Dienstag, 8. Dezember 2015

Auf Nimmerwiedersehen 2015 - Das Jahr ist voll!


Es ist wieder soweit! Die Brauseboys setzen zum 10. Mal an zu ihrer rituellen Jahresbilanz und schauen  zurück  auf  2015 –  ein  Jahr  zum  Davonlaufen. Kann  man  darüber  einen unterhaltsamen Rückblick machen? Die Brauseboys sind sich sicher: „Wir schaffen das!“ – Ein   Abend   zwischen   Homs   und   Heidenau,   Amok   und   Abgasbetrug,   Grexit   und Willkommenskultur,   zwischen   Masern,   Grippe,   Dresden   und   anderen   ansteckenden Krankheiten.  Satire  vom  Blatt,  Liedgut  vom  Klavier  und  Bilder  von  der Wand  von  der Weddinger Vorlese-Boygroup. Der Vorverkauf läuft, erste Termine sind bereits ausverkauft.

Brauseboys am 10.12 mit Gregor Mothes

Bewegungsdrang (von Frank Sorge)

Das Baby hat Bewegungsdrang, entdeckt zuerst den Rückwärtsgang.
Es schiebt sich dabei, Trauerspiel, immer weiter weg vom Ziel.
Doch bleibt die Laune angeregt, denn Fakt ist ja, es wird bewegt.
Kommt es an der Wand ans End', wird sich gar' einmal vorgestemmt.
Mir macht diese Ansicht klar, schon nach einem halben Jahr
ist allzumenschlich alles da.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Brauseboys am 3.12.: Offene Türen

Notizen für ein Väterhilfswerk (von Frank Sorge)

Endlich also kann ich erzählen, wie das als Vater so ist: Ich stehe früh auf, trinke fast keinen Alkohol, der Tabakverbrauch ist minimal, ich nehme 'dönerarme' Kost zu mir, ich nehme ab. Ich hatte damit gerechnet, dass ich z.B. das Rauchen zeitweilig einstelle, um die Gesundheit der Kinder nicht durch Passivqualm zu gefährden. Aber dass ich sogar anfangen werde, Zigaretten wegen mir selbst wegzulassen, das war eine Überraschung. 
Die Zwillinge hatten mich schon nach wenigen Wochen gut erzogen, nach fast einem halben Jahr fühle ich mich gesund wie nie. Abgesehen von den Gelenkschmerzen, der Übermüdung, den ständigen Erkältungen und der notorischen Abgespanntheit. Wie sie das machen, weiß ich nicht, vielleicht reicht es schon, dass sie sich freuen, mich zu sehen. Oder es reicht schon, dass ich mich freue, sie zu sehen. Dabei hilft es natürlich, wenn man als Vater nicht unter der Erde liegt.
Was aber nicht geht, so sehr ich mich bemühe, ich schaffe es einfach nicht, meinem Mädchen etwas rosafarbenes anzuziehen. Das geschenkte rosa T-Shirt mit dem Aufdruck ‘Love’ muss also mein Sohn tragen. Es steht ihm erschreckend gut.

Dienstag, 24. November 2015

Brauseboys am 26.11. im Mastul: Ja, du

Nee, du (von Frank Sorge)

Nach dem ersten Schreck erschien es mir doch nicht so abwegig, Xavier Naidoo zum Eurovision zu schicken. Eindeutig vorbei ist jetzt die Chance, die trüben Gesichter des Naidoo-Teams in Stockholm zu sehen, wenn Ungarn noch einen verschwörerischen Trostpunkt spendet und den deutschen Titel damit von Platz 24 auf Platz 23 hievt. Auch nicht ganz reizlos hätte es im Vorfeld sein können, ein Lied für ihn auszuwählen. Der Schwarm hätte es schon gerichtet, das 'passende' Lied zu finden, im Zweifel genau das, das er selbst auf keinen Fall ausgewählt hätte. Ich könnte mir da so Lieder vorstellen wie "Screaming when i'm singing", "I'll never sing again" oder, etwas weniger negativ, "Dancing like a frog" oder "Buddelbibu - der Plumpssack bist du." Womöglich hätte das einen ganz eigenen Unterhaltungswert gehabt.


Dienstag, 17. November 2015

Brauseboys am 19.11. im Mastul: Winterquartiere

Erzieherische Maßnahme (von Frank Sorge)

Ich sitze ohne die Kinder bei der Kinderärztin, um ein Rezept abzuholen. Das Wartezimmer direkt am Empfang ist voller Mütter mit Nachwuchs, ich werde zum Warten in den Flur geschickt. Da falle ich als Mann nicht so auf.
Ohne Kinder bei der Kinderärztin zu sitzen, fühlt sich merkwürdig an. Wie Bahnfahren ohne Fahrkarte, ein Termin bei der Auto-Werkstatt ohne Führerschein. Es wuseln aber genug Kinder umher, denen das egal ist, es herrscht Vätermangel. Plötzlich wird es warm an meiner Seite, ich drehe den Kopf und sehe einen kleinen Jungen neben mir sitzen, der sich vertraulich anlehnt und mich kurz adoptiert. 'Hammed' ruft eine Mutter und er verschwindet.
Der Geräuschpegel im Wartezimmer nebenan schwillt langsam an, ich kann mich im Flur kaum noch auf das Warten konzentrieren. Immer dichter wird das Gewühl aus Geplapper, Geschrei und Getobe, neue Patienten treffen ein. Der Dampfkessel läuft über und die Sprechstundenhilfe meldet sich diplomatisch zu Wort: "So geht das nicht, ich muss hier arbeiten und ich verstehe kein Wort. Ich brauche RUHE, JETZT, RUUUUHE!"
"Ich auch", sagt eine Mutter mit Kopftuch trocken nach einer Schrecksekunde. Ein paar Minuten Stille. "Wo ist denn der Papa mit dem Rezept?", höre ich von nebenan. Ich laufe ihr entgegen.

Dienstag, 10. November 2015

Brauseboys am 12.11.: Nach Feierabend

Arbeit durch Freude (von Frank Sorge)

Nach der Sanierung und dem Einzug der Arbeitsagentur in den Rathausturm am Leopoldplatz, hat der Wedding endlich die Kathedrale, die er verdient.
Der staunende Kunde betritt sonnendurchflutete Gänge, die mit Geräuschen des Waldes bespielt werden, ihm werden probiotische Erfrischungen gereicht. Arbeitsbischof Schmidtski erläutert den neuen Ansatz im Problemkiez: “Wir haben festgestellt, dass der Übergang in die vermittelte Arbeit zu schroff war. Jetzt, da die Arbeitslosenzahlen einen historischen Tiefstand erreicht haben, konnten wir uns die Zeit nehmen, auch einmal unsere Abläufe zu optimieren.”
Es wäre nicht leicht, Abschied von der Untätigkeit zu nehmen, die Jobcenter hätten dies lange unterschätzt. Viele ihrer Kunden wären auf der neuen Arbeit nicht zurechtgekommen, oft wären sie als ehemalige Arbeitslose identifiziert und mit Vorurteilen konfrontiert worden. Daher gäbe man Neuankömmlingen jetzt ohne jedes Entgeld einen frischen Haarschnitt, in Sauna und Wellnessbereichen schwitze man gemeinsam das alte Leben aus. Schon heute könne man Kunden und Priester auf den Gängen durch Geruch und Kleidung nicht mehr voneinander unterscheiden. 
Ich frage nach, wo denn das Personal herkäme, oder wie das bezahlt würde? “Umschulung”, sagt Schmidtski knapp, “wir haben sämtliche Bewerbungscoacher umgeschult, meist sogar einfach in deren vorige Berufe zurück. Friseure, Masseure, Kleinkünstler, Änderungsschneider. Radikal, ja, aber der Erfolg gibt uns recht. Denn es ist klar geworden, dass nicht die erfolgreiche Vermittlung den Arbeitslosen ändert. Der geänderte Arbeitslose zieht die Arbeit selbst an, viel schneller als gedacht, das ist für alle ein deutlich angenehmerer Weg.
Schmidtski muss los, ungläubig durchquere ich die belebten Räume auf eigene Faust und kann es kaum fassen. Ich lasse mir die Nägel machen, schminken und stärke mich mit Bio-Tapas der offenen Kantine. Dort treffe ich Ralph, einen lustigen Mittfünfziger mit dichtem, schwarzem Haar und gesundem Teint.
“Ick komm jeden Tach her”, verrät er mir, “schon alleene wegen Yoga. Da haste den juten Draht zum Kosmos und zu die Damen. Ick war ja mal Lackierer, und denne allet mögliche, aber meistens nüscht, wa? Hab mir trotzdem amüsiert. Is zwar nich schön, keene Arbeit, aber auch keen Beenbruch. Aber dann war ick hier und augenblicklich jeheilt. Nüschttun is anjenehm, aber dit hier is besser. So glücklich wie jetzte war ick jedenfalls noch nie in meen Leben.”
Ob er denn nicht Angst hätte, das dies alles hier endet, wenn er eine Arbeit hätte und keine Zeit mehr für Schaumbäder?
“Arbeitslos? Icke? Ick komm hier nach Feierabend hin. Na, und vorher ooch. Besseret Workout findeste nirgends. Außerdem, mal im Ernst. Ick gloob hier jibs überhaupt keenen Arbeitslosen mehr, dit hältste nich lange durch, ohne wat sinnvollet für die Jesellschaft zu tun.”
Auch in mein Herz zieht unvermittelt Freude über den nächsten Arbeitstag ein, um von meinen Erlebnissen hier mitten im Wedding zu berichten. Staunend lasse ich mich ins Schaumbad sinken und mir einen Virgin Martini reichen. 

