Mittwoch, 24. Februar 2016

Brauseboys am 25.2.: Mit Danny Dziuk und Jürgen Beer

Aufpassen (von Frank Sorge)

Die Kinder entwickeln sich sehr schnell. Ich muss aufpassen, dass sie nicht vor mir erwachsen werden. Gerade noch lagen sie hilflos auf dem Rücken, jetzt stellen sie sich schon überall hin und ziehen Bücher aus den Regalen. Manche davon sind noch nicht gelesen, das sollte ich schnell nachholen. Nicht, dass sie die vor mir lesen, und ich muss doch wissen, was ihre Lektüre ist. Erst einmal, sie werden so schnell groß. Noch sind sie klein, zugegeben, aber sehr klein auch nicht mehr. 
Sie sprechen sogar schon, aber in einer anderen Sprache. Mindestens diese ist mir voraus, denn statt, dass ich sie erlernen könnte, fliegt ihnen bald unsere zu. Keine Illusionen außerdem darüber, dass Babies ja noch alles akzeptieren und mitmachen würden. Der Widerstand hat sich längst formiert, es gibt Krawalle. Viele haben mir geraten, ihnen Rituale beizubringen - aber vor dem Einschlafen machen sie auch von selbst jeden Abend das gleiche Theater. Hier spielen sich Szenen ab wie bei der Auflösung von Demonstrationen, wenn Protestierende unter wildem Gerangel von der Straße getragen werden.
Harmlos sind die Konflikte auch nicht mehr, denn die Bewaffnung der Widerständler schreitet voran. Mit dem stabilen Daumennagel schneiden sie Zeitungen, grüne Blätter und Haut zurecht, erste spitze Zähne zeigen sich. Kleine Tiger im Zoo sehen auch erst einmal ganz niedlich aus.
Immer wieder ertappe ich sie dabei, wie sie mich von der Seite beobachten, sie haben jetzt diesen wissenden Blick. Was auch immer für ein Wettstreit folgen wird, ich ahne, ihn schon verloren zu haben.

Dienstag, 16. Februar 2016

Brauseboys am 18.2.: Alles und Nichts

Mit kleinen Kindern (von Frank Sorge)

"Und? Kommst du zu was?"
"Naja, eigentlich komme ich zu nichts."
"Ach, doof."
"Geht so, immerhin etwas."
"Du meinst, Nichts ist auch etwas."
"Ja, klar. Genaugenommen komme ich sogar zu ziemlich viel nichts. Hätte nicht gedacht, dass man zu so vielen Sachen nicht kommen kann."
"Man muss alles positiv sehen."
"Genau. Wenn ich es recht überlege, mache ich sogar richtig viel, wenn ich zu nichts komme."
"Paradox."
"So viel habe ich vermutlich noch nie gemacht zwischen Aufstehen und Schlafengehen."
"Also kommst du zu mehr?"
"Eigentlich ja, aber davor war natürlich auch weniger Zeit zwischen Aufstehen und Schlafen."
"Äh, was?"
"Da war mehr Schlafen, also weniger Zeit für anderes. Früher war auch mehr Aufstehen."
"Kannst du noch sagen, worüber wir reden?"
"Na klar, über Alles und Nichts."

Donnerstag, 11. Februar 2016

Dienstag, 9. Februar 2016

Dienstag, 2. Februar 2016

Brauseboys am 4.2.: Tönende Texte

Wir vom Milieu (von Frank Sorge)

Es klingelt an der Wohnungstür.
"Ja, hallo?", frage ich durch die geschlossene Tür.
"Hätten Sie kurz Zeit?"
"Äh... nein, wissen Sie, es ist so... diese Wohnung ist Satan geweiht und wir sind jetzt leider wirklich mitten in einer Beschwörung."
"Wir sind keine Zeugen Jehovas, wir sind vom Milieuschutz."
"Ach, so", ich öffne die Tür, "guten Tag."
"Sicher haben Sie gehört, dass ihre Straße jetzt zum Milieuschutzgebiet erklärt worden ist. Wir wollten uns nur kurz vorstellen."
"Sehr schön, ich habe davon gehört."
"Neben dem Schutz Ihrer Mieterrechte ist es auch unser Ziel, den ursprünglichen Flair des Weddings zu erhalten. Wenn Sie erlauben, hier ein paar kurze Hinweise."
"Okay."
"Der Flur vor Ihrer Wohnung ist doch sehr aufgeräumt, ist uns aufgefallen, wenn Sie noch eine Pappkiste oder dergleichen hätten und ein bisschen Unrat zum Rausstellen, wäre es gleich viel heimeliger."
"Unrat? Sie meinen Müll?"
"Ja, zum Beispiel. Wenn Sie ihre vollen Tüten erst einmal hier herausstellen würden."
"Aber da beschwert sich unser Hausmeister."
"Das ist rechtlich jetzt anders mit dem Milieuschutz, Sie können sich jederzeit darauf berufen."
"Interessant."
"Das hilft auch, die Mieten nachhaltig unten zu halten, darüber hinaus: Kochen Sie?"
"Ja, schon, beinahe jeden Tag."
"Dann empfehlen wir unbedingt, in den Flur zu lüften."
"Aha, bei offener Tür."
"Ja, aber auch nicht zu viel, Lüften wird generell überbewertet."
"Gibt es da irgendwie eine Übersicht, was sich da jetzt rechtlich ändert?"
"Ja, die Broschüre haben wir dabei, mit den wichtigsten Tipps und hier ist auch ein Kalender mit unseren Kursangeboten. Wenn Sie Interesse haben. Da Sie ganz zu Beginn ja durch die Tür schon ganz mileugerecht gehandelt haben, darf ich fragen, sind Sie geborener Berliner?"
"Äh, ja."
"Ah, das merkt man gleich. Dann wird das meiste nicht unbedingt was Neues für Sie sein, aber wenn Sie wollen, wir haben auch Unfreundlichkeitskurse zum Auffrischen."
"War ich denn zu freundlich?"
"Na ja, ein wenig, aber wir wollen gar nichts vorschreiben, nur empfehlen. Bei Besuchen wie unseren muss man ja nicht unmittelbar ins Gespräch kommen. Tür zuschlagen und 'Verpisst Euch, Ihr Arschgeigen!' rufen ist so einer der Empfehlungen, wir haben da auch so Klebezettel für die Tür zur Erinnerung."
"Die könnt Ihr euch sonstwo hinstecken."
"Sehr nett, kein Problem."
"Gibts umsonst. Macht jetzt mal langsam die Flocke bitte, ick hab zu tun."
"Na, klar. Ficken Sie sich ins Knie."
"Selber."
Man tut, was man kann.