Donnerstag, 16. Mai 2013

Eurovision Songtext-Kritik 4: Griechenland


In Vorbereitung auf den Eurovision Song Contest, den man am Besten gemeinsam mit der Lesebühne "Lesershow Wedding" gucken sollte, poste ich hier täglich Songtext-Kritiken bis zum Samstag.

Griechenland - Bis der Arzt nicht mehr kommen muss

Schon in den letzten Jahren ist der krisengeplagte griechische Gemütszustand relativ direkt in die Songtexte gesickert, in denen gerne mal etwas angezündet wurde, mit dem diesjährigen Beitrag “Alcohol is free” kommt diese Entwicklung jetzt zu ihrem Höhepunkt. Wie aber soll man Titel und Refrainzeile dieser Trinkerhymne übersetzen, die so politisch unkorrekt das alkoholisierte Steuern eines vollbesetzten Autos durch die Innenstadt verherrlicht? “Alkohol ist umsonst” ist womöglich gemeint, aber viel zu schwach. “Alkohol macht frei” geht dann wiederum etwas zu weit, oder “Alkohol ist Freiheit”. Für das deutsche Gehirn würde ich “Freibier für alle” übersetzen, aber dann sagt man mir vielleicht nach, ich würde allzu frei übersetzen.

Gefangen in stürmischer See auf der Ignatius-Straße,
starke Brisen treiben uns weg von der Küste.

Und sehr schnell will man sich wenigstens anschnallen, wenn der Fahrer mit der Fahne den Wagen immer wieder auf die falsche Fahrspur abdriften lässt. Auch um die weitergehende Orientierung ist es nicht mehr gut bestellt:

Unsere Route mag falsch sein,
überall blinken die Lichter.

Manche Lichter blinken grün, andere rot, völlig egal, das Schiff bleibt auf Kurs Richtung Straßengraben. Erste Halluzinationen stellen sich ein.

In einem endlosen Meer aus gutem, altem Whisky,
Ausgestoßene sind wir, niemand wird uns finden.
Die Erde dampft, alles schwankt.

Und per Eingabe aller Verkehrsminister der Welt, sind dann wenigstens die Folgen des fahrlässigen Fahrverhaltens nicht beschönigt:

Löcher im Kopf und ein Wagen, der sich überschlägt,
wer hat ihm Segel und Räder angebaut?

Vor dem Hintergrund dieser Strophen und den anderen, die einfach weitere Details der volltrunkenen Tour schildern, wie “Alex hatte einen zuviel im Meer der Verkehrslichter” oder “Ein Alkoholtest und ein Verkehrspolizist, die machen uns keine Angst mehr”, wird der Refrain für mich immer schwerer zu übersetzen. Soll es doch heißen, dass nicht der Alkohol umsonst ist, sondern der Tod? “Im Alkohol liegt Freiheit”, vielleicht ist es das. Die Freiheit, mit dem Auto schön über die Kaimauer zu fahren und ins Meer zu stürzen. So hört das Lied auf, “wo hügelabwärts die See beginnt”. Fröhlichen Absturz, die Treuepunkte werden Ihnen gutgeschrieben.


(Das Video ist interessant, weil Thema und Inhalt des Liedes überhaupt nicht visuell aufgegriffen sind. Nicht mal im Promillebereich. Hier eine Fan-Version, wie es eigentlich hätte aussehen können.)