Dienstag, 3. November 2015

Brauseboys am 05.11.: Technologische Innovation

Technologische Innovation (Robert Rescue)

Was den Routenplanern für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin noch fehlt - ein Hinweis, welche Sorte von Fahrgästen auf der gewählten Route mitfährt. 12 grölende Junggesellen mit Strohhüten, die untalentiert und besoffen »Eisgekühlter Bommerlunder« singen. Schreckliche 11 Stationen lang.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Brauseboys am 29.10.: Es liegt was in der Luft

Es liegt was in der Luft (Robert Rescue)

Sie spricht ein unverständliches Sächsisch. Er trägt einen Tuareg Turban und einen chilenischen Wollumhang. Draußen sind es 27 Grad. Er macht nicht den Eindruck, als kümmere ihn das Wetter.
Sie fragen, ob es was zu kiffen gibt. Die Tresenschicht baut einen Joint. Eigentlich will ich nach Hause gehen, aber etwas macht mich misstrauisch. Es liegt was in der Luft. Nach dem Joint wankt er nach draußen und vollzieht auf dem Bürgersteig irgendwelche Dinge, die man vielleicht als Aktionskunst bezeichnen könnte. Er läuft dreimal hin - und her, spreizt die Arme, als wolle er zum Flug ansetzen und drei Mal legt er sich auf die Fresse. Ich schaue von meinem Tresenplatz gespannt zu und frage mich, was als nächstes kommt.
Dann geht er zur Toilette. Plötzlich ruft er: „Da ist ja mein Eimer. Endlich finde ich ihn wieder.“ Ich wuchte mich vom Hocker und gehe ihm nach. Ich sehe, wie er versucht, vom Putzeimer den Aufsatz abzureißen. „Das ist der Eimer, den ich vor Jahren Johannes Steinfurt geliehen habe und der jetzt beim Film arbeitet …“
Ich greife nach dem Eimer. Er lässt nicht los.
„Erspar mir die Details“, sage ich in scharfem Ton zu ihm. “Dieser Eimer gehört dir nicht. Die Firma stellt jedes Jahr eine Million davon her. Das kann nicht deiner sein.“
Er wird friedlich und stellt den Eimer wieder hin. In der Hand hält er das DEFEKT Schildchen vom Papierspender in der rechten Toilette, dass er wegwirft, als er an mir vorbei die Toilette verlässt.
Verdammt, es wird Monate dauern oder nie, bis jemand wieder den Zettel befestigt.
Aber wenigstens ist der Eimer sicher. Es gibt Abende im Vereinsheim, da muss man mit allem rechnen.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Brauseboys am 22.10.: Auf alles gefasst sein

Auf alles gefasst sein (Robert Rescue)

Jedes Mal, wenn ich einkaufe und die Waren einpacke, überkommt mich die Furcht, Opfer einer Geiselnahme zu werden. Ich wäre nicht darauf vorbereitet. Mental schon, aber nicht zeitlich. Meine Einkäufe erledige ich stets vor einem anderen Termin, meist einem Auftrittstermin, und wenn ich den verpasse, verdiene ich kein Geld. Wie würde ich mich verhalten? Ich glaube, ich würde all meinen Mut zusammennehmen, auf den Mann mit der Pistole zugehen, mich wutentbrannt vor ihm aufbauen und brüllen: „Meine Güte, kannst du nicht in fünf Minuten wiederkommen, wenn ich weg bin?“

Dienstag, 13. Oktober 2015

Brauseboys am 15.10.: Öffentlicher Nahverkehr

Risiko im öffentlichen Nahverkehr (Robert Rescue)

Einen Moment lang war ich perplex, als Silke an der Station Osloer Straße in die Tram stieg. Ich hatte gerade Streit mit ihr und wollte ungern die drei Stationen in Richtung Stammkneipe mit ihr gemeinsam verbringen. Sie bemerkte mich nicht und setzte sich vorne hin. Ich drehte ihr den Rücken zu. Zwei Stationen später stiegen Kontrolleure zu. Verdammter Mist, um die Uhrzeit. Sie kamen auf mich zu, ich saß in der Falle.
Dann kam mir die rettende Idee.
„Silke“, rief ich laut. Sie drehte den Kopf, stand auf und kam auf mich zu. Als sie mich erreichte, sagte ich zu den Kontrolleuren: „Monatskarte.“
Dafür musste ich ihr mindestens ein Bier ausgegeben.
Vielleicht auch zwei.

Dienstag, 6. Oktober 2015

Brauseboys am 08.10.: Der Weddinger - bewehrt mit Zement

Der Weddinger - bewehrt mit Zement  (Robert Rescue)

... Es ist Wochenende, wie immer, wenn man Zahnschmerzen hat und fürs erste verspricht Nelkenöl eine Linderung. Ich presse mir ein Wattestäbchen auf den Zahn, der, so wie er im Spiegel aussieht, eigentlich schon tot sein müsste und spüre, wie der Schmerz nachlässt. Ich schmecke das Nelkenöl in der Mundhöhle. Es ist eine widerliche erste Hilfe. Man kann danach trinken oder essen, was man will, alles schmeckt nach Nelke. Stundenlang ...

Dienstag, 29. September 2015

Brauseboys am 01.10.:  Der goldene Herbst

Die schlimmste Zeit meines Lebens (Robert Rescue)

Zwischen Wedding und Gesundbrunnen befanden sich in der S-Bahn so viele Leute, das ich mich nicht bewegen konnte. Womöglich war das die erste S-Bahn, die an diesem Tag fuhr, was die vielen Leute erklären würde. So eingeklemmt gelangte ich nicht an meinen MP-3 Player, wo gerade das schlimmste Lied lief, das ich kannte. Ich hatte vergessen, es aus dem Mix zu löschen. Es waren die schlimmsten drei Minuten und 21 Sekunden meines Lebens.

Dienstag, 22. September 2015

Brauseboys am 24.9.: Der letzte Schluck Mampe

Leute dissen im La Rosa (Robert Rescue)

Ein junger Mann kommt herein. Er trägt eine von diesen modernen Herrenhandtäschchen.
„Ich hätte gerne eine Pizza Tolu.“
„Tolu?“, fragt der Mann hinter dem Tresen.
„Ja, eine Pizza Tolu oder Todu oder Bolu.“
„Bolu ist auf der anderen Seite“, erwidert der Pizzaverkäufer. „Der türkische Markt. Da gibt es aber keine Pizza.“
„Ich möchte eine Pizza mit Thunfisch“, sagt der junge Mann jetzt irritiert.
Der Verkäufer schaut zu mir und zeigt auf den nun nervösen Kunden.
„Der meint Tonno, oder?“
„Oblo tassak“, sage ich plötzlich in einer Fantasiesprache. „Grog od tu spell, par dus krom balak asopen pele? Bele tok nadu bast fart? (Warum, so frage ich mich, hat der junge Mann mit seinem modernen Herrenhandtäschchen nicht auf die große Speisekarte hinter dir geschaut? Kann seine Generation das nicht mehr?“)
Der Verkäufer nickt zustimmend.
„Sie wollen also eine Pizza Tonno?“, fragt er.
„Ja, irgendwie so“, antwortet der junge Mann und es ist förmlich zu spüren, wie sehr er es bereut, das La Rosa betreten zu haben.

Dienstag, 15. September 2015

Brauseboys am 17.9.: Die Gunst des Publikums

Die Menschheit muss untergehen, sie muss einfach (Robert Rescue)

Vor mir im Einkaufscenter steuern zwei ältere Männer die Rolltreppe an. Sie haben Einkaufswagen bei sich, die jeweils mit acht Kisten Bier beladen sind. Ich steuere die Treppe an und denke mir noch, die wollen doch nicht etwa die Rolltreppe benutzen, da stellt sich der vordere samt Wagen auf die Stufen. Als diese sich zu senken beginnen, rutscht die oberste Kiste weg. Er versucht sie aufzuhalten, aber da kippt der ganze Wagen nach vorne. Weitere Kästen setzen sich in Bewegung, das Unglück nimmt seinen Lauf. Gefolgt von einem lauten Bersten der Flaschen überschlagen sich Mann und Wagen mehrere Male, bis beide schließlich unten ankommen. Selten habe ich so viel Glas scheppern gehört. Mitleid empfinde ich für ihn nicht, er hätte es besser wissen müssen. Sein Kumpel ruft von oben: „Das kannst du doch nicht machen“, aber dieser Ratschlag kommt etwas zu spät. Übrig bleiben eine halbe Kiste Bier, ein Depp mit Kopfverletzungen sowie zwei mit Bier überschüttete Kinder, die sich vor dem Mann befanden und die, unten angekommen, schreiend weglaufen.

Dienstag, 8. September 2015

Dienstag, 1. September 2015

Brauseboys am 03.9.: Der Preis ist Mampe

Online Banking kann einen traurig machen (Robert Rescue)

Nachdem ich eine Überweisung getätigt habe, lässt mich meine Bank wissen:
Ihr aktuelles Überweisungslimit pro Tag beträgt 10.000,00 EUR. Am heutigen Tag können Sie noch 9.990,00 EUR überweisen.

Wie deprimierend.

Dienstag, 25. August 2015

Brauseboys am 27.8.: Der gläserne Mensch

Der gläserne Mensch (Robert Rescue)

Spätestens, als ich bei Google eingab „Wie hieß das Hotel, indem ich vorletzten Sommer in Barcelona übernachtet habe“ und die Antwort mir weiterhalf, weiß ich, dass Datenschutz für den Arsch ist.

