Direkt zum Hauptbereich

Eurovision Songtext-Kritik 4: Griechenland


In Vorbereitung auf den Eurovision Song Contest, den man am Besten gemeinsam mit der Lesebühne "Lesershow Wedding" gucken sollte, poste ich hier täglich Songtext-Kritiken bis zum Samstag.

Griechenland - Bis der Arzt nicht mehr kommen muss

Schon in den letzten Jahren ist der krisengeplagte griechische Gemütszustand relativ direkt in die Songtexte gesickert, in denen gerne mal etwas angezündet wurde, mit dem diesjährigen Beitrag “Alcohol is free” kommt diese Entwicklung jetzt zu ihrem Höhepunkt. Wie aber soll man Titel und Refrainzeile dieser Trinkerhymne übersetzen, die so politisch unkorrekt das alkoholisierte Steuern eines vollbesetzten Autos durch die Innenstadt verherrlicht? “Alkohol ist umsonst” ist womöglich gemeint, aber viel zu schwach. “Alkohol macht frei” geht dann wiederum etwas zu weit, oder “Alkohol ist Freiheit”. Für das deutsche Gehirn würde ich “Freibier für alle” übersetzen, aber dann sagt man mir vielleicht nach, ich würde allzu frei übersetzen.

Gefangen in stürmischer See auf der Ignatius-Straße,
starke Brisen treiben uns weg von der Küste.

Und sehr schnell will man sich wenigstens anschnallen, wenn der Fahrer mit der Fahne den Wagen immer wieder auf die falsche Fahrspur abdriften lässt. Auch um die weitergehende Orientierung ist es nicht mehr gut bestellt:

Unsere Route mag falsch sein,
überall blinken die Lichter.

Manche Lichter blinken grün, andere rot, völlig egal, das Schiff bleibt auf Kurs Richtung Straßengraben. Erste Halluzinationen stellen sich ein.

In einem endlosen Meer aus gutem, altem Whisky,
Ausgestoßene sind wir, niemand wird uns finden.
Die Erde dampft, alles schwankt.

Und per Eingabe aller Verkehrsminister der Welt, sind dann wenigstens die Folgen des fahrlässigen Fahrverhaltens nicht beschönigt:

Löcher im Kopf und ein Wagen, der sich überschlägt,
wer hat ihm Segel und Räder angebaut?

Vor dem Hintergrund dieser Strophen und den anderen, die einfach weitere Details der volltrunkenen Tour schildern, wie “Alex hatte einen zuviel im Meer der Verkehrslichter” oder “Ein Alkoholtest und ein Verkehrspolizist, die machen uns keine Angst mehr”, wird der Refrain für mich immer schwerer zu übersetzen. Soll es doch heißen, dass nicht der Alkohol umsonst ist, sondern der Tod? “Im Alkohol liegt Freiheit”, vielleicht ist es das. Die Freiheit, mit dem Auto schön über die Kaimauer zu fahren und ins Meer zu stürzen. So hört das Lied auf, “wo hügelabwärts die See beginnt”. Fröhlichen Absturz, die Treuepunkte werden Ihnen gutgeschrieben.


(Das Video ist interessant, weil Thema und Inhalt des Liedes überhaupt nicht visuell aufgegriffen sind. Nicht mal im Promillebereich. Hier eine Fan-Version, wie es eigentlich hätte aussehen können.)

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Brauseboys am 18.7. (20 Uhr) mit Susanne M. Riedel, Uli Hannemann & Josias Ender

Kein Boom in Sicht (von Frank Sorge)   Ich kenne einen Ort in Brandenburg, der einen schönen kleinen Bahnhof hat. Es ist fast das Ende einer Bahnstrecke und viele Menschen wohnen hier nicht. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Strecke verkürzt und der Bahnhof fing an zu überwuchern. Gegenüber war jetzt eine Bushaltestelle, die stündlich eine Anbindung an das neue Ende der Bahnstrecke bot. Wirtschaftlich war das offenbar auch nicht, erst wurden die Busse verkleinert, dann ein 2-Stundentakt daraus gemacht. Es sind mindestens zehn oder fünfzehn Jahre seit der Streckenverkürzung ins Land gegangen, am Sonntag fährt fast kein Bus mehr. Der Bahnhof ist immer noch schön, jetzt vor allem schön verwittert. Die ganze Gegend hat sich kaum verändert in den fast dreißig Jahren, die ich den Ort kenne, mal abgesehen vom großen Logistikcenter und seinen LKWs. Dabei ist es nah an Berlin, wo doch sonst alles boomt. Profitiert hat von der Streckenverkürzung mutmaßlich niemand, es wurde nur immer sc...

Saisonauftakt! Brauseboys am 5.9. (20 Uhr) mit Ruth Herzberg & Frau Rotkohl

Die Wahlergebnisse (von Frank Sorge)   Stillstand. Spaltung. Scham. Trotz. Winterurlaub im Erzgebirge fällt eher aus. Bangen um Brandenburg. Wird es Braunenburg? Mauer um Berlin doch eine Option? Mauer im Kopf ausreichend. Brandmauer nicht. Täuschung und Enttäuschung. ­ Brauseboys am Donnerstag, 5.9. (20 Uhr) mit Ruth Herzberg und Frau Rotkohl   Haus der Sinne (Ystader Str. 10)   Das war sie also, unsere Sommerpause, und jetzt ist sie nicht mehr. Wir haben uns so was von erholt und strotzen vor Energie und Tatendrang. Was diese Solarenergie alles kann, es ist erstaunlich. Also reden wir nicht lang drumherum, der Saisonauftakt steht schon vor der Tür - in dieser Woche! Dann geht es weiter jeden Donnerstag im Haus der Sinne mit fangfrischen Texten, handwarmen Liedern und sprudelnder Heiterkeit. Wie immer mit fabulösen Gästen, zum Start freuen wir uns auf intensiv-ironische Texte von Ruth Herzberg und freimütig-alberne Lieder von Frau Rotkohl .

Brauseboys am 11.7. (20 Uhr) mit Martin Hyun & Herr Horst

Premium-Service (von Frank Sorge)   Der Paketbote schickt mich mal wieder durch den Kiez, mal dorthin, mal rundherum durchs Dorf und in die Binsen. Jemand hat ganz offenbar nicht den Job, den jemand machen möchte, denn hier im Haus ist eigentlich immer jemand da, im Zweifel ich. Natürlich kann ich ein Klingeln überhören, aber wenn das monatelang nicht vorkommt, und dann plötzlich in Serie, wird der Herr Kommissar stutzig. Wo waren Sie um 13:47 Uhr am Samstag? Leider steht Aussage gegen Aussage. Die letzte Nuss war hart zu knacken. Die Behauptung, bei der Zustellung wäre etwas schiefgegangen, ein angekündigter nächster Versuch, der nie unternommen wurde, dann in mittlerweile geübter Eigenrecherche und nach mehreren Irrwegen eine mögliche Adresse, wo es hinterlegt war. “Ich hatte etwas Mühe, im Internet herauszufinden, dass mein Paket vermutlich bei Ihnen ist”, sage ich der freundlichen Berlinerin hinter dem Tresen. “Allet klar, ick brauch nur ihr’n Ausweis.” “Bitte! Kam kein Bote, ...