreuzberger Direktkandidatin Canan Bayram. Aller Trend zum Vegetarismus und Veganismus hin oder her: Nichts sättigt Berliner Grüne mehr als ein kräftiger Biss in die Wade des innerparteilichen Gegners. Da hab ich mich lieber gleich tot gestellt. Meinen Mitgliedsbeitrag habe ich seit der Euroumstellung nicht mehr geändert. Ich weiß dass die unteren Parteiebenen an die Landes- und Bundesverbände pro Mitglied einen gewissen Betrag abführen müssen. Ich glaube, ich koste die Kreuzberger Grünen mehr, als ich zahle. Eigentlich hätten sie mich längst rauswerfen müssen.

Ihr Grünen und ich. 24½ Jahre. Wir könnten bald Silberhochzeit feiern. Und wir geben ein sehr typisches Silberhochzeitspaar ab. 10 Jahre hat's gefunkt, danach nicht mehr miteinander gesprochen und trotzdem treu geblieben. Heute frage ich mich wieso, eigentlich.

Es war immer ein unbestimmtes Gefühl, dass ich politisch schon irgendwie aufgehoben wäre bei Euch. Aber im Grunde hab ich keine Ahnung, was ihr zurzeit fordert oder wollt. Ein bisschen ist es eben doch wie einer Beziehung: Am Anfang vertraut man sich blind, und irgendwann weiß man nicht mehr, was der Partner in seinem Hobbykeller eigentlich so anstellt.

Ich weiß nicht, was Katrin Göring-Eckart und Cem Özdemir im grünen Hobbykeller so basteln. Viele sagen: Sie zimmern an schwarzgrün und sonst nicht viel.

Bei der letzten Urwahl habe ich sie nicht gewählt. Und schon da hatte ich Gewissensbisse. Hatte ich als langjährige und zunehmend uninformierte Karteileiche eigentlich das Recht, mit abzustimmen? Wer war ich, mich zu beschweren, dass ich zur weiblichen Kandidatin nur Ja oder nix sagen konnte, aber nicht Nein, es sei denn ich lehnte auch die drei männlichen Kandidaten ab. Vielleicht hatte man einfach keine bessere Kandidatin gefunden. Kannte ich mich da noch aus? Vielleicht hatte die viel bessere Spitzenkandidatin auch schon Urlaub gebucht für September 2017 und konnte sich deshalb nicht zur Wahl stellen - was wusste ich denn schon?

Was sind die Politikfelder der beiden Spitzen? Nicht mal das weiß ich. Göring-Eckart soll irgendwie ganz nett sein. Aber ein „Ministry of Nettness“ gibt' ja nicht. Eine Ministerin für Kirchenfragen oder Leiterin der Glaubenskongregation brauchen wir auch nicht. Cem Özedmir sagt immer zu allem irgendwas und kommt immer sehr eloquent rüber. Meistens vergesse ich allerdings sofort wieder, was er sagt: In einer Bundesregierung wäre er der ideale Regierungssprecher.

Immerhin: Wahl-o-Mat und Co bescheinigen mir, immer noch zu 75-80 Prozent Grüner zu sein. Und Tatsächlich sind die Grünen meiner Wahrnehmung noch immer noch die einzige Partei, die Umweltpolitik macht und kann. Glaube ich. Leider hört man davon nicht allzu viel.

Viel mehr hört man von Winfried Kretschmann und seinem Einsatz für Autokonzerne.

Anfangs fand ich den schwäbelnden Studienrat ja noch ganz drollig und grüner Ministerpräsident … ja, war schon ganz cool. Kurz. Heute ist es mir unangenehm, in derselben Partei wie Winfried Kretschmann und Boris Palmer zu sein. Aber wieso sollte deshalb ich gehen? Können nicht einfach die gehen?

Ich hab nicht mal per per se Angst vor schwarz-grün. Im Kreis Gütersloh damals regierten wir 5 Jahre mit einer Einstimmenmehrheit Rot-grün-unabhängige Wähler. Es war immer die SPD, die samstagmorgens um 8:30 Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn der Kreistagssitzung ankam und mühsam ausgehandelte Kompromisse noch mal schnell nachverhandeln wollte, weil ihr noch irgendeine Wählergruppe eingefallen war, die sie zu prellen befürchtete. Es war grässlich. Samstags, 9 Uhr Kreistagssitzung. Mann, muss ich überzeugt gewesen sein!