Dienstag, 18. August 2015

Brauseboys am 20.8.: Ein Linktipp

Neueröffnung (Robert Rescue)

Eigentlich hätte man es sich denken können. Es gibt im Internet eine Seite, wo man die Neueröffnung von Läden aller Art melden kann, nämlich bei www.neueröffnung.info. Der User »Bonner« hat bereits über 100 Neueröffnungen im gesamten Bundesgebiet gemeldet und belegt damit den Top-Platz. Hat der zu viel Zeit und ein spezielles Hobby? Für jede Meldung bekommt man Punkte und einen Euro. Ein zeitaufwändiger, aber vielleicht interessanter Job. Nur auf Partys davon erzählen sollte man wohl nicht.  Wer Interesse hat, kann sich benachrichtigen lassen, wenn es weitere Neueröffnungen in beispielsweise Wolfratshausen zu vermelden gibt. Leute, die sich dafür begeistern können, finden sich bestimmt, und sei es der User »Bonner«.

Dienstag, 11. August 2015

Brauseboys am 13.8.: Hipster vor Glastonne

Hipster vor Glastonne (Robert Rescue)

Ein Hipster steht vor mir an den Altglastonnen. Er hält eine durchsichtige Plastikflasche in der Hand und will sie irgendwo reintun, zögert aber. Sein Arm wandert von links nach rechts, dann wieder zurück und schließlich verschwindet die Flasche in der grünen Tonne. Doppelt doof, würde ich sagen.

Dienstag, 4. August 2015

Brauseboys am 06.8.: Fifty Shades of Earl Grey

Neulich am U-Bahnhof Kottbusser Tor (Robert Rescue)

Am Bahnsteig lief ein Mann mit einem altmodischen CD-Player den Bahnsteig rauf und runter und redete mit dem Gerät. Anfangs dachte ich noch, er würde einen Song einüben, weil er zu dem Gedudel sprach. Vielleicht irgendwas mit Hip Hop, versuchte ich mir das seltsame Szenario akzeptabel zu reden. Aber wie ich ihn so beobachtete, wurde mir klar, dass ich mich irrte. Er führte eine Unterhaltung mit dem Gerät. Das kann auf Dauer nicht gut sein, dachte ich mir und stieg in die U-Bahn ein. Eine Weile später war ich froh, wieder im Wedding zu sein. Hier gibt es auch verrückte Typen, aber nicht von diesem Kaliber.

Dienstag, 28. Juli 2015

Brauseboys am 30.7.: Mit Gottes Beistand

Bus fahren in Dubrovnik (Robert Rescue)

In Reiseführern findet sich zu nahezu jeder Stadt der Welt ein Hinweis auf eine wichtige Verhaltensweise. In Rom beispielsweise sollen vor allem deutsche Touristen die Spaghetti nicht mit einem Löffel essen, denn das gilt bei den Römern als verachtenswerte, teutonische Angewohnheit. Im türkischen Antalya soll man sich in der Öffentlichkeit nicht die Nase putzen, das verträgt sich nicht mit der Religion oder der Kultur oder beidem. Für das kroatische Dubrovnik weisen die Reiseführer in aller Deutlichkeit auf eines hin - man gibt dem Busfahrer das Fahrtgeld (15 Kuna) passend, sonst nimmt er einen nicht mit oder Schlimmeres.

Dienstag, 21. Juli 2015

Brauseboys am 23.7.: Der Superdöner

Der Superdöner (Robert Rescue)

Lange schon rege ich mich darüber auf, wie viel Beilage die Verkäufer in den Döner packen. Gerade die Tomatenscheiben fallen mir beim Bezahlen schon runter und nehmen ein paar Zwiebeln mit. Vielleicht überfordert es die Döneristen, dass man den draußen essen will. Eines Tages wird der Tag des Superdöner kommen. Ich werde vor dem Geschäft stehen mit dem Döner und wenn ich dann reinbeiße, wird das Gemüse und das Fleisch links und rechts herunterfallen und meine Zähne treffen auf die nackte Brottasche.

Dienstag, 14. Juli 2015

Brauseboys am 16.7.: Weltsicht

Weltsicht (von Robert Rescue)

»Hey, du Arsch, so kannst du fahren, wo du herkommst, aber nicht in Berlin«, rufen zwei angetrunkene Typen einem rechtsabbiegenden Auto hinterher, das an ihnen vorbeirast, als sie bei Grün die Straße überqueren wollen. Das Fahrzeug hat ein Berliner Kennzeichen. Korrekt müsste es also heißen: »Hey, du Arsch, so kannst du fahren, wo du herkommst, aber nicht im Wedding.«

Dienstag, 7. Juli 2015

Brauseboys am 9.7.: Kühle Texte

Bei der Kinderärztin (von Frank Sorge)

Wie es mit den Zwillingen läuft, will die Kinderärztin wissen. Wir erzählen ein wenig, es ist nichts Schlimmes, dann fügt sie an: "Ach, Sie sehen selbst ja auch sehr entspannt aus".
"Müde", denke ich, " wir sehen bestimmt einfach nur elend müde aus."
"Das überträgt sich ja von den Eltern auf die Kinder", führt die Ärztin aus.
"Nein", denke ich, "würde sich unsere Müdigkeit auf sie übertragen, wären wir ja nicht so müde." Das wäre so paradox wie herrlich. Denn wenn sich die Kinder von unserer Müdigkeit anstecken ließen, wären wir bald in Folge ausgeschlafen und hellwach, was sich auf die Kinder übertragen würde, womit wir danach wieder müde gespielt werden. Was sich dann wieder übertragen soll? So ganz leuchtet mir die These des Übertragens nicht ein - das Schreien haben sie jedenfalls nicht von uns. Dafür sind wir, naja, zu entspannt.

Dienstag, 30. Juni 2015

Brauseboys am 2.7.: Die Latte hochlegen

Donnerstag, 02.7. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit zwölf Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

Iris Schwarz
Mädchen aus Berlin

Dienstag, 23. Juni 2015

Brauseboys am 25.6.: Brausetalk Wedding

Ungewohnte Nähe (Robert Rescue)

Neuerdings erlebe ich so eine komische Freundlichkeit und Nähe, wenn ich beim Saray einen Döner bestelle. Einer der Spießschergen scheint mich in sein Herz geschlossen zu haben. »Wie geht es dir, mein Freund«, fragt er nach. »Kommst du von der Arbeit?« Beim ersten Mal habe ich geschwiegen und ihn irritiert angeschaut. Beim zweiten Mal habe ich mir gedacht, der Chef habe eine Freundlichkeitsoffensive gestartet und der eine sei der einzige, der versucht, sie umzusetzen. »Geht so«, habe ich wortkarg geantwortet und mir gedacht, ich müsse mal eine Weile mit dem Döner aussetzen, so lange, bis er mich nicht mehr kennt. Das geht schließlich zu weit mit dieser Freundlichkeit.
Vor kurzem war ich bei der Stehpizzeria »La Rosa«. Plötzlich sprach mich der Pizzaknecht an: »Seit ich vor drei Monaten mit dem Rauchen aufgehört habe, bin ich dicker geworden.«
Ich war vollkommen überfordert von seiner Anbiederung. War ich sein Onkel oder Bruder? Ich quälte mich zu einem Lächeln und meinte: »Dann musst du wieder anfangen mit dem Rauchen.« Anstatt sich jetzt wieder um die Essenszubereitung zu kümmern, fuhr er fort: »Ich kann mich kaum noch bücken und meine Schnürsenkel zubinden.«
Ich zuckte nur mit den Schultern.
Er unterließ jedes weitere Gespräch und ich nahm mir vor, diesen Laden so lange zu meiden, bis ich wieder mit der gewohnten Anonymität behandelt wurde.

Dienstag, 16. Juni 2015

Brauseboys am 18.6.: Brausetalk Wedding

Zuviel Polizeiticker gelesen (Robert Rescue)

Mir klaut einer bei Aldi den Pfandbon, als dieser vom Automaten ausgegeben wird. Der Dieb läuft augenblicklich zur Kasse, drängelt sich vor und will ihn einlösen. Ich rufe in Richtung Kasse: »Hilfe, der hat mir den Pfandbon gestohlen.« Die Kassiererin reagiert geistesgegenwärtig und verweigert die Auszahlung. Der Täter flüchtet ohne Beute.

Dienstag, 9. Juni 2015

Brauseboys am 11.6.: Brausetalk Wedding

Typ im Spätkauf (Robert Rescue)

Ein junger Mann, der gerade eine 16-Rollen-Packung Klopapier in einer Drogerie eingekauft hat, stellt sich vor den Tresen und fragt:
„Habt ihr zufällig ein oder zwei Euro Münzen übrig, die ihr nicht mehr braucht?“
„Nee, haben wir leider nicht“, sagt der Besitzer sofort und deutlich erkennbar am Rande der Höflichkeit.
„Ist Monatsanfang, wisst ihr“, sagt der Typ und geht wieder raus.

Hat er da was verwechselt? Heißt es nicht Monatsende? Und warum legt er die Latte so hoch, anstatt nach 10 oder 20 Cent Münzen zu fragen?

Mittwoch, 3. Juni 2015

Wedding-Wochen im Juni: Mit Brause-Talk

Der Brausetalk - die Weddinger Live-Talkshow!

Neben den angemessen übertriebenen Glorifizierungen des Kiezes bringen wir fundierte Gespräche über seine Gegenwart, Zukunft und Eigenheiten auf die Bühne. Ob Gewerbetreibende, Filmemacher, Künstler, Politiker, Engagierte - alle stehen Rede und Antwort - das sind die neuen Weddingwochen der Vorlesebühne. Garniert wird das natürlich mit Texten von Paul Bokowski, Frank Sorge, Robert Rescue, Volker Surmann und Heiko Werning. Und der Brause-Showband der Woche.



