Dienstag, 5. Mai 2015

Eurovision-Songtextkritik 2015: Dänemark

Nachdem für mich und gefälligst für alle Finnlands Punkband als vorzeitiger Sieger des ESC gelten muss, gibt es ja noch die anderen Teilnehmer, die man wenigstens noch einmal sehen möchte, wenn sie sich schon so viel Mühe gemacht haben. Beim Durchgucken der weiteren Lieder muss ich mich korrigieren, das meiste will ich doch nicht sehen. Aber ich muss ja.

Dänemark - So wie du bist

Man muss die Band aus Dänemark für ihren Bandnamen loben: Anti Social Media, das klingt unangepasst und orginell. Leider ist es das einzige am Beitrag, was unangepasst und originell klingt. In der Selbstbeschreibung nennen sie die Beatles als Vorbild, sie wären vom warmen Sound der Sixties inspiriert. Leider aber klingen sie nicht wie die Beatles oder irgendeine Band aus den Sechzigern, sie klingen ungefähr so wie die Flippers. Auch beim Text erwarte ich nichts, meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. “So wie du bist” heißt das Lied und beginnt so:

Der Sommer ist da, der Winter vorbei,
endlich kann ich die Sonne sehen.
Jedes Mal, wenn du in den Raum kommst,
lösen sich alle meine Ängste in Luft auf,
wenn ich in deiner Atmosphäre bin.
Ich weiß nicht, wie du es machst,
aber du machst es,
ich kann nicht sagen, warum.

Das lyrische Ich, wenn man es überhaupt lyrisch nennen mag bei diesen Zeilen, kämpft offenbar mit einer Zwangsneurose, einer Angststörung. Nur wenn die Dame des Herzens in den Raum kommt, kann er sich entspannen. Ein partnerschaftliches Verständnis, das offenbar noch aus der Kleinkindphase herrührt. 


Besonders neugierig machen auch Partikel wie “ich weiß nicht” oder “ich kann nicht sagen”, denn das interessiert einen ja besonders, wenn jemand nicht sagen kann, was er sagen will: Nämlich, wie sie ist. Aber vielleicht weiß er das ja wenigstens, da kommt ja schon der Refrain:

Es ist die Art, wie du bist,
es ist einfach die Art, wie du bist
die mir den Tag rettet,
schlechte Zeiten vergessen lässt.

Auch hier kann er also nicht sagen, wie sie eigentlich ist. Man weiß ja nicht mal, ob sie überhaupt eine sie ist, eine Freundin, ein Freund, ein Schwarm oder ob es nicht doch um die eigene Mutter geht - was beim Eurovision auch nicht selten wäre. Sehr schmeichelhaft die nächste Strophe von “So wie du bist”:

Wie ein altes Radio, ein Song, der mich nicht loslässt,
ich kann nichts denken, nur an dich,
Filmstars und Kaviar könnten mich nicht dahin bringen, wo du bist,
Ich kann nichts
dagegen tun.

Aber warum denn auch? Machs doch einfach mit deinem alten Radio, macht es, so oft ihr wollt. In eurem “Raum”, was auch immer das für ein Raum ist. Vielleicht wäre so die Zeit sinnvoller genutzt, als darüber ein Lied zu schreiben. Was auch immer dieses ist, worüber du geschrieben hast.

Und ich werde immer da sein,
wenn du jemanden brauchst, der dich führt.
Was immer auch zu tun ist, Mädchen, 
für dich mache ich es.

Bitte, liebes lyrisches Du, Mädchen, das ist deine Chance - sag ihm, er soll aufhören zu singen. Einfach nur aufhören.