Sonntag, 17. März 2019

Me and David Sedaris


„Oh, ein neuer Sedaris!“, rufe ich entzückt. „Ich liebe David Sedaris. Es gibt keinen Autor, der mein Schreiben mehr beeinflusst hat als er“, erkläre ich Roland, einem meiner Lieblingsbuchhändler. „Neue Bücher von ihm kann ich gar nicht abwarten, ich kauf ich sie immer göeich am ersten Tag!“
„Das Buch ist vor vier Monaten erschienen“, sagt Roland.
„Ich weiß“, lüge ich. „Ich brauch‘s ja als Geschenk. ... Ist es gut?“

Wenn ich eins von David Sedaris gelernt habe, dann dass es keinen Fettnapf gibt, der tief genug wäre, als dass man nicht über ihn schreiben könnte. Vor allem aber hat er mir vorgemacht, wie man autobiografisch schreibt und die eigene Homosexualität so selbstverständlich thematisiert, dass nicht mal der schubladenverliebte deutsche Buchhandel sich traute, ihn ins Regal mit Homosexuellenliteratur abzuschieben, ganz hinten, im Gang zur Kundentoilettlette. Er hat mich gelehrt, dass Komik in der Aufrichtigkeit liegt und wie man aus echten Anverwandten literarische Figuren macht, ohne die realen Vorbilder zu verraten. Indem man sich über andere nie mehr lustig macht als über sich selbst. Die Komik liegt in der Demut, sich selbst immer als den größeren Depp zu zeichnen. Niemand beherrscht das besser als David Sedaris: „Ja doch, mein Haar ist grau und ausgedünnt. Ja doch, das Ventil in meinem Penis ist undicht, und nach dem Pinkeln gehen immer ein paar Tropfen in die Hose. Aber ich habe zwei Gästezimmer.“ Ich lache schon auf der ersten Seite von "Calypso" - mit David, ich habe Teil an seinem Leben. (Ich bin sicher, ich darf ihn duzen, denn spätestens nach dem dritten Buch von ihm fühlt man sich als Teil seiner Familie.) Wir werden zusammen alt. Er ist mir etwa zehn Jahre voraus. Bei mir sind es noch sehr wenige Tropfen, aber ich hab auch erst ein Gästezimmer. 

Einst hatte ich die Chance, David Sedaris zu interviewen – für das queere Stadtmagazin Siegessäule. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Dann habe ich abgelehnt. Ich habe mich nicht getraut, weil ich befürchtete, im Englischen zu versagen. David lernt gerne Sprachen, das weiß ich aus all seinen Büchern, und dann säße da ein schwuler Reporter vor ihm, der in eingerostetem Gymnasialenglisch radebricht und ständig unsinnige Fragen stellt, weil er die Antworten zuvor nicht verstanden hat.
Nun bin ich seit mehr als einem halben Jahr mit einem Briten zusammen, wir sprechen nur Englisch miteinander. Mein Partner gibt vor, mich zu verstehen. Aber ich habe noch immer das Gefühl, dass mein Englisch die Qualität von Kinderbildern hat, die man seiner Mutter aus der Kita mitbringt: nur mit Liebe zu ertragen. „Hast du gut gemacht!“, sagt die Mutter, pinnt die bunten Krakeleien zu den anderen an den Kühlschrank und sehnt sich heimlich die Pubertät herbei, in der solche Bilder wie von Geisterhand verschwinden.

Die wahre Ursache, dass ich ein Interview mit David abgelehnt habe – und es vermutlich wieder tun würde –, geht wohl tiefer: Ich könnte enttäuscht sein. Schon jetzt hat mich eine Information aus dem neuen Buch irritiert, um nicht zu sagen geschockt: David ist nur 1,65 Meter groß! Dabei hatte ich ihn mir immer als schlaksigen, durchschnittlich großen Mann vorgestellt! Mein Interview mit David Sedaris hätte also sehr wahrscheinlich damit begonnen, dass ich ihn übersehen hätte. Und was, wenn er mir dann in einem himmelblauen Hosenrock gegenübergetreten wäre, wie er ihn in einer seiner neuen Geschichten beschreibt? Könnte ich so einen Mann noch mein Idol nennen? Einen karnevalesk gekleideten Zwerg, der mir gerade mal bis an die Brustwarzen reicht? - Nein, ich möchte David Sedaris nie begegnen. Ich begegne ihm ihn jedem seiner Bücher, das reicht mir völlig.