Donnerstag, 4.6.: Mit den Talkgästen: Ralf Wieland (SPD), Mike Menke (Kinderschutzbund), Martin Nudow (Regisseur), Hinark Husen (Ex-Brauseboys & Kita-Erzieher). Musik: Primaterz

Donnerstag, 11.6.: Mit den Talkgästen: Axel Voelcker (Magazin „Der Wedding“), Julia Boeck (taz), Matthias, Hera & Thorgen (Nussbreite), Gerhild Komander (Stadthistorikerin). Musik: Whisky & Rhymes

Donnerstag, 18.6.: Mit den Talkgästen: Daniel Gollasch (Grüne), Martin Helmbrecht (Regisseur), Sybille Zakfeld (Lehrerin an Weddinger Gymnasium), Hanna Dobslaw (Cineplex Alhambra). Musik: Django Lassi

Donnerstag, 25.6.: Mit den Talkgästen: Eberhard Seidel (Döner-Forscher, Schule ohne Rassismus), Johannes Ehrmann (Wedding-Blog Tagesspiegel, Krautreporter), Dominique de Rivaz (Regisseurin), Johnny (Weddingweiser). Musik: Lari und die Pausenmusik

Dienstag, 2. Juni 2015

Brauseboys am 04.6.: Brausetalk Wedding

Der Tankgutschein (von Robert Rescue)

»Sie bekommen noch einen Tankgutschein über 5 Euro«, sagt die Kassiererin im REAL zu mir. »Der Drucker für den Gutschein ist aber gerade defekt. Gehen Sie bitte in den nächsten zwei, drei Tagen mit dem Kassenbon zum Serviceschalter. Da bekommen Sie dann den Gutschein. Ich notiere das Mal.«

Sie schreibt »TK offen« auf das Papier und unterschreibt. »Danke«, sage ich und schiebe meinen Wagen weiter. Ich bin erstaunt über ihre Beflissenheit, dabei weiß sie gar nicht, ob ich den Gutschein überhaupt gebrauchen kann. Ich habe kein Auto und kenne in meinem Umfeld niemanden, der regelmäßig ein solches benutzt. Für wie viel kann man mit 5 Euro tanken? Bei Payback- oder Treuepunkten wird immer nachgefragt, ob man die sammelt. Warum nicht auch bei dem Tankgutschein? Ist irgendetwas an mir, was Frau Bratsch so sicher sein lässt, dass ich mit dem Gutschein etwas anfangen kann? Normalerweise schmeiße ich den Kassenbon gleich weg, aber diesmal entscheide ich mich anders. Ich möchte nicht, dass sie das mitbekommt, also stecke ich ihn in die Brieftasche und entsorge ihn erst später.

Dienstag, 26. Mai 2015

Samstag, 23. Mai 2015

Eurovision-Songtextkritik: Israel & Fazit

Israel - Goldjunge

Kleine Jungs, die etwas Schreckliches machen - damit ist man vom norwegischen Beitrag aus direkt dann schon beim Beitrag von Israel.  Der Sänger Nadav ist zarte sechszehn Jahre, sieht aber auf dem Foto satte zehn Jahre älter aus. Das ist diese moderne Ernährung, sie werden so schnell groß. Bevor man sich aber fragt, ob alles an ihm so ausgewachsen ist wie das Äußere, singt er auch schon:

“Mama!”

Und jedes Interesse an der Nummer erlahmt. Wäre er sechs Jahre alt, da würde der Ruf nach Mama noch gehen, okay, aber sechszehn sein und nach Mami schreien, da vergrault man sich rundherum jede Zielgruppe. Selbst die angesprochenen Mütter, die einhellig reagieren würden: “Such dir endlich ne Freundin!”. Aber genau darum geht es ja.

Mama, wieder hat mir jemand das Herz gebrochen.
Sag ihr, ich glaube, ich kann es nicht mehr ertragen.
Mama, wieder hat mir jemand das Herz gebrochen,
und um den Schmerz zu lindern,
muss ich jetzt schnell auf die Tanzfläche.

Mir erschließt sich jetzt plötzlich doch, warum er Mama fragt. Mit sechszehn kommt er halt nicht alleine in die Disco. Aber mit der Erziehungsberechtigten geht es, sie soll daher mitkommen. Glaubt man jetzt erstmal nicht, aber es steht da:

Führ mich aus,
ich bin nicht in der Stimmung für ein gebrochenes Herz,
wir tanzen durch die Nacht, um sie zu vergessen.
Nein, sie weiß nicht, was ich hier mache - 
Hallo, Ladys!

Mit der Mutter in die Disco und wild Mädchen und Frauen anmachen, was Schöneres kann sie sich wohl auch nicht vorstellen, mit ihrem Sohn so die Nacht zu verbringen.


Yea, Baby, drück meinen Abzug,
du weißt, meine Liebe ist ziemlich groß gewachsen,
Liebe, Liebe, Liebe,
wir geben uns dem Rhythmus hin,
du weißt, wenn ich Feuer fange,
probier mich aus (3-2-1 hey).

Dass die Mutter da direkt mitmacht, möchte man sich nicht vorstellen, aber sie ist sicher modern und kann sich auch irgendwie amüsieren, während ihr Sohn Dampf ablässt. Ab und an zeigt sie ihm vielleicht ihren Gesprächspartnern am Tresen, zeigt zu ihm auf die Tanzfläche und sagt: “Das ist doch ein Goldjunge, oder? Mein Goldjunge.” Und er selbst wirbelt wild herum und singt:

Ich bin ein Goldjunge,
erfreu dich an mir,
ich bin der Spaßkönig,
lass mich dir zeigen, wie wirs tun.
Und bevor ich gehe, zeige ich dir noch Tel Aviv.

Ist doch nett, oder? Nach dem Schmusi-Busi noch eine Stadtführung anzubieten. So ist er halt, ein richtiger Goldjunge.

Fazit 2015: 
Das frühzeitige Ausscheiden des Siegers (Finnland) hat dem Finale dieses Jahr nur Verlierertitel beschieden. Die verantwortlichen Jurys sind vehement mit Wattebällchen zu bewerfen. Gewinnen wird Belgien, denn der Junge ist noch ein bisschen goldiger als die anderen. Dicht gefolgt von einem baltischen Beitrag. Je nach Ergebnis werde ich das Fazit natürlich noch anpassen.

Eurovision-Songtextkritik: Norwegen

Norwegen - Ein Monster wie ich

Man weiß ja, worauf man sich mit dem Eurovision einlässt. Etiketten wie “Gnadenloser Trash” kommen ja nicht von irgendwoher. Es gibt peinliche Auftritte, es gibt schamlosen Schwachsinn und sicher liegt man nicht falsch, wenn man genau hier den Unterhaltungswert vermutet. Immer wieder ist ein Beitrag aber auch so bekloppt, dass er in keine Schublade der Glitterkommode passt. Dieses Mal kommt er von den Norwegern. Ein Duett im Pärchen, er erzählt, was los ist:

Liebling, ich erzähle dir die Wahrheit,
ich habe in meiner Jugend etwas Schreckliches getan.
Hab den Verstand verloren, die Kontrolle verloren.
Ich war nur ein kleiner Junge, ich wusste noch nichts,
ich lasse dich lieber gehen…

Wie genau kann man auf die Idee kommen, das Bekenntnis zu einer vermutlich grauenhaften Tat zum Liedthema zu machen? Damit man sich dabei auch bloß nichts konkret Schreckliches vorstellt, sondern die Phantasie des Schreckens voll entfalten kann, erzählt er natürlich nicht, was genau passiert ist.

Um den Prinzen zu finden, den du in mir vermutet hast,
gebe ich dich frei und gebe dich auf.
Winke dir, sage Adieu und lass dich leben,
ohne ein Monster wie mich.


Zu diesen merkwürdigen Zeilen sieht man den Sänger Kejtil Mørland unbewegt in die Kamera starren, passenderweise mit der Wirkung eines Pychopathen. Aber nicht nur die Mimik der Darstellung, auch der Text des Liedes ist damit schon erschöpft, was den Eindruck völliger Verstrahlung der Verantwortlichen verstärkt. Ganz kurz darf sich die Duettpartnerin noch zu Wort melden:

Liebling, 
jetzt habe ich den Deckel dieser grauenhaften Wahrheit gelüftet,
halt mich fest, denn ich verbrenne.
Sing mir etwas Schönes, mach, dass es aufhört,
ich lasse dich besser gehen.

‘Sing mir etwas Schönes’, das ist doch mal ein Wunsch, der sich leicht hätte erfüllen lassen. Man bräuchte nur einfach ein schönes Lied. Zu schade, dass gerade keins in Norwegen vorrätig war.