Die nächste Wahlperiode war ohne klare Mehrheitsverhältnisse. Je nach Thema gab es wechselnde Mehrheiten. Und das lernten wir damals an der CDU zu schätzen: Wenn man sich mit ihr in irgendeiner Sachfrage mal auf einen Kompromiss verständigt hatte, dann galt der auch. Allerdings gab es im Kreis Gütersloh auch keine CSU.

Insofern bin ich nicht grundsätzlich gegen Bündnisse mit der CDU, aber ich traue der aktuellen Führungsriege der Grünen nicht zu, ein solches Bündnis gut zu schmieden. Ich befürchte da dann doch ein Weiter-so mit minimal grünerem Anstrich. Ich kann daher jeden Menschen verstehen, der die Grünen deshalb nicht wählen will.



Jahrelang hab ich gedacht, ich hätte mich in den 15 Jahren meines Karteileichendaseins von den Grünen entfernt. Wie mit der optischen Täuschung am Bahnhof, wenn der Zug anfährt. Plötzlich schaut man raus und denkt kurz: Huch, wieso fährt denn der Bahnhof plötzlich weg? Tatsächlich fuhr man natürlich selbst mit dem Zug ab. Und so hatte ich jahrelang gedacht, ich hätte mich von denen Grünen entfernt, aber nein. In diesem Fall tuckert der Bahnhof tatsächlich weg! Ich steh politisch noch in etwa da, wo ich vor 20 Jahren stand. Nur die Partei hat sich von mir wegbewegt.

Ich stand bei den Grünen politisch immer irgendwo zwischen Linken und Realos. Ich hab Hans-Christian Ströbele immer gewählt. Ich war selten seiner Meinung, aber immer froh, dass es ihn gab. Weil die Grünen den linken Flügel brauchen, denn wenn der rechte Flügel zu schwer wird, dreht man ab nach rechts – und nach unten. Die Bundestagswahl 2017 wird womöglich die allfällige Bruchlandung.



Neulich hatte ich eine absurde Facebook-Diskussion mit einem jungen Grünen. Ich mag ihn eigentlich ganz gern, aber er postete etwas völlig Unsinniges. Weil ein zu schnelles Carsharingauto einen Fußgänger totgefahren hat, solle man über eine automatische Tempodrosselung der Fahrzeuge nachdenken, und prompt pflichteten ihm andere Grüne bei, ja auf 50 oder 70 drosseln, man habe auch schon mal einen Carsharingnutzer gesehen, der zu schnell gefahren sei oder sein Auto nicht angekriegt hätte, natürlich ein Tourist!

Nun ist es so: Überhöhte Geschwindigkeit und Menschen totfahren ist schon verboten. Woher kommt dieser Reflex, wegen des Fehlverhaltens einzelner eine weitere Gängelung für alle zu fordern?

Warum ich Euch Grünen diese absurde kleine Anekdote erzähle? – Weil ich plötzlich und zu meiner eigenen Überraschung danach den unbändigen Wunsch verspürte, bei Euch jetzt und sofort auszutreten. Aber wieso eigentlich?

Ich hab versucht, das zu ergründen: In den letzten Jahren habe ich oft gesagt: Ach, die Grünen, die Bundespartei, ja die haben vielleicht grad keine starken Leute, aber der Kurs passt schon noch. Und ich kenne ja junge Grüne, die ich für sehr verständig und patent halte. Denen vertraue ich.

Aber diese absurde Facebook-Diskussion zeigte mir: Neee! Es geht mir nicht um diese Schnapsidee, es geht mir um den Reflex, der dahinterliegt: Ein vermeintliches Problem sofort durch eine neue gesetzliche Maßnahme lösen zu wollen. Dieser „Erziehungsreflex“ hat die Partei durch und durch ergriffen! Oder war das schon immer so, und hab ich es nur jahrzehntelang nicht bemerkt?

