Dienstag, 24. November 2015

Brauseboys am 26.11. im Mastul: Ja, du

Nee, du (von Frank Sorge)

Nach dem ersten Schreck erschien es mir doch nicht so abwegig, Xavier Naidoo zum Eurovision zu schicken. Eindeutig vorbei ist jetzt die Chance, die trüben Gesichter des Naidoo-Teams in Stockholm zu sehen, wenn Ungarn noch einen verschwörerischen Trostpunkt spendet und den deutschen Titel damit von Platz 24 auf Platz 23 hievt. Auch nicht ganz reizlos hätte es im Vorfeld sein können, ein Lied für ihn auszuwählen. Der Schwarm hätte es schon gerichtet, das 'passende' Lied zu finden, im Zweifel genau das, das er selbst auf keinen Fall ausgewählt hätte. Ich könnte mir da so Lieder vorstellen wie "Screaming when i'm singing", "I'll never sing again" oder, etwas weniger negativ, "Dancing like a frog" oder "Buddelbibu - der Plumpssack bist du." Womöglich hätte das einen ganz eigenen Unterhaltungswert gehabt.


Dienstag, 17. November 2015

Brauseboys am 19.11. im Mastul: Winterquartiere

Erzieherische Maßnahme (von Frank Sorge)

Ich sitze ohne die Kinder bei der Kinderärztin, um ein Rezept abzuholen. Das Wartezimmer direkt am Empfang ist voller Mütter mit Nachwuchs, ich werde zum Warten in den Flur geschickt. Da falle ich als Mann nicht so auf.
Ohne Kinder bei der Kinderärztin zu sitzen, fühlt sich merkwürdig an. Wie Bahnfahren ohne Fahrkarte, ein Termin bei der Auto-Werkstatt ohne Führerschein. Es wuseln aber genug Kinder umher, denen das egal ist, es herrscht Vätermangel. Plötzlich wird es warm an meiner Seite, ich drehe den Kopf und sehe einen kleinen Jungen neben mir sitzen, der sich vertraulich anlehnt und mich kurz adoptiert. 'Hammed' ruft eine Mutter und er verschwindet.
Der Geräuschpegel im Wartezimmer nebenan schwillt langsam an, ich kann mich im Flur kaum noch auf das Warten konzentrieren. Immer dichter wird das Gewühl aus Geplapper, Geschrei und Getobe, neue Patienten treffen ein. Der Dampfkessel läuft über und die Sprechstundenhilfe meldet sich diplomatisch zu Wort: "So geht das nicht, ich muss hier arbeiten und ich verstehe kein Wort. Ich brauche RUHE, JETZT, RUUUUHE!"
"Ich auch", sagt eine Mutter mit Kopftuch trocken nach einer Schrecksekunde. Ein paar Minuten Stille. "Wo ist denn der Papa mit dem Rezept?", höre ich von nebenan. Ich laufe ihr entgegen.

Dienstag, 10. November 2015

Brauseboys am 12.11.: Nach Feierabend

Arbeit durch Freude (von Frank Sorge)

Nach der Sanierung und dem Einzug der Arbeitsagentur in den Rathausturm am Leopoldplatz, hat der Wedding endlich die Kathedrale, die er verdient.
Der staunende Kunde betritt sonnendurchflutete Gänge, die mit Geräuschen des Waldes bespielt werden, ihm werden probiotische Erfrischungen gereicht. Arbeitsbischof Schmidtski erläutert den neuen Ansatz im Problemkiez: “Wir haben festgestellt, dass der Übergang in die vermittelte Arbeit zu schroff war. Jetzt, da die Arbeitslosenzahlen einen historischen Tiefstand erreicht haben, konnten wir uns die Zeit nehmen, auch einmal unsere Abläufe zu optimieren.”
Es wäre nicht leicht, Abschied von der Untätigkeit zu nehmen, die Jobcenter hätten dies lange unterschätzt. Viele ihrer Kunden wären auf der neuen Arbeit nicht zurechtgekommen, oft wären sie als ehemalige Arbeitslose identifiziert und mit Vorurteilen konfrontiert worden. Daher gäbe man Neuankömmlingen jetzt ohne jedes Entgeld einen frischen Haarschnitt, in Sauna und Wellnessbereichen schwitze man gemeinsam das alte Leben aus. Schon heute könne man Kunden und Priester auf den Gängen durch Geruch und Kleidung nicht mehr voneinander unterscheiden. 
Ich frage nach, wo denn das Personal herkäme, oder wie das bezahlt würde? “Umschulung”, sagt Schmidtski knapp, “wir haben sämtliche Bewerbungscoacher umgeschult, meist sogar einfach in deren vorige Berufe zurück. Friseure, Masseure, Kleinkünstler, Änderungsschneider. Radikal, ja, aber der Erfolg gibt uns recht. Denn es ist klar geworden, dass nicht die erfolgreiche Vermittlung den Arbeitslosen ändert. Der geänderte Arbeitslose zieht die Arbeit selbst an, viel schneller als gedacht, das ist für alle ein deutlich angenehmerer Weg.
Schmidtski muss los, ungläubig durchquere ich die belebten Räume auf eigene Faust und kann es kaum fassen. Ich lasse mir die Nägel machen, schminken und stärke mich mit Bio-Tapas der offenen Kantine. Dort treffe ich Ralph, einen lustigen Mittfünfziger mit dichtem, schwarzem Haar und gesundem Teint.
“Ick komm jeden Tach her”, verrät er mir, “schon alleene wegen Yoga. Da haste den juten Draht zum Kosmos und zu die Damen. Ick war ja mal Lackierer, und denne allet mögliche, aber meistens nüscht, wa? Hab mir trotzdem amüsiert. Is zwar nich schön, keene Arbeit, aber auch keen Beenbruch. Aber dann war ick hier und augenblicklich jeheilt. Nüschttun is anjenehm, aber dit hier is besser. So glücklich wie jetzte war ick jedenfalls noch nie in meen Leben.”
Ob er denn nicht Angst hätte, das dies alles hier endet, wenn er eine Arbeit hätte und keine Zeit mehr für Schaumbäder?
“Arbeitslos? Icke? Ick komm hier nach Feierabend hin. Na, und vorher ooch. Besseret Workout findeste nirgends. Außerdem, mal im Ernst. Ick gloob hier jibs überhaupt keenen Arbeitslosen mehr, dit hältste nich lange durch, ohne wat sinnvollet für die Jesellschaft zu tun.”
Auch in mein Herz zieht unvermittelt Freude über den nächsten Arbeitstag ein, um von meinen Erlebnissen hier mitten im Wedding zu berichten. Staunend lasse ich mich ins Schaumbad sinken und mir einen Virgin Martini reichen. 

Dienstag, 3. November 2015

Brauseboys am 05.11.: Technologische Innovation

Technologische Innovation (Robert Rescue)

Was den Routenplanern für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin noch fehlt - ein Hinweis, welche Sorte von Fahrgästen auf der gewählten Route mitfährt. 12 grölende Junggesellen mit Strohhüten, die untalentiert und besoffen »Eisgekühlter Bommerlunder« singen. Schreckliche 11 Stationen lang.