Dienstag, 12. März 2019

Brauseboys am 14.3. im La Luz: Der dritte Frühling

Zurück in die Zukunft (von Frank Sorge)

Mit dem Rauchen aufzuhören, und es mit dem elektronischen Dampfen zu ersetzen, ist wie den Diesel zu verschrotten, um sich einen Tesla zu kaufen, wie den Festnetzanschluss abzuschaffen, und einen weiteren Funk-Vertrag abzuschließen. Das Coolste am Dampfen ist, neben der umfänglichen Reduzierung von Schadstoffen, wieder hemmungslos Innenräume vollquarzen zu können. Zum Beispiel im Hotel. Nach zehn Jahren Rauchverbot endlich wieder die Bude vernebeln, es ist herrlich. Gibt keinen Dampfmelder im Hotel, Gestank hinterlässt der Gast auch nicht, höchstens ein wenig Mangoaroma. Vor vielen Jahren schon hatte ich mich damit abgefunden, kein Auto haben zu wollen, warum auch? Jetzt hänge ich an YouTube-Videos über Elektroautos wie mein immer durstiges Smartphone an der Steckdose. Früher gab es auch Kabel am Telefon, die Älteren werden sich erinnern, jetzt hängt es aus anderen Gründen dran. Ich muss auch kein eigenes Elektroauto haben, aber ich könnte es ständig mieten, einfach nur um drinzusitzen, zu dampfen und Radio zu hören. Meinen Kindern muss ich wohl nie das Fernsehgucken einschränken, denn sie haben gleich angefangen, Videos im Internet zu gucken. Wenn ich was aussuchen darf, zeige ich ihnen Raketenstarts, da müssen sie durch. Menschen waren nämlich längst auf dem Mond, auch wenn es ihnen bald so vorkommen wird, als wäre das ganz was Neues. Das ging schon dem Steinzeitmenschen so, als die ganz Schlauen mit der Bronze kamen. "Messer ham wa schon", haben die hier im Urstromtal bestimmt gedacht, und so geht es immer weiter zurück in die Zukunft.
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 14.3. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 14.3. begrüßen Heiko, Thilo und Robert im gemütlichen Restaurant des La Luz:

Mareike Barmeyer (Rakete 2000)
Anselm Neft (Die bessere Geschichte)

~#~#~#~#~#~#~#~#
Jeden Donnerstag um 20.30 Uhr lesen die Brauseboys und Gäste im La Luz, Oudenarder Str.16-20 (Osram-Höfe), Tram M13/50,  nahe U6-Seestraße und U9-Nauener Platz. Das La Luz öffnet um 19.30 Uhr und bietet leider keine warme Speisen an. Um vorher etwas zu essen, empfehlen wir Restaurants in direktem Umkreis, z.B. das Restaurant Schäfer oder das Sam Yuk Gu.

~#~#~#~#~#~#~#~#
JUBILÄUM & AUSZUG

Freitag, 12.4. >20 Uhr
La Luz (Osram-Höfe)

10 Jahre La Luz - Die große Abschiedsshow


Alles wird neu bei den Brauseboys! Neue Location, neue Besetzung. Doch unseren 16. Geburtstag feiern wir noch in alter Besetzung in der alten Location, die genau 10 Jahre unsere Heimstatt war. Zeit und Anlass genug, auf diese 10 Jahre noch einmal mit einem famosen Best-of zurückzuschauen: Die besten Texte, die je im La Luz vorgelesen wurden, die besten Songs, die in diesen Jahren entstanden, die schönsten Videos, die in dieser Zeit gedreht wurden. Auf zur großen Abschiedssause!