Oder habt Ihr, liebe Grünen, in den letzten Jahren Euer Menschenbild so dermaßen verändert, dass Ihr die Bevölkerung als etwas betrachtet, das man gefälligst auf den richtige Weg schubsen muss, ob sie nun will oder nicht. Weil Ihr halt besser wisst, was gut für sie ist?

Vielleicht sind einfach zu viele Pädagogen bei den Grünen …

Erklärbar wäre das. Wo die Machtoption vor 'nem Vierteljahrhundert noch eine viel seltenere war, mussten die Grünen überzeugen und für ihre Positionen werben; seit die Machtoption ein sehr vertrautes Gefühl ist, liegt ein neues Gesetz meist nicht weit entfernt. Und Beschließen ist nun mal bequemer als Überzeugen.

Aber Moment, ist das wirklich so? Stimmt es, dass die Grünen zur halblinksliberalen ökopastoralen Gesinnungspolizei verspießert sind?

Kurz nachdem ich diesen Gedanken auf Facebook gepostet hatte, rief mich ein alter grüner Weggefährte an: Das stimme doch gar nicht. „Bei den Grünen verbietet dir niemand was! Das darfst du so nicht sagen!“

Und richtig ist: Das Image der Grünen als „Verbotspartei“ wird von AfD und anderen Rechtspopulisten intensiv befeuert. Bin ich, als grüne Karteileiche, hier bloß auf plumpe Propaganda hereingefallen? Zeichne ich mit dem Bild einer verkniffenen ökopastoralen Partei unbewusst meine Sicht auf Katrin Göring-Eckardt nach? Oder sind die Grünen wirklich zur Volkserziehungspartei geworden, die die Bevölkerung zum richtigen Leben erziehen will, indem sie immer, wenn man etwas falsch machen könnte, einmal mit dem Rohrstock (nur echt aus grünem Biobambus) auf die unartigen Finger schlägt?

Nein, ich werd da jetzt nicht den Vegieday anführen, da ich weiß, dass diese angebliche Forderung der Grünen in dieser Art niemals erhoben wurde, sondern eine Fake-News der Bild-Zeitung war. Allerdings sehe ich sehr wohl die Gefahr, dass die vegane Bewegung die Grüne Umweltpolitik irgendwann ebenso vor sich hertreiben könnte, wie die Tierrechtler schon den Naturschutz vor sich hergetrieben haben.

Mir fällt aber als Beispiel der Nichtraucherschutz in NRW ein: Da wurde eine Regelung eingeführt, wie sie auch in Berlin gilt. Die Kneipiers und Clubbetreiber bauten Raucherräume, zogen Wände, beauftragten Architekten, Glaser und Maurer, und 5 Jahre später beschloss die rotgrüne Landesregierung auf Betreiben der Grünen ein komplettes Rauchverbot, alle Umbauten für die Katz. In vielen NRW-Kneipen hatten Grüne danach Lokalverbot. Ich kann's verstehen. Mir fällt ein, dass Winfried Hermann, seinerzeit grüner Verkehrsminister aus Baden-Württemberg, die Helmpflicht für Radfahrer forderte. Nichts gegen Fahrradhelme, aber ich finde, erwachsene Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, wie matsch ihre Birne nach einem Unfall sein darf. Da glaube ich an die Selbstverantwortung.

Wisst Ihr, liebe Grüne, wie Ihr mir manchmal vorkommt? Wie meine Omma damals, die in allerbester Absicht neben mir stand und forderte: „Iss das, Junge, das ist gesund für Dich!“

Und ich sagte: „Ich mag aber nicht!“

Vielleicht funktioniert Schwarz-Grün deshalb so gut: Weil Mutti und Omma dann gemeinsame Sache machen.



Liebe Grüne, ich weiß nicht, wie ich rauskommen soll. Aus Eurer Partei (und ob überhaupt), aus diesem viel zu langen Brief. Ich kriege Euch einfach nicht zu fassen.

Vielleicht werde ich Euch wieder wählen. Ihr seid schon ganz okay, glaub ich. Unter dem, was zur Wahl steht, seid ihr noch das Beste, soll heißen das kleinste Übel. Aber kann ich in einer Partei bleiben, die ich seit Jahren nur als das kleinste Übel ansehe?