Freitag, 22. Mai 2015

Eurovision-Songtextkritik: Australien

Australien - Heute Nacht nochmal

Eine wichtige Neuerung in diesem Jahr ist die Aufnahme Australiens in den Kreis der trällernden Europäer. Der Teilnehmerkreis ist schon etwas weiter gefasst als das politisch-geographische Europa, manch einer mag aber denken: Australien, das geht zu weit. Oder: Australien, das ist zu weit. Warum also dürfen die dann teilnehmen? Die Antwort ist einfach: Weil sie es doch so gerne wollen. Viele Fans down under schauen den Eurovision, nicht nur wegen der eigenen europäischen Vorfahren. Man muss über Australier wissen: Sie lassen nie eine Gelegenheit zum feiern aus - im Gegenteil, sie konstruieren gerne und ausufernd Gelegenheiten zum feiern, damit es immer eine Gelegenheit zum feiern gibt. So zeltete ich einmal Mitte Juni am Ayers Rock neben einer australischen Jugendgruppe. Am 24.6. feierten sie in der Wüste “Christmas in Summer”, mit Weihnachtsmann, bunten Schirmen in Getränken, Tanz und Gaudi. Ich fragte einen der Betreuer, was es damit auf sich habe. Die Antwort: Wir Australier feiern einfach gerne und das ist doch eine gute Gelegenheit, dass in genau sechs Monaten Weihnachten ist. “Aber dann kann man doch immer Weihnachten feiern?”, wand ich ein. “Ja, genau”, war die lächelnde Antwort.
Immerhin, die Teilnahme ist eher symbolisch, man kann für den australischen Beitrag nicht abstimmen.* Es gibt dafür aber sowieso keinen Grund. Nicht, dass er ‘unterirdisch’ wäre, er glänzt eher damit nicht, dass nichts an ihm besonders ist. Für einen besonderen Anlass also nicht besonders genug. Textlich ist der Beitrag ein klassischer Vertreter der Liedspezies “Fuck me one more time” - worum es geht? Genau, man will nochmal.

Ich will kein morgen,
oh Baby, heute Nacht ist so gut.
Heute Nacht ist so gut.
Wir können es nicht verhindern,
oh Baby, heute Nacht ist so gut.
Vergiss morgen,
wir machen heute Nacht nochmal.

Ich würde dem Liedsänger auch dazu raten, macht's doch einfach nochmal, macht was ihr wollt. Aber warum darüber singen?

Oh, alle haben so ihre Probleme,
haben immer den Kopf voll damit,
oh, aber heute Nacht lösen wir sie nicht,
jetzt lassen wir sie mal alle hinter uns.

Gerade will man noch einmal betonen: Ja, Mann, ihr könnt doch machen, was ihr wollt. Aber dann fällt es ihnen selbst auf:

Mach wat’de wat’de wat’de willst
Mach wat’de wat’de wat’de willst
Mach wat’de wat’de wat’de willst
Nu mach schon,
oh ja, mach.


Australien gilt nicht unbedingt als Hort von Intellekt und Kontemplation, so unverhohlener Hedonismus braucht aber auch hier noch eine Rechtfertigung.

Oh, manche Leute könnten das verrückt nennen
und sagen, wir leben nur für den Spaß.
Oh, sie könnten Recht haben, möglicherweise,
aber ich garantiere dir: was wir haben, ist, was sie wollen.

Sex, okay, aber dieses Lied, das wollen wir nicht, das könnt ihr behalten.

*Nachtrag: Mein letzter Stand war, dass für Australien nicht abgestimmt werden kann. Ist aber offenbar doch anders, nur der nächste Austragungsort wäre dann nicht in Australien. Aber keine Gefahr.

Eurovision-Songtextkritik 2015: Ungarn

Ungarn - Kriege für nichts

Bei “Ein bisschen Frieden” damals, da ging das noch mit den politischen Aussagen. In den Achtzigern hat man auf Friedenslieder noch gehört. Eine Frau, eine Gitarre, eine Botschaft. Den ungarischen Beitrag in diesem Jahr singt eine Frau, begleitet von einer Gitarre, vielleicht ist die Zeit wieder reif. Im Verlauf des offiziellen Videos singen nach und nach irgendwelche Leute auf der Straße mit, bis sie am Schluss alle in Eintracht das Friedenslied “Kriege für nichts” schmettern:

Weißt du, dass unsere Erde vor die Hunde geht,
all die Kriege für nichts, es hört nie auf.
Jeder verdient eine Chance,
all die Seelen, all die Seelen, kannst du sie schreien hören?

Das ist harter Tobak für das Wohlstandsohr, schreiende Seelen der Verdammten. Jahrelang hat man sich durch Ablenkungen bunte Ohrstöpsel zugelegt gegen derlei Klagen, und die Sängerin Boggie versucht, sie zu durchstoßen.

Dass du in Frieden lebst, heißt nicht,
dass es in Ordnung ist, all den Schmerz zu ignorieren.
Ich sehe Kinder zu den Sternen gehen,
Soldaten laufen in die Dunkelheit, lass mich fragen:

Kannst du all diese Augen rechtfertigen,
die nie wieder Tageslicht sehen.
Nenn' mir einen guten Grund, eine hilflose Seele
zu verletzen, ein Herz zu brechen, einen Verstand auszulöschen.


Ich schaue an dieser Stelle mal, was nach dem ungarischen Beitrag im Halbfinale kommt… ach ja, Weißrussland, lustig - das ist so ein Sänger mit angeschmiedeten Elbenohren der seine Co-Sängerin durch die gemeinsame Leidenschaft für den Herrn der Ringe kennengelernt hat. Was für ein Ding! Da mag man ein Buch mit lustigen Fabelwesen, die Filme sicher auch, und dann trifft man jemanden, der das auch gut findet. Toll, oder? Was noch mit dem ungarischen Beitrag war? Ach, der, weiß nicht, war irgendwas Trauriges. Aber hier, “die Zeit ist wie ein Donner, a-a, höre ihren Donner, a-a, grollend wie ein Donner, a-a”, das ist doch schmissig. Beim ungarischen Beitrag sollte man vorher vielleicht schnell noch auf die Toilette gehen, damit man das danach nicht verpasst. Bestimmt zeigen sie da auch Zwerge und sowas auf der Leinwand. Wie das Friedenslied endet? Ist doch egal. Will euch doch nicht die Laune verderben. Traurig natürlich:

Weißt du, wie viele Unschuldige
sich vor Bestrafungen verstecken?
Für Verbrechen, die sie nicht begangen haben.
Allein, sie sind allein, verdienen sie

zu sterben, weil sie etwas anderes glauben?
Weil sie ein Gesicht haben, das irgendwem nicht gefällt?

Verlassen wir an dieser Stelle den ungarischen Beitrag und setzen uns dafür ein, als Industrienation bessere Waffen zu verkaufen, damit die Welt friedlicher wird. Das erscheint mir ganz logisch, denn Kriege werden ja nicht für nichts geführt. Sondern fürs Geschäft. Im Grunde das Gleiche wie mit dem Singen. Man muss so ein Lied ja auch verkaufen. Das hat sie wohl nicht ganz verstanden, das sollte man dieser Sängerin mal genauer erklären.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Eurovision-Songtextkritik 2015: Griechenland

Griechenland - ein letzter Atemzug

In den letzten Jahren sprühten die griechischen Beiträgen vor Lebensfreude und Hoffnung. Zu Beginn der Schuldenkrise 2010 hieß es noch “Brennt alles nieder”, von Kellnertypen in weißen Hemden gesungen - dann folgte eine hedonistische Phase mit “Schau, wie ich tanze”, “Aphrodisiakum” und “Alkohol ist gratis”, im letzten Jahr mit “Steh auf” ein missglückter Versuch, den katergeplagten Kopf mit Balla-balla-Techno wieder frei zu bekommen. Statt “Steh auf” gewann aber “Steh auf wie ein Phönix”, so mythologisch beklaut von den Österreichern scheint jetzt der musikalische Wille Griechenlands endgültig gebrochen. Maria Elena Kyriakou singt “Ein letzter Atemzug”.

Meine Seele, ich glaube ich bin ein Niemand,
du hast mich getötet und ich bin am Ende, ohne eine Waffe
ist mein Licht ausgeblasen, ich fühle mich betrogen
und kann keinen Mut mehr fassen, bin ohne Glaube.
Wie konntest du mich verlassen?

Ein typisches Griechenland-Gefühl dieser Tage. Ohne Glaube, ohne Mut, ohne Hoffnung, alles pfeift auf dem letzten Loch. Ist eine Rettung überhaupt noch möglich, lässt sich fünf nach zwölf die Uhr noch zurückdrehen? Man kann den Eindruck bekommen, Griechenland selbst ist eine Rettung nicht in jeder Weise recht - stellvertretend gibt Maria Elena hier aber doch einen finalen Rettungsruf für ganz Griechenland ab:

Ich flehe dich an, hol mich
aus diesem Höllenfeuer raus.
Komm zurück und rette mich,
was geschehen ist, war falsch.
Ich habe nichts übrig, nur diesen
letzten Atemzug.


Aber Europa wird auf den Ruf nicht hören und dem Lied reiche Punktzahlen verwehren. Lieder, die sich selbst klein machen, werden mit Kusshand übersehen, wer will schon Klagen hören? Ein ähnlicher Effekt wie bei Montenegro - Adieu. Der ganz klassische Weg, schon per Liedtitel auszusteigen - Varianten: Say Goodbye, I want to go home, Let me go, Going home - Tschüssi, ihr winkenden Liedbeiträge - Tschö mit ö. 


Dienstag, 19. Mai 2015

Brauseboys am 21.5.: Da kommt was

Foto: Yola Sornsakrin

Donnerstag, 21.5. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit zwölf Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Judith Stadlin (von der Schweizer Lesebühne Satz & Pfeffer)
Sebastian Nitsch (Frisch gekrönter Prix-Pantheon-Preisträger. Glückwunsch!)

Eurovision-Songtextkritik: Zypern - Was ich hätte tun sollen

Ein zwanzigjähriger Zypriote hat eine dickrandige Brille auf und einen Plan. Alles singen die immergleichen Liebeslieder, da muss man doch mal ein 'anderes' Liebeslied dagegensetzen. Wo es nicht immer nur um das gleiche Zeug geht, den Flug zum Himmel, die Augen als Sterne. Es braucht da mal eine originelle Wendung, eine Pointe - dann zerplatzen all diese albernen Liebeslieder vor dem einen komischen Lied. So der Plan, den er im Kurzinterview durchscheinen lässt. Er will uns ultimativ überraschen:

Heute regnet es,
mir ist kalt, und ich 
bin neben der Spur, ohne dich.
Mein Kopf dreht sich wie verrückt
zu der Zeit zurück, als wir… alles mögliche am Laufen hatten.

Nicht schon wieder, denke ich, sagt doch einfach mal, was ihr gemacht habt. Wart ihr ein Eis essen, spazieren, im Supermarkt einkaufen, in der Kiste, beim Tierarzt?

Jetzt liegt meine Welt in Scherben,
wie schnell sich das Leben ändern kann.

Ich hab immer alles für dich getan,
gab dir mein Herz, du gabst mir deins,
und hast mir das Gefühl gegeben, jemand zu sein,
aber eine Sache, die hätte ich wirklich machen sollen…

Herzchen raus, Herzchen rein, das kennen wir alles, bis hierhin unterscheidet sich das Lied von keiner beliebigen Liebesliednummer, die er überwinden will. Noch eine Strophe und noch einen Refrain lässt er die Zuhörer zappeln, die schon ganz unruhig werden. Was ist es bloß, das er hätte tun sollen? Wir sind alle so gespannt... Es gibt einen musikalischen Wechsel, der Sänger zieht die Augenbrauen zusammen, als würde er selbst über die Frage noch einmal nachdenken müssen, dann hellt sich sein Gesicht auf: “Ach ja!”


Ich hätte für dich da sein sollen
Ich hätte für dich da sein sollen
Ich hätte für dich da sein sollen
ich hätte überhaupt da sein sollen

Ich habe nicht alles für dich getan,
aber ich habe es wirklich versucht, das ist die Wahrheit,
hätte dir das Gefühl geben sollen, jemand zu sein,
aber eine Sache, die hätte ich wirklich machen sollen…

Beinahe alles habe ich für dich getan,
aber dein Herz gebrochen, jetzt ist meins auch kaputt,
als du mich gebraucht hast, bin ich nicht gekommen,
das ist die Sache, die hätte ich wirklich machen sollen...

Das Lied klingt schmissig, der Zypriote nett. Der Plan aber, das Liebesliedgut zu revolutionären ist vermutlich ein ganz kleines bisschen zu hoch gegriffen. Nur weil der Liebesliedsänger einmal einsieht, dass er selbst auch ein bisschen Schuld an der Misere hat, ändert das nichts an den sieben Standard-Wolken, die hier alle sonst auf ihre Musiktuschepilder pinseln wie eifrige Schulkinder.
Außerdem kenne ich mich mit Pointen aus, die ein bisschen zu ruhig sind, um als solche wahrgenommen zu werden. Das ist so eine.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Bird's Free Funk


Bird's Free Funk tragen ihren Jazz gerne von Hannover in den Wedding, so auch an diesem Donnerstag zum traditionellen 'Himmelfahrtskommando". Die gemeinsamen Darbietungen unseres Schlussliedes sind legendär, so auch dieses Mal. Dank an Charlotte, Till und Johannes.

Dienstag, 12. Mai 2015

Brauseboys am 14.5.: So wird das

Wie war das? (von Frank Sorge)

Papa, wie war das 2015?
Ach, da war noch alles anders. Man ist zum Beispiel zurückgetreten, wenn man eine Wahl gewonnen hat.
Wirklich?
Ja, erst Andreas Kümmert, der eigentlich zum Eurovision sollte, dann der Bremer Bürgermeister...
Was ist Bremen?
Das war mal eine schöne Stadt, gar nicht weit weg von dem Strand, wo wir immer Urlaub machen.
Und was war noch anders?
Na, wenn man gestreikt hat gegen die Kommunen, dann so, dass die Kommunen dabei Geld einsparen. Früher gab es noch so Kindergärten, aber dann kam ja auch schon die Revolution.
Der große Claus?
Ja, genau, der Vorstand des Revolutionsrats hat damals mit den Lokführern um bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. 
Was waren Lokführer?
Raumschiffkapitäne.
Und was war Arbeit?
Was ganz Unangenehmes, da reden wir mal drüber, wenn du etwas älter bist.

Donnerstag, 7. Mai 2015

Dienstag, 5. Mai 2015

Brauseboys am 7.5.: Statt Bahnfahren


(Foto: Yola Sornsakrin)

Donnerstag, 7.5. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit zwölf Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Saskia Inken Rutner (SIR)

Eurovision-Songtextkritik 2015: Dänemark

Nachdem für mich und gefälligst für alle Finnlands Punkband als vorzeitiger Sieger des ESC gelten muss, gibt es ja noch die anderen Teilnehmer, die man wenigstens noch einmal sehen möchte, wenn sie sich schon so viel Mühe gemacht haben. Beim Durchgucken der weiteren Lieder muss ich mich korrigieren, das meiste will ich doch nicht sehen. Aber ich muss ja.

Dänemark - So wie du bist

Man muss die Band aus Dänemark für ihren Bandnamen loben: Anti Social Media, das klingt unangepasst und orginell. Leider ist es das einzige am Beitrag, was unangepasst und originell klingt. In der Selbstbeschreibung nennen sie die Beatles als Vorbild, sie wären vom warmen Sound der Sixties inspiriert. Leider aber klingen sie nicht wie die Beatles oder irgendeine Band aus den Sechzigern, sie klingen ungefähr so wie die Flippers. Auch beim Text erwarte ich nichts, meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. “So wie du bist” heißt das Lied und beginnt so:

Der Sommer ist da, der Winter vorbei,
endlich kann ich die Sonne sehen.
Jedes Mal, wenn du in den Raum kommst,
lösen sich alle meine Ängste in Luft auf,
wenn ich in deiner Atmosphäre bin.
Ich weiß nicht, wie du es machst,
aber du machst es,
ich kann nicht sagen, warum.

Das lyrische Ich, wenn man es überhaupt lyrisch nennen mag bei diesen Zeilen, kämpft offenbar mit einer Zwangsneurose, einer Angststörung. Nur wenn die Dame des Herzens in den Raum kommt, kann er sich entspannen. Ein partnerschaftliches Verständnis, das offenbar noch aus der Kleinkindphase herrührt. 


Besonders neugierig machen auch Partikel wie “ich weiß nicht” oder “ich kann nicht sagen”, denn das interessiert einen ja besonders, wenn jemand nicht sagen kann, was er sagen will: Nämlich, wie sie ist. Aber vielleicht weiß er das ja wenigstens, da kommt ja schon der Refrain:

Es ist die Art, wie du bist,
es ist einfach die Art, wie du bist
die mir den Tag rettet,
schlechte Zeiten vergessen lässt.

Auch hier kann er also nicht sagen, wie sie eigentlich ist. Man weiß ja nicht mal, ob sie überhaupt eine sie ist, eine Freundin, ein Freund, ein Schwarm oder ob es nicht doch um die eigene Mutter geht - was beim Eurovision auch nicht selten wäre. Sehr schmeichelhaft die nächste Strophe von “So wie du bist”:

Wie ein altes Radio, ein Song, der mich nicht loslässt,
ich kann nichts denken, nur an dich,
Filmstars und Kaviar könnten mich nicht dahin bringen, wo du bist,
Ich kann nichts
dagegen tun.

Aber warum denn auch? Machs doch einfach mit deinem alten Radio, macht es, so oft ihr wollt. In eurem “Raum”, was auch immer das für ein Raum ist. Vielleicht wäre so die Zeit sinnvoller genutzt, als darüber ein Lied zu schreiben. Was auch immer dieses ist, worüber du geschrieben hast.

Und ich werde immer da sein,
wenn du jemanden brauchst, der dich führt.
Was immer auch zu tun ist, Mädchen, 
für dich mache ich es.

Bitte, liebes lyrisches Du, Mädchen, das ist deine Chance - sag ihm, er soll aufhören zu singen. Einfach nur aufhören.

Donnerstag, 30. April 2015

Dienstag, 28. April 2015

Brauseboys am 30.4.: Lesung in den Mai

(Foto: Yola Sornsakrin)

Donnerstag, 30.4. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit zwölf Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen.

Robert Klages
Karl Neukauf

Eurovision 2015 - Die Sieger stehen fest

Jedes Jahr zur gleichen Zeit machen sich Hundertschaften von Hupfdohlen und Schnuckelhasen bereit für ihren großen Auftritt beim Eurovision Song Contest. Außerdem surft ein Weddinger Vorleser auf die Homepage des Wettbewerbs, um die diesjährigen Liedtexte zu lesen, downzuloaden, zu übersetzen, zu kritisieren. Dieses Mal stehen überraschend schon die Sieger fest: Finnland.

Finnland - Ich muss immer

Es lohnt sich vermutlich schon gar nicht mehr, überhaupt noch Wetten abzuschließen. Die Gewinner sind eine vierköpfige Punkband aus Finnland: Pertti Kurikan Nimipäivät (Pertti Kurikkas Namenstag). Die Besonderheit der Band, die es seit 2009 gibt, liegt in den Behinderungen ihrer Mitglieder. Drei haben das Down-Syndrom, einer ist Autist. Trotz dieser Schwierigkeiten bieten sie nicht nur den bestmöglichen, kontrapunktischen Punk-Sound zum Wettbewerb, sie haben auch den besten Songtext in der Tasche.  "Aina mun pitää" - Ich muss immer.

Ich muss immer aufräumen
Ich muss immer sauber machen
Ich muss immer zum Arzt
Ich muss immer zur Arbeit

Kann nicht zu meinem PC
Kann nicht fernsehen
Kann nicht mal Kumpels sehn

Es ist einfach völlig ausgeschlossen, dass irgendeiner der Glitterpflaumen in diesem Jahr auch nur annähernd einen vergleichbar wahren Text vorlegen kann. 


Der, laut Beitrags-Zusammenfassung aus dem Alltagsleben der Bandmitglieder berichtet, aber, laut mir, aus unser aller Alltagsleben berichtet. Nach diesem Lied mag man keine wohlstandsfeile Klage mehr hören, keinen Phönix aus der Asche flattern sehen, nichts über Herzen aus Athen, kein “Fuck me one more time”, keine Fackeln im Sturm. Der Auftritt wird sein, was der Eurovision noch nie war. Wenn es doch anders kommen sollte, liegt es einzig daran, dass kaum jemand wissen wird, was sie dort singen. Bei genauerem Nachdenken wird das wahrscheinlich doch genau der Grund sein, dass es anders kommt. Schade eigentlich. Mein Rat für uns, die wir die echten Gewinner erkannt haben: Völlig wurscht, wer die nächste Hupfdohle wird.

Ich muss immer zuhause bleiben
Ich muss immer Sachen machen
Ich muss immer was Ordentliches essen
Ich muss immer was Ordentliches trinken

Keine Süßigkeiten für mich
Keine Soft-Drinks für mich
Auch kein Alkohol

Fast jede musikalische Stilrichtung wurde vom Eurovision über kurz oder lang aufgefressen. Alles ist in den Fleischwolf gekommen und kehrt jedes Jahr wieder, wie zusammgenähte Monster Frankensteins. Hier jetzt also Punk, könnte man denken. Aber schon einmal hat Finnland mit Lordi bewiesen, dass es anders geht - und gewonnen. Nach einer Minute vierzig bricht das Lied dann unvermittelt ab.

Ich muss immer mich ausruhen
Ich muss immer schlafen gehen
Ich muss immer aufstehen
Ich muss immer duschen

Aber längst ist alles gesagt und gezeigt und verstanden. Hammer Nummer, 12 Punkte aus jedem Land, so sollte es kommen. Dass sie die Krone mehr als verdient haben, beweist auch, dass sie für den Wettbewerb eine eigene englische Übersetzung, bzw. Version des Textes bereitgestellt haben. Diese Version ist das kryptischste Textwerk, das je hier bereitstand. Für einen englischen Muttersprachler hört sich der Anfang vielleicht ungefähr so an:

Ich bin mach es
Ich bin mach es renne
Ich bin mache es Handsmütze
Ich bin mache es Hostels
Ich bin mache es furzend
Keine kommende Maschine
Nein, es ist Fernsehen

Das ist nicht einfach nur ein Beitrag, das ist brilliant. Für mich steht alles fest.

Donnerstag, 23. April 2015

Dienstag, 21. April 2015

Brauseboys am 23.4.: Blühende Fantasien

Zärtlichkeiten mit Fremden (von Frank Sorge)

Nach einer Pause im Geburtsvorbereitungskurs kommen wir in einen abgedunkelten Raum zurück, in dem alle auf ausgerollten Plastikmatten sitzen. Die Atemübungen nahen. Es gibt kein Entrinnen mehr - werden wir keuchen müssen, werden wir Urschreie ausstoßen müssen, wir wissen es nicht. Nur, dass es peinlich wird, da sind wir uns sicher. Es muss.
Wenige Minuten später liegen wir herum und atmen, Wehen wegatmen, für Entspannung sorgen. Wir flüstern uns ins Ohr, wir streicheln Rücken und Arme. Zwölf fremde Paare, deren Ergebnis intensiver Geschlechtstätigkeit miteinander zunehmend im Weg ist, machen es in einem Raum. Zärtlichkeiten mit Fremden, die Bäuche verhindern Schlimmeres.
Stelle mir vor, wie Geburtsvorbereitungskurse unter Hippies in den Sechzigern und Siebzigern ausgesehen haben könnten: “Fühlen Sie mal den Bauch meiner Frau”, “Fühlen Sie mal den Bauch meines Mannes” oder “Wer möchte noch eine Dammmassage? Ich bin da grad so gut drin”.
Zum Glück kommt es nicht zum Einsatz von Panflötenmusik, wir müssen auch keine schlechten Gefühle in Bergkristalle ableiten. Wir lümmeln hier einfach im Keller eines Krankenhauses rum, hören das schwere Atmen der anderen Paare und fummeln im Dunkeln, nach der anregenden Ansicht medizinischer Schautafeln. Alles kann, aber mehr muss nicht, das finde ich okay in diesem informativen Swingerclub der Nicht-nur-Hormonschwangeren. Manches Paar verfällt ob der eigenen Scham aber doch bald in geniertes Schulkichern. “Lassen Sie es einfach raus, damit es dann auch mal gut ist”, reagiert die Hebamme in einem Tonfall, der mich aufhorchen lässt. Vor solchen Lehrerinnen musste man sich in der Schulzeit besonders in Acht nehmen, denn ihr Pragmatismus war dazu geeignet, dass man plötzlich etwas einsah, was nicht eingesehen werden durfte, und man in Folge jeder Widerstandsfähigkeit und Rebellionskraft verlustig ging. Als das Gekicher und Getuschel weitergeht, zieht sie eine weitere Trumpfkarte: “Ich verspreche Ihnen, das eine, was sie in ein paar Wochen in dieser Situation nicht machen werden - ist lachen!”
Wir atmen, ganz ruhig.

Donnerstag, 16. April 2015

Dienstag, 14. April 2015

Brauseboys am 16.4.: Mit frischer Tinte

Vorbereitung (von Frank Sorge)

Eltern, die noch nicht wissen, was ihnen blüht, eint die spezielle Mischung aus Vorfreude und Angst im Gesicht. Sie können noch nicht sagen, wie es ihnen ergehen wird. Sie ahnen, dass sie auf dreißig Kilometer Dauerlauf vorbereitet sind, aber es mindestens fünfzig werden, und sich nach diesen die Strecke noch auf hunderte Kilometer ausdehnen wird. Tausende?
Wir kommen ein paar Minuten zu spät in den Geburtsvorbereitungskurs und platzen in die Vorstellungsrunde wie eine Fruchtblase. Platsch, da sind wir - alles ganz natürlich. Wir greifen Stühle und reihen uns ein, ein zukünftiger Vater nennt seinen Vornamen, dass es sein erstes Kind wäre und erläutert, dass er keine speziellen Vorstellungen zum Geburtsvorbereitungskurs mitgebracht hat.
Er scheint einem Muster zu folgen, das irgendwo vor ihm gestartet wurde, und das auch die nächsten streng erfüllen. Man muss also den Vornamen sagen, erschließe ich mir, dann, dass es die erste Geburt ist, dann, dass man keine speziellen Erwartungen mitgebracht hat. Die dazugehörende Frau erfüllt das selbe Muster und ergänzt die aktuelle Schwangerschaftswoche.
Kaum haben wir die Jacken abgestreift, sind wir selbst dran - die kursführende Hebamme bietet an, uns erst einmal zu überspringen, aber ich schüttele den Kopf. “Ich bin Frank, das erste Mal Vater und habe keine speziellen Erwartungen an den Kurs mitgebracht.”
Die Hebamme nickt, erst zu mir, dann zu meiner Freundin, ich bin ein Profi in Vorstellungsrunden.
Die künftigen Eltern sind süß, mit dieser speziellen Mischung aus Hormonüberschuss, gespannter Erwartung und vertraulich vertiefter Zweisamkeit. Ich gucke auch regelmäßig in den Spiegel, aber so gut wie dieser hier ist der zuhause nicht.

Freitag, 10. April 2015

Ich habe einen Beruf, ich bin sensibel



Den folgenden Text habe ich am 2.4. bei den Brauseboys uraufgeführt, er ist zum mündlichen Vortrag verfasst. Aber da die Realität ihn gerade akut einzuholen droht und einzelne Politiker allen Ernstes Berufsverbote für Depressive fordern, habe ich mich zur Veröffentlichung entschieden.


Guten Tag. 
Meine Name ist Volker Surmann, und ich war im Jahre 2005 mal wegen einer depressiven Episode in therapeutischer Behandlung. Eigentlich dürfte ich gar nicht vor Ihnen stehen. Denn Bühnenkünstler wurde mit dem Gesetz zum Schutze der Zivilbevölkerung (GzSZ) vom Sommer 2015 als sensibler Beruf eingestuft.
Ich könnte ja jeden Moment eine Waffe ziehen und Sie alle niedermetzeln.

BUH!

Nach §7, Absatz 2 GzSZ dürfen Bühnenkünstler mit indizierten Vorerkrankungen nur noch vor Publiken bis maximal 9 Personen auftreten, darunter keine Kinder, Pflegebedürftige sowie Haustiere mit bis zu vier Beinen.
Bevor ich weiterspreche, müsste also die deutliche Mehrheit von Ihnen den Saal verlassen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Ich bin ja unberechenbar.
Gut, ich würde auch denken, dass Bühnenkünstler mit dauerhaft weniger als 9 Zuschauern am ehesten Grund zum Amoklauf hätten, aber bitte …
Sie wollen wirklich bleiben? 
Okay. Nach §8, Absatz 3, Satz 1 GzSZ bin ich verpflichtet, Sie darauf hinzuweisen, dass Sie sich ab jetzt auf eigenes Risiko in diesem Publikum aufhalten. Dieser Beschluss ist protokolliert und wurde von der Blackbox mit dem Voicerecorder im Bühnenboden gemäß §29, 2 GzSZ aufgezeichnet.

Es begann nach dem mutwilligen Absturz von Flug Germanwings 4U9525. Mit dem Gesetz zum Schutze der Zivilbevölkerung wurde die ärztliche Schweigepflicht für sensible Berufe gelockert. Seitdem müssen Ärzte und Therapeuten jedwede psychische Gefährdungslagen und Erkrankungshinweise an Behörden und Arbeitgeber melden. Als besonders sensible Berufe wurden natürlich Piloten eingestuft, das war klar, sowie sämtliche in der Personenbeförderung tätigen Menschen: Schiffskapitäne (Francesco Schettino grüßte von der Costa Concordia), Lokführer, Busfahrer, Straßenbahnfahrer sowie Betreiber von Kirmeskarussels. Was kann man da nicht alles anrichten? Eine falsche Lenkbewegung, falsches Tempo zur falschen Zeit. Und natürlich alle Mitarbeiter, die in der Flugsicherheit arbeiten. Und natürlich bei der Streckensicherheit bei der Bahn. Eine falsch gestellte Weiche kann hunderte Menschen das Leben kosten! Und natürlich alle Berufe, die mit Waffenbesitz einhergehen: Polizisten, Soldaten (ausgenommen im Auslandseinsatz), Jäger. Und Berufe, die mit Feuer hantieren: Feuerwehrmänner, Feuerschlucker. Oder anderen hochgiftigen Materialen hantieren: Chemieindustrie, Kammerjäger. Sowie natürlich sämtliche Mitarbeiter in Kernkraftwerken. Nicht auszudenken, ein manisch-depressiver Techniker im Steuerungsraum eines AKWs will einen erweiterten Suizid begehen. 
Dann fiel dem Gesetzgeber der Fall des Altenpflegers ein, der in Delmenhorst mehrere Patienten mutwillig getötet hat. Deshalb wurden auch sämtliches Pflegepersonal sowie alle medizinischen Berufe als sensibel eingestuft. Wer kann leichter ein ganzes Krankenhaus totmachen als ein irrer Arzt oder depressiver Pfleger? Na gut, der Koch womöglich noch, die Uni-Mensa lässt grüßen, womit auch alle Berufe der Lebensmittelzubereitung und -herstellung als sensibel gekennzeichnet wurden. Nicht auszudenken, ein diensthabender Milchmüller von Müllermilch wäre mal suizidal und mischte deshalb einer ganzen Charge Himbeerjogurt etwas Zyankali bei!
Einzig Taxifahrer wurde nicht als sensibler Beruf eingestuft. Die seien eh immer schlechtgelaunt, und wenn da einer ein Großraumtaxi mutwillig vor die Wand führe, wäre das ja über die Verkehrsunfallstatistik erfasst. Die Grünen wollten Autofahren per se als sensible Tätigkeit kennzeichnen, konnten sich aber damit nicht durchsetzen.

Wir haben uns in einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen.
Heiner war Busfahrer, aber da er nach dem Krebstod seiner Tochter vor neun Jahren mal in therapeutischer Behandlung war, galt er bei der BVG als rollende Zeitbombe. Verkraftet ja nicht jeder so einen Verlust, da will man ja gerne mal einen vollbesetzen Schulbus in die Spree lenken.
Peter war Fernfahrer. Das ist natürlich ein besonders sensibler Beruf. Ein Tanklaster mit 20 Tonnen Acetonperoyd kann ein ganzes Dorf in Schutt und Asche legen.
Chantal war mal Pilot. Er mochte das Fliegen so sehr, dass er sich umoperieren ließ. Die Frauenlobby hatte ja, angeführt von der EMMA, bewirkt, dass die sensiblen Berufsverbote ausschließlich für Männer gelten, schließlich wäre ja noch nie eine Frau als Amokläuferin in Erscheinung getreten.
Dummerweise muss man für eine Geschlechtsumwandlung vorher zu einem Therapeuten, der hat natürlich seine Meldepflicht erfüllt und Chantal bei der Gesundheits-Stabsstelle für sensible Indexberufe, kurz Gesundheits-StasI, angezeigt. Wäre alles kein Problem gewesen, hätte nicht zugleich jemand nachgewiesen, wie viele Frauen schon als islamistische Selbstmordattentäterinnen in Erscheinung getreten waren. Tja, Pech gehabt, Mustafa Chantal. Aber das konnte natürlich niemand riskieren.
Statt nur muslimische Frauen von dieser Regelung auszunehmen, wollte die Bundesregierung voll auf Nummer Sicher gehen. Niemand sollte nachher sagen können, man hätte nicht alles zur vorsorgenden Sicherheit der Bevölkerung getan. Mit der 2. Novelle zum Gesetz zum Schutz der Zivilbevölkerung, Absatz 4, wurde der Islam einfach generell als sensible Vorerkrankung eingestuft.
Dann kam der Abschlussbericht zum Absturz der Germanwings-Maschine heraus. Primäre Schuld träfe den Co-Piloten. Aber der Bericht erwähnte auch, dass der Absturz hätte womöglich verhindert werden können, wenn der Pilot nicht zur Toilette gemusst hätte. Seitdem dürfen Menschen mit Blasenschwäche auch nicht mehr in sensiblen Berufen arbeiten.

In Deutschland herrscht inzwischen Vollbeschäftigung. Allerdings sind 26 Prozent aller Werktätigen dauerhaft krankgeschrieben.

Als Mensch mit psychischer Vorerkrankung oder Blasenschwäche kann man nur noch in sehr wenigen Berufen arbeiten. Als Psychotherapeut zum Beispiel. Aber die werden ja nicht mehr gebraucht, weil natürlich niemand mehr zum Therapeuten geht. Wenn’s einem schlecht geht, schluck man’s halt runter. Wer will schon seinen Job verlieren?

Gutmeinende Ärzte gingen wieder dazu über, einen wie früher statt Depressionen wegen Rückenleiden krankzuschreiben. Das ging eine Zeitlang gut. Doch als immer mehr Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Rückenleiden aufmachten, wurde der Gesetzgeber misstrauisch und hat reagiert. Seitdem stehen Rückenleiden auch auf dem Index. Sicher ist sicher. Niemand soll sagen, die Bundesregierung hätte nicht alles zum Schutz der Bevölkerung getan!
So kam Norbert in unsere Selbsthilfegruppe. Er ist Altenpflegehelfer und hatte vor sechs Jahren mal einen Bandscheibenvorfall. Die Arbeitslosigkeit hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Jetzt hat er zum Rückenleiden noch ein „Rückenleiden“ dazu bekommen. Letzte Woche hat er sich umgebracht. Ganz allein. Aber das konnte ja vorher niemand wissen!

Wir haben interne Erhebungen durchgeführt: Die Selbstmordrate unter arbeitslosen
psychisch Vorerkranken ist um 30% gestiegen, unter Blasenschwachen um 50% und bei Männern mit Rückenleiden um 20%. Damit hat das Gesetz zum Schutz der Zivilbevölkerung ausreichend Tote produziert, um Politiker als sensiblen Beruf einzustufen.
Aber uns glaubt ja niemand. Wir sind ja krank.

Donnerstag, 9. April 2015

Dienstag, 7. April 2015

Brauseboys am 9.4.: Schöner verlesen

Besser zum Spezialisten (von Frank Sorge)

Herr Schluppke, Sie sind in diesem Jahr zum Bier-Buddha des Weddings gewählt worden, sind Stichwortgeber und zugleich Maskottchen der "Degentrifizierungs-Bewegung", jetzt außerdem niedergelassener Entrückungsspezialist? Woher nehmen Sie plötzlich die Energie?

Sie meinen, weil ick davor so lange arbeitslos war? 

Das wollte ich nicht andeuten.

Hat nicht jeklappt, aber ejal - klingt allet prima, wat Se da uffzählen, nur Energie brauch ick dafür nich.

Was dann?

Stehvermögen, dicket Fell, klaren Kopp.

Aber geht es bei ihrer neuen Praxis für Entrückung nicht gerade darum, den Kopf zu vernebeln?

So stellen Sie sich dit vor? Dann sollten Se lieber mal vorbeikommen, ick kann ihnen helfen mit die verqueren Ansichten.

Helfen Sie mir vorerst, zu verstehen. Was erwartet mich dort?

Vor allem ne liebevoll bewahrte Kneipe, die sonst hätte uffjeben müssen. Alkohol kriegen Se ooch, wenn Se welchen brauchen, Dartscheibe is noch da, Rauchen jeht, allet wie immer. In erster Linie beschäftigen wir uns aber mit dem Geist in Ihrer Flasche. Manche jehn einfach in irgendeine Kneipe, wennse Kummer haben, sollten aber besser zum Spezialisten. Dit is die Idee.

Hat die Flasche Pfand?

Keene Angst, die kriegen Se zurück, wenn wir mit dem Inhalt fertig sind. Bei Ihnen, sag ich mal so, würde ick bei der Spöttelei ansetzen, die Ihnen so jewisse Freude zu bereiten scheint. Macht keenen Sinn, da sollten Se von abrücken.

Aber ich spotte doch nicht, ich versuche nur, das Interview aufzulockern.

Ick bin locker, wegen mir machen Se dit nich. Für so Fälle ham wir die Inge, die knackt och dit größte Ego.

Fangen Sie schon an, mich zu therapieren?

Ne Therapie brauchen Sie? Hätte ick nich vermutet. Aber sehn Se, ick mach überhaupt nüscht, um sie zu entrücken, dit machen Se einfach so von selbst.

Was sind ihre Öffnungszeiten?

Dienstag bis Sonntag, von 9 Uhr bis 4 Uhr morgens. Montag is Ruhetag, da kommen die meisten.