Eintritt: 
13€ (ermäßig: 9€)
Es gibt einen Online-Vorverkauf

Dienstag, 5. März 2019

Brauseboys am 7.3. im La Luz: Treulose Tomaten

Treuepunkte (von Frank Sorge)

“Treuepunkte für die Messeraktion?”, fragt die Kassiererin.
Ich drehe mich zu den anderen um, finde nur ich das komisch? Im Sinne von merkwürdig? Ja, offenbar bin ich der einzige, nur in meiner Fantasie das Blut, die Stiche, die Schreie, keiner verzieht eine Miene, ich schüttle den Kopf.
“Bonuspunkte?”
“Für die Messeraktion?”, frage ich nach.
“Nein, für Bonus.”
“Also für Rabatt?”
“Ja, im Endeffekt für Rabatt, aber Bonus klingt besser. Mehr ist mehr, verstehen sie, weniger ist weniger.”
“Ich dachte mehr.”
“Bei anderen Sachen vielleicht”, sie denkt kurz nach, “naja, ist sehr unterschiedlich, aber hier auf jeden Fall nicht. Rabatt ist ein Abzug, ein Bonus hingegen ist ein Bonus ist ein Bonus.”
“Verstanden, okay.”
“Also sammeln Sie?”
“Messer?”
“Sie haben wahrscheinlich schon Messer.”
“Ja", sage ich, "eins oder zwei."
"Ich nehm' die Punkte", sagt die Frau hinter mir plötzlich, "und wenn's hier nicht gleich weitergeht, hol ich die Messer sofort."
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 7.3. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 7.3. begrüßen alle Boys außer Teilzeit-Volker im gemütlichen Restaurant des La Luz einen Abgesandten des guten Geschmacks und einen Verfechter guter Töne:

Uli Hannemann (Liebling der Massen)
Doc Schoko (Stadt der Lieder)

~#~#~#~#~#~#~#~#
Jeden Donnerstag um 20.30 Uhr lesen die Brauseboys und Gäste im La Luz, Oudenarder Str.16-20 (Osram-Höfe), Tram M13/50,  nahe U6-Seestraße und U9-Nauener Platz. Das La Luz öffnet um 19.30 Uhr und bietet leider keine warme Speisen an. Um vorher etwas zu essen, empfehlen wir Restaurants in direktem Umkreis, z.B. das Restaurant Schäfer oder das Sam Yuk Gu.

Dienstag, 26. Februar 2019

Brauseboys am 28.2. im La Luz: Unverwechselbar

Mützen machen Menschen (von Frank Sorge)

Die Kinder haben spontan die Wintermützen getauscht, Bommel gegen Zopf. Der Effekt ist verblüffend, denn bei gleichen Winteranzügen verwechseln wir sie augenblicklich, der ganze Mensch hängt an der Mütze. Wir sind auch nicht die einzigen, erfahren wir später. Diverse andere Kinder und die Erzieher der Kita sind darauf reingefallen, berichten sie detailverliebt. "War das nicht komisch?", frage ich, denn mir kommt das langsam komisch vor. "Nein", sagen sie, "das war lustig." Am nächsten Tag setzen sie wie selbstverständlich wieder die 'falschen' Mützen auf und trotten los, um Verwirrung zu stiften. Vermutlich aber, um Klarheit zu finden. Über sich selbst.
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 28.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 28.2. begrüßen alle Boys außer Thilo im gemütlichen Restaurant des La Luz einen traditionsbewussten Karnevalsflüchtling, einen Slam-Aussteiger und unsere Lieblingserzeuger von 1A-Meerschweinchen-Beats:

Christian Gottschalk (Kölner Karnevalsvermeider)
Frank Klötgen (Slammed!)
ichbinsoso (sosoistic pop)

Dienstag, 19. Februar 2019

Brauseboys am 21.2. im La Luz: Ungewohntes Leuchten

Die mobile Supermarktschranke (von Frank Sorge)