Der normale Weg ist, dass man vom Sympathisanten einer Partei irgendwann zum Mitglied wird. Aber was ist schon normal? Normal wird man vom Poetry Slammer irgendwann zum Berufskabarettisten. Ich hab's umgekehrt gemacht, geht auch. In meiner Biografie gäbe es also schon einen Präzedenzfall. Ich könnt ja wieder Sympathisant werden.

„Sollen wir es nicht noch mal miteinander versuchen?“, fragt ihr mich.

„Weiß nicht“, höre mich antworten. „Ich brauch da noch Bedenkzeit. Aber selbst wenn ich Schluss mache, können wir ja Freunde bleiben.“ Aber ich weiß natürlich selbst, was das normalerweise bedeutet.



VS, 7.9.2017






Nachbemerkung:
Dieser Text ist im Grunde unvollendet, er drückt lediglich einen Zwischenstand meiner Gedankengänge zu einem sehr bestimmten Zeitpunkt aus. Ich habe ihn für den Auftakt der Politwochen der „Brauseboys“ und eigentlich nur zum einmaligen Vorlesen verfasst, nicht zur Veröffentlichung. Dass ich ihn dennoch online stelle, liegt daran, dass mich mehrere Grüne und grün-nahe BesucherInnen des Abends ausdrücklich darum gebeten haben.

Mittwoch, 6. September 2017

Brauseboys-Politwochen am 7.9.: Mutlu, Rauhut, Dziuk

Was ist Berlin? (von Frank Sorge)

„Hallo?"
Eine Antwort wird nur gebrummt. Der jungen Frau im Tabakladen mit Poststelle ist offenbar heiß im roten Pullover. Sie stöhnt auf, dann atmet sie schwer aus. „Moment“, sagt sie, winkt ab und schaut mich nicht an.
Ich lasse sie atmen und transpirieren. Womöglich musste sie kurz zuvor etwas Schweres im Lager tragen und aufstapeln. Die Hitze, ein schwacher Moment, die Pakete purzeln zu Boden. „Scheiße, verdammt“ rufen, noch einmal. So könnte es gewesen sein, da muss man jedem die Zeit gönnen, sich mit ein paar Atemzügen wieder in Form zu bringen.
Meine Audienz lässt auf sich warten, ich habe einen Brief schon auf die Waage am Tresen gelegt. Er ist zu schwer, sehe ich. „Wat brauchen Se denn?“
„Der Brief ist zu schwer, da müssen noch fünfzehn Cent mehr drauf.“
Ein Blick wie aus der Notaufnahme für Aussätzige, sie wiegt noch einmal, zieht Briefmarkenheftchen hervor. Das erste wird malträtiert, eine der vier 10-Cent-Ergänzungsbriefmarken unter Verlust fast aller Ecken und Fransen mürrisch herausgerissen. Das Befeuchtungsschwämmchen wird damit grob zu Boden gedrückt. Fast glaube ich, es leise wimmern zu hören, aber das ist nur ihr pfeifender Atem aus Abscheu. Der Fetzen wird irgendwo auf den Brief geklatscht, dann noch die fehlende 5-Cent-Marke auf gleiche Weise. Immer wieder drückt sie den Briefmarkenrest in das Schwämmchen, um es zu ersäufen. „Is dit allet?“ werde ich freundlich angebellt.
Fast möchte ich klatschen. Mit Begeisterung danken für die Show, die sie aufgeführt hat, ‚Zugabe’ rufen. Was ist Berlin? - eine Revue. Nur hier auf ganz großer Bühne.
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Donnerstag, 7.9. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys-Politwochen - Frische Texte & Talk
Jeden Donnerstag nehmen Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern.  Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit vierzehn Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 



Die Bundestagswahl steht bevor. Die Brauseboys nehmen die Wahl zum Anlass, während ihrer Leseshows die Weddinger Bundestagskandidaten auf ihre Weddingtauglichkeit zu prüfen. Zum Brauseboys-Kandidatencheck haben die Kandidaten für den Wahlkreis 75 (Mitte/Wedding) von den fünf wichtigsten Parteien fest zugesagt. Diese Woche zu Gast:

Özcan Mutlu (B'90/Die Grünen)
Steve Rauhut (Die Linke)

Musik von Danny Dziuk (Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer)