Dienstag, 31. Juli 2012

Brauseboys am 2.8.: Weddingversteher


Weddinger Idylle

Der Spätverkäufer steht mittags vor dem Spätkauf und weist mich Vorbeischlendernden auf etwas hin. Durch die Scheibe sehe ich auf einem Getränkekasten einen Spatz sitzen, der uns gleichfalls von innen beobachtet.
"Der kommt öfter", sagt der Spätverkäufer.
"Und welches Bier kauft er immer?", frage ich.
"Radeberger."
Ich komme der Scheibe zu nah, der Vogel startet und flattert durch die offene Tür nach draußen. "Oh, Entschuldigung", sage ich und weiß nicht genau, zu wem eigentlich.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Brauseboys am 26.7.: Sonne und Senf


Versprechungen

Sämtliche Kritik am Sommer ist verstummt, denn jetzt soll es ja endlich losgehen mit den heißen Tagen. Müsste man aber nicht ein wenig konsequenter mit der Jahreszeit sein? Wenn man nach zwei Sonnentagen sofort wieder frohlockt und alles vorherige vergisst, lernt die doch nichts. Das merkt der Sommer doch, dass die Kritik nicht nachhaltig war, da kann er sich versonnen zurücklegen und ändert nichts an seinem Gebahren. Drei Wochen Gegrummel können ja gar nicht so schlimm gewesen sein, wenn kurz darauf alle wieder durch die Blumen springen, als wäre nichts gewesen. Im Grunde reizt der Sommer doch nur aus, wie wenig er machen muss, um durchzukommen.
Ich sitze in einem Bus nach Spandau, was ich auch daran erkenne, das er auf dem Wege dahin nicht durch einen Wald aus Häusern schaukelt, sondern minutenlang durch einen Wald mit Bäumen. Da hinter dem Wald und der Brache, da hinten irgendwo liegt Spandau. Eine Mutter mit ihrer Tochter sitzt neben mir in der Sitzreihe.
Die Tochter sagt: "Du hast versprochen, ich kriege einen Bubble Tea."
Und die Mutter antwortet: "Nein, ich habe gesagt, morgen bekommst du einen Bubble Tea."
Die Tochter weiter: "Du hast versprochen, ich kriege einen Bubble Tea."
Die Mutter noch einmal: "Nein, ich habe gesagt, morgen bekommst du einen Bubble Tea."
Die Tochter wieder: "Du hast versprochen, ich kriege einen Bubble Tea."
Die Mutter erneut: "Nein, ich habe gesagt, morgen bekommst du einen Bubble Tea."
Man kann sich vielleicht vorstellen, wie sich das Gespräch in den nächsten Minuten entwickelt hat, überhaupt nicht. Und wenn es auch nichts genutzt hat, machte das Kind es wie wir mit dem Sommer, es beharrte auf seiner Kritik. Die löste sich dann gewiß am nächsten Tag genauso, mit dem ersten Schluck der glitschigen Zuckerinjektion, wieder in Luft auf.

GEMA: Senf oder nicht Senf? Das ist hier die Frage ... (eine Art Streitgeblogge)


Auf meinen Blogeintrag vom 2.7. gab es vielfältige Reaktionen. In einer Facebookgruppe von GEMA-Mitgliedern hat der Leipziger Musiker, bekannt unter dem Pseudonym „MR“, versucht, meine Thesen fachgerecht zu zerlegen. Es hat sich viel Mühe gemacht, und ich finde manche seiner Einwände bedenkenswert, weil sie eine andere Sichtweise auf die Problematik zeigen und ein paar neue Aspekte einbringen. Daher haben wir vereinbart, dass ich seine Gegenrede in einem eigenen Blogeintrag dokumentieren und meinerseits noch einmal kommentieren darf. Dafür schon mal ein großer Dank an MR, der beim Pseudonym bleiben möchte, um bei etwaigen Negativreaktionen seine Bandkollegen aus der Schusslinie zu nehmen (das ist sehr anständig). Vorneweg jeweils eine Kurzversion meiner These, damit man nicht jedes Mal zurückblättern muss. Aus künstlerischer Solidarität schreibe ich meine Erwiderungen ebenfalls in Kleinbuchstaben, allerdings enden damit unsere Gemeinsamkeiten dann auch schon, zumindest größtenteils. Also wird dieser Blogeintrag dokumentieren, wie verschieden die Urheber ticken, die sich gemeinsam unter dem Dach der GEMA versammeln. Ich überlasse die Bewertung den Leserinnen und Lesern dieses Blogs. Aus diesem Grunde werde ich, so sich eine Diskussion entwickelt, diese auch nicht weiter kommentieren.

Freitag, 20. Juli 2012

Die GEMA und das Märchen von der Entlastung der Kleinveranstalter


Noch ein Nachtrag zu meinem Gema-Senf. Darin hatte ich unter anderem über die Situation des kleinen Vereinslokals geschrieben, für das ich die GEMA-Angelegenheiten regele. Bisher ging ich blauäugig davon aus, dass wir als Kleinveranstalter von der Tarifreform profitieren, bzw. so klein sind, dass sich unter dem Strich gar nichts ändert. Inzwischen bin ich einen Schritt weiter. Wir werden doch getroffen. Und zwar volle Breitseite.

Entlastet wird wohl nur der Kleingartenverein mit seinem jährlichen Sommerfest oder ähnliche Einzelveranstalter. Wer hingegen regelmäßig veranstaltet, hatte bislang Jahrespauschalverträge. Diese werden zum 1.1.2013 ersatzlos abgeschafft – ein Umstand, der in keiner der schönen Vergleichsrechungen der GEMA auftaucht.

Für die Fachleute unter den Lesern: Der Tarif M-U III 1b fällt weg. "Tonträgerwiedergabe mit Veranstaltungscharakter und ohne Tanz". Den gab es in den Kategorien bis 16 und über 16 Veranstaltungstage im Monat. Im Grunde war das eine Art GEMA-Flatrate für Veranstalter. Man zahlte einen Jahresbetrag, und damit war quasi jegliche Musiknutzung abgegolten, die weder Tanz noch Konzert war, inklusive der sogenannten Hintergrundmusik. Zukünftig muss jeder Veranstaltungstag einzeln abgerechnet werden!

Die Kategorie „Veranstaltungen ohne Tanz“ wird auf gleichem Wege ersatzlos gestrichen.
Das trifft das Kneipenquiz mit 2€ Eintritt, das Speeddating im Club, das Gratistransenschingelschangel in der Gaybar ebenso wie den Veranstalter von queeren Sexpartys oder den Galeriebetreiber, der regelmäßig Vernissagen ausrichtet. Jede Veranstaltung, bei der Musik läuft, ohne dass die Musik im Mittelpunkt des Geschehens stünde und die Besucher ihretwegen kämen, wird zukünftig wie ein bumsvolles Tanzlokal abgerechnet (mit allen Aufschlägen, die ich in meinem ersten Blogeintrag beschrieben habe).

Wir haben das für unseren Verein mal ganz konkret durchgerechnet, und zwar ohne DEHOGA-Tarifrechner, sondern wirklich nur anhand von unseren GEMA-Rechungen und den bisher vorliegenden Tarifinformationen. Hier das niederschmetternde Ergebnis:

GEMA-Kosten (netto) für ein Vereinslokal (75qm, Netto-Jahresumsatz: 31.000€*)
2011
ab 1.1.2013
459,70€ Pauschalvertrag für Hintergrundmusik mit Tonträgern und Veranstaltungscharakter ohne Tanz (Tarif M-U III 1b)
+ 91,94 € (20% GVL-Aufschlag)
+ 229,85 € Aufschlag für selbst erstellte Tonträger (50%)
+ 22,96 € GVL-Aufschlag für selbst erstellte Tonträger (10%)
= 827,46€
+ 87,20€ für rd. 4 Live-Konzerte (Eintritt frei)
+  103,22€ für Wiedergabe 1 Fernsehgerät (inkl. Aufschläge für GVL und VG-Wort)

175,60€ für Hintergrundmusik (Tarif M-U III 1a)
+ 1.260€ für 18 Veranstaltungen (6,50€ Eintritt, Tarif U-V)
+ 630€ Zuschlag für 18 x Dauer > 5 Std.
+ 352€ für 12 Einzel-Termine und 4 Live-Konzerte (Eintritt frei; 16x Mindestbetrag Tarif U-V)
= 2.417,60€
+ 1.208,50€ Aufschlag für selbst erstellte Tonträger (50%)
+ 628,58 GVL-Aufschlag (bei Tarif U-V: 26%)
+ 103,22€ Wiedergabe 1 Fernsehgerät (inkl. Aufschläge für GVL und VG-Wort)
= 1.017,88€
= 3.729,32€ (+266%)
= 3,28% des Gesamtumsatzes
= 12,03% des Gesamtumsatzes
* = Gesamteinnahmen des Vereinslokals inkl. Gastronomie (ohne MWST)

Man sieht: Alle Einzelveranstaltungen, die 2011 noch über den Pauschalvertrag abgedeckt waren, müssen nun einzeln abgerechnet werden. (Und, das sei noch einmal expressiv verbis hinzugefügt: Für diese Rechung bin ich für beide Jahre von der exakt gleichen Zahl und Art an Veranstaltungen ausgegangen. Das, was rechts mehr auftaucht als links, war links über den Pauschalvertrag abgedeckt.)
Dabei ist diese Rechnung noch mit Unsicherheiten behaftet:

Donnerstag, 19. Juli 2012

Dienstag, 17. Juli 2012

Brauseboys am 19.7.: Unter Sommerwolken


Literaturgesteuert

Ich setze mich hin, schlage eins der Bücher auf, die ich gerade lese, und lese sogleich: "Setzen Sie sich... Ich stelle Teewasser auf." Also stehe ich auf und stelle Teewasser auf. Braucht es noch einen Beweis, dass Literatur Menschen in Bewegung setzen kann? Nein, einer reicht. Die richtige Idee im richtigen Moment steuert mich wie einen Zombie.
Schön wäre es, wenn man mir berichten würde, ob sich beim Lesen der letzten Sätze gerade eben auch bei anderen der Drang eingestellt hat, Teewasser aufzusetzen. Oder es jemand gar ausgeführt hat vor dem Weiterlesen. Und wäre das so, sollte man generell doch etwas vorsichtiger damit sein, welche Bücher man aufschlägt. So lese ich gerade außerdem "Die Reise nach Petuschki", einen spritlastigen Roman, in dem kein Teewasser vorkommt. Wer ihn nicht kennt, dem rate ich hiermit hinsichtlich der neuen Erkenntnisse, ihn möglichst weit weg von jeder Schnapsflasche zu lesen. Das literaturgesteuerte Auführen der Trinkmenge nur weniger Seiten kann drastische Folgen haben.
Das kleine Büchererlebnis zwitschere ich auch in mein Twitter-Profil. Ein Spamroboter hat sofort die Worte "Buch" und "lesen" aufgeschnappt und schickt mir eine Antwort, die gleiche wie allen anderen, die sich der Roboter so herausgefischt hat. Er schickt mir einen Buchlink zu "Shades of Grey", diesem Sado-Maso-Dingsda aus Amerika. Aber die Werbung erwischt mich ganz im falschen Moment. Nicht auszudenken, wenn da steht "Er fesselte sie" und man plötzlich den Drang verspürt, die Rolle Paketschnur aus der Kammer zu holen.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Dienstag, 10. Juli 2012

Brauseboys am 12.7.: Verlesene Geschichten


Beobachtung in der U-Bahn (von Robert Rescue)

Ein Mann sitzt mir gegenüber und hält vier Tüten Popcorn in der Armbeuge. Aus einer geöffneten isst er, aber seine Bewegungen sind so unkoordiniert, dass ihm die Hälfte auf den Boden fällt. Nach ein paar Minuten ist dieser mit Popcorn übersät. Dem Mann, der betrunken oder verrückt, vielleicht auch beides ist, gefällt das und er beginnt, das vor ihm liegende Popcorn zu zertreten, während er sich nach und nach eine Handvoll Popcorn ins Gesicht schmeißt. An der Station Turmstraße steigt er aus. Als er weg ist, setze ich mich an einen anderen Platz. Niemand soll denken, ich hätte was damit zu tun.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Florian und Volker

An diesem schönen Donnerstag hatten wir Gäste im La Luz, wie jeden Donnerstag. Das erste Mal dabei war Florian Josef Blank, der mit der schlichten Technik verfährt, dass er über das singt, was die Welt ihm zeigt.


Und wir mussten ihn lange entbehren, aber umso größer war die Wiedersehensfreude mit dem Autor und Filmemacher Volker Strübing.


Dienstag, 3. Juli 2012

Brauseboys am 5.7.: Das wunde Herz


Stimmung

Der Leopoldplatz ist das wunde Herz des Wedding, hier sind Granit und Asphalt härter als anderswo. Zumindest fühlt es sich für mich so an, wenn ich hinüberschreite. Wie alle Passanten senke ich demütig den Kopf und laufe schneller über den klebrigen, fleckigen Boden mit den Scherben und dem immerwährenden Hauch "Odeur d'Urine". Tauben zerren an Rattenleichen, hagere Trinker auf den Kirchentreppen nippen an braunen Flaschen, ein schnöder Springbrunnen schmeisst Frischwasser in die Luft, das in die Dreckdeponie der Brunnenschale hineinfällt, ohne das schlierige Gemisch darin jemals aufklaren zu können. Es ist nicht schön hier, aber es darf auch nicht alles schön sein, wenn nicht alles schön ist.
Eine junge Frau spricht mich mitten auf dem Platz an und will wissen, ob ich Arbeit suche. Arbeit auf einem Straßenfest könnte sie anbieten. Ich bin etwas überrascht, aber dreimal muss man nicht raten, was ich antworte.
"Pst, junge Frau", sage ich, "wissen Sie nicht, wo Sie hier sind? Sie machen doch die ganze Stimmung kaputt."

Sonntag, 1. Juli 2012