Pre-Crime Technology der neuesten Generation - Scannen Sie ihr Kind, bevor es gescannt wird. Man kann sie ja nicht alle immer im Blick behalten. Sie sind klein, rennen hin und her, und manchmal stecken sie sich auch aus Versehen etwas in die Tasche. Peinlich wird das an der Supermarktausgang, wenn die magnetische Schranke registriert, dass noch Dinge bezahlt werden müssten. Sie wollen außerdem doch nicht, dass sie selbst abgesucht werden, und ihre viel besser getarnten Mitnahmeaktionen ans Licht kommen. Scannen Sie also, ganz bequem mit der mobilen Supermarktschranke beim Warten an der Kasse, ihren Elster-Nachwuchs, und leeren ihm die Taschen, bevor lästige Geldstrafen oder kostspielige Prozesse mit dem Jugendamt ihre eigenen Taschen leeren. Jetzt in ihrem Aldi!
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 21.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 21.2. begrüßen alle Boys außer Teilzeit-Volker im gemütlichen Restaurant des La Luz eine belesene Weddingerin am Text und einen sonnigen Entertainer:

Ulrike Helms (Tati liest Underground)
Andreas Max Martin (Avantgarde Entertainment)

Dienstag, 12. Februar 2019

Brauseboys am 14.2. im La Luz: Bessere Hälften

8 Uhr morgens (von Frank Sorge)

Gegensprechanlage.
"Hallo?"
"Finanzamt."
"Oh."
"Wir wollen nicht zu Ihnen."
"Das ist sehr beruhigend."
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 14.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 14.2. begrüßen alle Boys außer Teilzeit-Volker im gemütlichen Restaurant des La Luz die eine der besseren Hälften von 'Tiere streicheln Menschen', und das ist:

Sven van Thom (Pudding mit Frisur)

Dienstag, 5. Februar 2019

Brauseboys am 7.2. im La Luz: Mit Helene und Martin

Eins nach dem Anderen (von Frank Sorge)

Eine kleine Umfrage, wir wollen erkunden, wie weit die Gentrifizierung fortgeschritten ist.
Immer jut, wenn man sowat früh entdeckt, wa, hoffentlich nich im Endstadium.
Ist ihnen denn der Begriff geläufig?
Endstadium - na, und ob, jeh ick immer am Wochenende zum Fußball.
Würden Sie sagen, der Wedding kommt?
Der Wedding kommt nich, der Wedding ist da.
Sehr interessant, aber wo genau?
Na, hier. Allet vorhanden.
Haben Sie nicht Sorge, dass alte Mieter verdrängt werden?
Krieg ick ja nich mit, wennt bei mir soweit ist.
Ich meine, wegen der steigenden Mieten.
Reden wa nich über Jeld, nachher soll ick Ihnen vielleicht noch aushelfen, oder so.
Naja, viel bringen diese Umfragen nicht.
Meine Rede, lassen Se dit sein. Holnse Bier ausm Späti und Feierabend.
Gibt es denn da Craft Bier?
Die jeben alle Kraft, meen Juter, eins nachm anderen.
Soll ich Ihnen eins mitbringen?
Jerne, sehr freundlich.
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 7.2. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 7.2. begrüßen Thilo, Robert und Frank im gemütlichen Restaurant des La Luz:

Helene Mierscheid (Kabarettistische Lebensberatung)
Martin Goldenbaum (Überflieger)

Mittwoch, 30. Januar 2019

Brauseboys am 31.1. im La Luz: Stadt, Land, Flucht

Stadt, Land, Flucht (von Frank Sorge)

Ich fahre mit der Regionalbahn nach Brandenburg raus, früh morgens, und denke auf dem Weg: Ach, sind die Felder schön kahl. Es ist so schön ruhig. Es ist so schön nah an Berlin. Es ist so schön, nahe Berlin. Am frühen Nachmittag will ich zurück und stehe eine knappe Stunde an einem Bahnhof dafür. Ein paar vielversprechende Lädchen für Zucker und Tabak haben Mittagsruhe, in einen Netto will ich nicht. Ich denke: Was für eine Einöde. Hier ist ja nix. Ich will schnell wieder zurück, wo was los ist.
Ich bin nicht bereit zur Flucht, merke ich in den Stadtgrenzen, und drücke mich wohlig in eine überfüllte Feierabendtram. Ach, sind die Straßen schön voll. Alles so schön nah. Es ist so schön nah an Berlin, in Berlin.
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 31.1. /20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)


Die Brauseboys - Lesebühne im Wedding

Seit bald sechszehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit mit Thilo Bock, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen. Am 31.1. begrüßen im gemütlichen Restaurant des La Luz alle außer Teilzeit-Volker den Showmaster und Entertainer:

Ivo Lotion (Liebe statt Drogen)

~#~#~#~#~#~#~#~#
Jeden Donnerstag um 20.30 Uhr lesen die Brauseboys und Gäste im La Luz, Oudenarder Str.16-20 (Osram-Höfe), Tram M13/50,  nahe U6-Seestraße und U9-Nauener Platz. Das La Luz öffnet um 19.30 Uhr und bietet leider keine warme Speisen an. Um vorher etwas zu essen, empfehlen wir Restaurants in direktem Umkreis, z.B. das Restaurant Schäfer oder das Sam Yuk Gu.

Dienstag, 29. Januar 2019

Monolog eines Veranstalters*


Ja, guten Abend hier in der Barbar, ich freu mich, dass Sie hergefunden haben zu unserer neuen Veranstaltungsreihe „Kiez & Poetry“. Mein Name ist Holger Müller vom Kulturbüro Nord, wir haben dieses neue Kultur-, ich sag mal, -Highlight hier angeleiert zusammen mit dem Quartiersmanagement Maasdamer Viertel, dem Kulturamt Mitte, der Happy Fun Professional GmbH und eben dieser wunderbaren Barbar, vor allem dem Wirt, dem Herrn Lutz. Vielen Dank, da wär gar kein Applaus nötig gewesen, aber den haben Sie ja auch gar nicht gespendet. Die Künstler sind noch nicht da, und die Künstlerinnen, so viel Zeit muss sein, deshalb möchte ich kurz das Wort an Sie richten: Es steckt ja unglaublich viel Mühe in so einem Event. Schauen Sie mal, wir haben extra diese fantastische Bühne hier aufgebaut! Dafür mussten wir eigens ein paar Tische beiseiteschieben. Der Herr Lutz hat direkt angemeck... angemerkt, dass ihm dadurch natürlich Einnahmen verloren gehen. Aber das braucht Sie nicht zu interessieren, aber wir interessieren uns natürlich für unsere Partner in der Gastronomie, sind ja auch Berliner Wirtschaftsbetriebe, und das Kneipensterben, kennt man ja, da muss ein Wirt natürlich drauf achten, dass ihm durch so Kultur nicht noch Nachteile entstehen. Aber wir haben uns da am Ende gütlich geeinigt, ich sach mal, sehr gütlich, Kulturförderung ist eben auch Wirtschaftsförderung. Wirtschafts-Förderung, haha, Wortwitz. Vielleicht einen Applaus mal für den Herrn Lutz von der Barbar.
Na gut, ich glaub, Künstler wären mehr Applaus gewöhnt. Und Künstlerinnen, so viel Zeit muss sein. Wo war ich? Also die Bühne, die hat uns viel Kosten bereitet. Und es ist wirklich eine schöne Bühne! Schauen Sie: Da steht sogar „R&S“ auf den Mikroständern, ist das nicht krass!? Das sind gute Mikroständer! Das sind nicht die billigen Stöcker aus dem Thomann-Katalog! Uns sind die Künstler nämlich was wert. Und die Künstlerinnen erst recht, hehe.
Und da hinten an dem Mischpult steht der Ralf, das ist unser Techniker heute, der hat das hier seit dem Nachmittag aufgebaut. Schauen Sie mal, der Ralf: Der trägt Cargohosen und drunter ‘ne karierte Boxershorts, die man bei jedem Schritt sieht: Der ist ein Techniker, wie er im Buche steht, ein absoluter Vollprofi! Für unsere Künstler ist und wirklich nichts zu schade! Und für die Künstlerinnen auch nicht, obwohl, die haben’s ja meist nicht so mit Technik. Vielleicht einen Applaus für unseren fabelhaften Techniker.
Na gut, das klang jetzt schon ein bisschen dünn, aber es sind wohl grad ein paar Leute aufs Klo gegangen. Zusammen ... Ich hoff zumindest, dass sie nur aufs Klo sind.
Da neben der Bühne, die dünne Frau da mit dem grau gefärbten Dutt und dieser Omabrille, die vier Nummern zu groß ist für ihr Gesicht, das ist die Melanie von Happy Fun Professional, der Eventagentur, die das hier alles für uns quasi im Alleingang organisiert hat! Schauen Sie mal, wie erschöpft die guckt, die Melanie, die hat sechs Wochen Künstler angefragt. Und sogar ‘n paar Künstlerinnen. Die hat sich die Finger wund gemailt und die Ohren taub telefoniert. Ich sach mal, es ist nur noch ‘ne Frage der Zeit und bei diesen Granny-Hipstern kommen als Accessoires Hörgeräte in Mode, kleiner Scherz. Aber es war wirklich nicht leicht, hier ein hochwertiges Bühnenprogramm zusammenzustellen! Einen Applaus für die Melanie!
Ja, haha, da hat vor allem der Herr Böckmann applaudiert, Sie müssen wissen, das ist der Herr vom Kulturamt Mitte, der uns für „Kiez & Poetry“ diesen großzügigen Etat zur Verfügung gestellt hat. Ich weiß, man soll im Kulturbetrieb niemals das Wort „großzügig“ verwenden, aber diesmal stimmt es! Also fast, ein paar hundert Euro mehr hätten‘s schon sein dürfen, dann hätten wir vielleicht sogar den Künstlern noch eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen können. Und den Künstlerinnen natürlich, denen natürlich 20 Prozent weniger. Aber immerhin! 15.000 Euro für „Poetry im Kiez“, das leistet sich nicht jede Kommune. Einen kleinen Applaus für Herrn Böckmann vom Kulturamt Mitte!
Ja, ja, danke, ... ja, danke ... Melanie, Du kannst aufhören zu klatschen, der Herr Böckmann ist gerade gegangen.
Ja, liebes Publikum, bei so viel guten Nachrichten gibt es leider auch eine schlechte. Nichts ist perfekt, schon gar nicht beim ersten Mal, aber an diesen Kinderkrankheiten kann die Melanie dann ja noch arbeiten. Es ist nämlich so: Wir haben leider keine Künstler gefunden. Und nicht mal Künstlerinnen.
Das ist mir persönlich völlig unverständlich, aber es war einfach niemand bereit, zu den Konditionen, die wir angeboten haben, hier aufzutreten. Tja, da ist es natürlich totenstill im Publikum. Wundert mich nicht. Sie haben 14 Euro Eintritt bezahlt, ermäßigt 13,50€, und niemand will hier auf die Bühne! Und es ist eine gute Bühne, eine großartige Location, Publikum – Was erwarten die Künstler denn noch? Und die Künstlerinnen? Jeder kriegt ‘ne Mahlzeit aufs Haus, 3 Freigetränke und Mikrofone mit R&S-Logo – Ist das denn nichts? Na gut, die Barbar bietet gar keine Küche an, aber wir haben extra einen Cateringservice organisiert, der da hinter die Bühne ein Tablett mit Käsebrötchen gestellt hat. Sogar Biokäse! Gut, der wellt sich jetzt schon ein bisschen, aber da sind die Künstler ja selbst ein bisschen schuld, dass sie da nicht zugegriffen haben. Und bei den Künstlerinnen hat auch noch niemand zugegriffen, harar, kleiner Witz, ist ja sonst niemand da, der welche macht. Darf ich mal unseren fabelhaften Techniker fragen: Waren die Käsebrötchen gut? Okay, der Ralf hat sich lieber einen Döner geholt. Na ja, und das berühmte Craftbeer der Barbar gibt’s für die Getränkemarken natürlich auch nicht, da muss man den Herrn Lutz schon verstehen. Das ist einfach was Besonderes, aber er hat extra eine Kiste Beck’s Gold organisiert. Die ist sogar gekühlt! Was wollen die denn noch, diese Künstler? Gut, die ganze Scheiße kostet den Herrn Lutz unterm Strich vielleicht 5€ pro Nase, aber ha!, hört ja heut kein Künstler.
Bei diesen Schreiberlingen, da kommt schon eine Anspruchshaltung durch, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Ich meine: Man muss doch auch mal die Verhältnisse geraderücken! So ein Techniker oder ein Wirt, die machen das hauptberuflich. Die müssen davon leben, ‘ne Familie versorgen, der Herr Lutz ist zweimal geschieden, das kostet! Hier arbeiten heute drei Leute im Service, die müssen doch bezahlt werden! Mindestlohn, aber trotzdem. Und wir haben geile Flyer gedruckt, mit Prägung und Glanzlack, das macht die Druckerei nicht umsonst! Und der Grafiker grafikt die auch nicht für umme! Und die GEMA ist auch schon wieder teurer geworden. 10 Prozent vom Eintritt wollen die! Weiß die GEMA ja nicht, dass hier heute niemand auftritt! Das summiert sich! Da sind 15.000 Euro schnell weg. Die Melanie hat sogar 300 Euro in Facebook-Werbung investiert. Überhaupt die Melanie, die kriegt ja auch ein Gehalt. Klar, viel verdient man nicht bei dieses Evenagenturen, das sind schon ganz schöne Ausbeuterschweine. Was kriegst du da so netto, Melanie, als Frau? Eins-sechs? Eins-vier? Na, irgendwovon muss man ja seine goldenen Übergrößenbrillen aus Fensterglas bezahlen. Und demnächst muss sie sogar ein Kind versorgen, die Melanie ist nämlich schwanger, durfte ich doch sagen, oder? Vom Herrn Böckmann, tipp ich ja, gell.
Ich meine, sich auf eine gemachte Bühne stellen und ein paar Minuten vor sich hin monologisieren, das kann ich auch, hören Sie ja gerade, aber erwarte ich, dass ich dafür bezahlt werde? Also beim Kulturbüro Nord arbeite ich natürlich nicht ehrenamtlich, geb ich offen zu. Gut, wenn ich meinen Gehaltsnachweis sehe, denk ich schon immer, das ist schon fast Ehrenamt, aber diese Ansage heut Abend hier, das ist Freizeit! Will ich dafür Geld? Verlange ich dafür mehr als Überstundenausgleich? Nein! Das gehört zu meinem Beruf!
Aber die Künstler, na, und die Künstlerinnen erst recht, von denen macht das doch keiner hauptberuflich! Das wird so oft vergessen! Ich frag die jedes Mal, was sie denn hauptberuflich machen, ist doch klar, dass man davon nicht leben kann, und wissen Sie was: Alle von denen, alle haben sie noch andere Jobs. Sprich: Anders als die Melanie, der Ralf und der Herr Lutz müssen die davon nicht leben! Meinen Sie, die Melanie hätte mit ihren 50 Stunden in der Agentur noch Zeit, irgendwo rumzukünstlern?
Wir bieten eine astreine Bühne, Essen, Freigetränke, ein erstklassiges Publikum, na, zumindest Reste davon, und die Möglichkeit, sich auf der Bühne auszuprobieren und Werbung für sich zu machen. Das ist doch was! Gut, vielleicht könnten wir nach der Endabrechnung 50€ pro Künstler auszahlen, 40 pro Künstlerin. Aber Hand aufs Herz: Da ist doch der Orgaaufwand der Auszahlung höher als der Nutzen für die Kunst!
Ich will wirklich nicht von Undankbarkeit sprechen. Sprechen wir lieber von Dankbarkeit. Bedanken Sie sich bei den Künstlern und Künstlerinnen für deren Abwesenheit.
Schauen Sie sich einfach die nächsten zwei Stunden die leere Bühne an. Es ist eine wirklich schöne Bühne. Bestellen Sie beim Herrn Lutz ein Craftbeer für 4,80€, schauen Sie dem Ralf auf seine Cargohose und der Melanie auf ihre Brille, und blättern ein wenig in unserem Flyer rum. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Spaß bei „Kiez & “ ... Hey, Sie da, hey! Nicht gehen! Sie sind der Letzte, Sie sind unser Publikum, für Sie mache ich die ganze Scheiße hier doch! Jetzt bleiben Sie doch, Herrgott, wenn Sie jetzt gehen, muss ich Sie Kunstbanause nennen! 


* Dieser Text ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Text des Kollegen Heiko Werning. Dies ist der Monolog eines anderen Veranstalters.
Foto: Armin Sengbusch