Dienstag, 28. August 2012

Brauseboys am 30.8.: Termingewitter


Urlaubsmärchen

Und es begab sich aber zu der Zeit, dass der Vorleser für seinen Urlaub einen Ort in der Klimazone Funkloch gewählt hatte. Nach einigen Tagen schon schrumpfte die Welt daher beträchtlich um ihn, die kleine Insel konnte nun Kontinent genannt werden. Der reichte an die Ostsee, bald danach kam der Rand, über den hinaus man wohl ins Weltall fallen würde. Hinter der Grenze seines Campinglandes, hinter dem Wald, gäbe es sogar den entbehrten Handyempfang, munkelte man, aber sonst fehlte es ihm an nichts. Die See war größer als jede Badewanne, das Blätterwerk über ihm war dicht und der Wind brach sich an Dünen und Bäumen ein paar Meter entfernt, schwirrte über das Dach und hätte nur sanft die Haare aus seinem Gesicht gestreichelt. Wenn der Vorleser noch für solcherlei Vorgang ausreichend Haupthaar besessen hätte.
Der Laden im Zentrum des Landes bot von Allem das Nötigste, die Währung vor Ort war stabil, hieß Duschmark und galt für jeweils drei Minuten. Und für die körperliche Stärkung zwischendurch hatte man, wie in seiner weit entfernten Heimat, nur wenige hundert Meter entfernt einen Dönerimbiss in den Wald gestellt. So also lebte er auch in der Fremde mit größtem Behagen und freute sich seiner Tage.

Dienstag, 21. August 2012

Brauseboys am 23.8.: Lesen und Singen


Die Zukunft naht

Über die Jahre habe ich beim Zelten das stets fehlende Kopfkissen auf unterschiedliche Art und Weise zu simulieren versucht. So kann man den Sack, in dem der Schlafsack sonst steckt, den Schlafsack-Sack, mit abgetragenen T-Shirts und dergleichen stopfen. Ist das simulierte Kopfkissen am ersten Tag noch etwas flach, kann es Tag für Tag wachsen, dennoch brachte ich es auf die Methode und mit verschiedenen Stopftechniken nie zustande, ein halbwegs überzeugendes Kopfkissen-Imitat zu erhalten. Auch ohne den Sack lassen sich größere Mengen gefalteter, gestopfter oder gerollter Kleidung in den Nacken klemmen, aber es ist immer zu flach, zu hoch, zu hart, zu rutschig oder sonstnochwas gewesen. Nach vielen Jahren also, eigentlich nach allen Jahren überhaupt, in denen ich es bislang nicht vermocht habe, rechtzeitig daran zu denken, ein richtiges Kopfkissen einzupacken, habe ich mir jetzt spontan vor dem Urlaub eine aufblasbare Nackenstütze bei Karstadt gekauft. Wieder kein Kopfkissen natürlich, von denen gibt es ja genug zu Hause. Auf der Verpackung steht die Warnung, der Inhalt könne in Farbe und Ausführung "bedingt durch technischen Fortschritt" von der Darstellung abweichen. Also war ich durchaus gepannt, was ich darin vorfinden würde.

Donnerstag, 16. August 2012

Dienstag, 14. August 2012

Brauseboys am 16.8.: Was mit Vorlesen


Auf der Straße

Es wird immer wieder behauptet, Geschichten lägen auf der Straße. Ich aber war heute dort und muß dagegenhalten, sie liegen nicht dort. Sie laufen hin und her. Und da das so kitschig klingt, dass es kaum noch auszuhalten ist, darf ich ergänzen: Manche stehen auch oder sitzen. Und viele tragen Tigermuster. Und hier im Wedding, da liegen sie auch manchmal, in halbverdauten Bierlachen und Dönerschmodder und Passantenschnodder. Und nicht jeder sitzt an der Bushaltestelle, sondern auch vor einem Kaffeebecher, der bis auf ein paar Centstücke leer ist. Und da das so elend klingt, dass es kaum noch auszuhalten ist, darf ich ergänzen: manche stehen auch mit dem Kaffeebecher am Kiosk und trinken daraus.
Manchmal ruft ein Freund aus der Mitte von Mitte an, ob wir uns mit einer Flasche Sternburg an die Kreuzung Müller- Ecke Seestraße setzen wollen. Zuerst war ich irritiert, aber er erläuterte mir zugleich, dass die Menschen auf der Straße hier viel anders wären als bei ihm, der Erde näher, so dass das Beobachten allein schon eine Sensation wäre. Zudem stehe er auf kräftigere Männer mit Migrationshintergrund, die es bei ihm nicht, aber hier in Hülle und Fülle geben würde. Mittlerweile hätte er auch mehrere Geschichten hier in der Gegend laufen, aber immer nur kurze. In diesem Fall nun liegen die Geschichten dann doch einmal, auf der Straße aber wirklich selten.

Sonntag, 12. August 2012

Dienstag, 7. August 2012

Brauseboys am 9.8.: Vollendet


Man stellt sich an

Oh, wieder einer dieser Tage, an denen man sich an die falsche Supermarktkasse stellt. Obwohl es am Nachmittag ist und schon ein paar Tage weg vom Monatsanfang. Und fern vom Wochenende, und obwohl alle Kassenschlangen kurz sind. Gut, die ganz vorne haben einen Wagen vollgeladen, sieht man, denkt aber an diesen Tagen: "Mein Gott, ein Wagen, was kann da schon alles drin sein?" Aber es stellt sich heraus, dass sich auch in einem einzelnen Wagen so viel Zeug stapeln lässt, dass man dahinter verhungert und verdurstet. Wenn die Ladung zudem in mehreren Schüben bezahlt wird, verkompliziert durch merkwürdige Coupons, und mal bar, mal mit Karte.
Das ist alles mitbedacht, denkt man da, mit der modernen und ausgefeilten Supermarktlogistik, das muss ja alles immer schneller gehen. Und über den Gedanken wird man kahl und grauhaarig. Was hatte man nicht alles noch vorgehabt, Kinder, Hausbau, Reisen um die Welt, und mit jeder Minute wächst die Gewissheit, das alles auf ein diffuses Nachleben in späteren Generationen verschieben zu müssen. An der Kasse nebenan strömen sie im Minutentakt vorbei, es macht Pling-Zack und man wünscht sich "Auf Wiedersehen". Nur kurz schauen sie herüber, das Mitleid unverholen im Blick, und die Erleichterung, dass man vom Schicksal der bedauernswerten Kreaturen nebenan verschont geblieben ist.
Natürlich hatten diese, in grauer Vorzeit, auch einmal erwogen, auszuscheren und dem Elend durch einen Kassentausch zu entrinnen, aber dieser Impuls ist längst gebrochen. Wenn man einen Berg besteigt, geht man ihn auch wieder herunter, denkt man in einem letzten Aufglimmen des Lebenswillens gelassen auf das immergleiche Ende des Einkaufswagens vor einem. Hätte nicht auch nebenan alles jederzeit passieren können? Ein Storno, ungültige Karten und vieles mehr.
Eine Frau bittet mich zur Seite, sie will ohne etwas zu kaufen vorbei. Leider ist sie zu kräftig, um zwischen Wagen und Stange vor uns ins Freie gelangen zu können, sie hängt mit uns fest. Nach ein paar Jahren stellten wir uns einander vor und bekamen Kinder. Als wir an der Reihe waren, schoben wir unseren Wagen schließlich mit unseren Enkeln nach draußen. Und da alles darin längst vergammelt war, kehrten wir um, luden ihn voll und stellten uns wieder an.