Donnerstag, 28. Januar 2010

Ich schreibe einen Roman (25)


Das ist sie: Die vielleicht folgenschwerste Unterschrift meines Lebens. Jetzt geht es nicht mehr zurück. Nun bin ich Romancier (i. Druck). *Schluck!*
Zuvor kehrte der Roman-Bumerang ein letztes Mal zurück. Der Korrekturleser hatte zugeschlagen. Mein Job war es, seine Korrekturen zu überprüfen, und alles, was mir dazu noch einfiel, meinem Verleger gestern während eines gut achtzigminütigen Telefonats in seine Satzdatei zu diktieren.
Was man plötzlich recherchiert! Der Korrekturleser meint, Tauben hätten keine "Zehen" sondern "Krallen". Und plötzlich klickt man sich eine halbe Stunde durch diverse ornithologische Wikipedia-Artikel. Aber nein, die Einträge zu "Tauben" und "Vogelskelett" besagen unabhängig voneinander: Die Dinger, die Flugratten unten an den Beinen haben, nennt man tatsächlich "Zehen", drei vorne, eine hinten. "... und aus 'zweikrallige Einbeintaube' machst du bitte wieder 'zweizehige Einbeintaube' ..." - Wie sich mein Verleger dabei fühlte, ist nicht überliefert.
Der Korrekturleser war ansonsten sehr beflissen, extrem ordentlich und medizinisch-psychologisch geschult. Er belehrte mich, dass ein "Katarrh" "eigentlich ne Schleimbeutelentzündung ist"; und wo ich "Unterbewusstsein" schrieb, korrigierte er brav und psychologieterminologisch höchst korrekt auf "Unbewusstes". Aber ich bin jeweils lieber beim alltagssprachlichen Gebrauch geblieben.
Aber sonst hat der Korrektor super Arbeit geleistet, die mir manchmal die schriftstellerische Schamesröte ins Gesicht trieb*. Er hat herausgefunden, dass ich einen Roxette-Titel** zitiere, den es gar nicht gibt. Neben den Satz "Ein paar Momente später standen Yannick und Laura im Flusspferdhaus." schrieb er mit unbestechlicher Logik: "Da stehen sie aber schon das ganze Kapitel." - Oops!
Auch eine wunderschöne Stilblüte hat er neu entdeckt: "Er verhaarte an einer Weggabelung." Offensichtlich wehten ihm Frisuren ins Gesicht, vermutlich ein Föhn-Wind. Ich sollte mich weniger mit Frisörsalon-Namen beschäftigen ...
Nur, was ein "Alien von Tunteigeuze" sein soll, wusste mein Korrekturleser nicht, und die Worte "Binder" (für Krawatte), "Schwatter" (für Farbiger) und "Dönekes" (für Dönekes) kannte er nicht.

Zum Wahnsinnigwerden ist übrigens die neue Rechtschreibung. Nachdem sie verbindlich wurde, habe ich mich immer für sie ausgesprochen. Allein, so ganz genau weiß man ja doch nicht, wofür man da eigentlich ist. Leider weiß das die neue Rechtschreibung selbst nicht so genau. Das, was ich mir mühsam beigebracht habe, ist nämlich schon wieder veraltete, neue Rechtschreibung. Denn was nach Die deutsche Rechtschreibung von Bertelsmann (1999) richtig ist, ist nach der neusten Ausgabe des Duden (2009) schon nicht mehr richtig.
z.B. "kennen lernen"
Alte Rechtschreibung: kennenlernen
Neue Rechtschreibung (1999): kennen lernen
Neue neue Rechtschreibung (2009): kennenlernen
Leider lernt meine Romanfigur viele Leute kennen. Und zu "Small Talk" (neue neue Rechtschreibung) kommt es nie, weil ich doch "Smalltalk" (alte neue Rechtschreibung), aber durchaus noch erlaubt) überzeugender finde. AAARRRGGGHHH!

Mit der heutigen Unterschrift habe ich all das hinter mir gelassen. Juché!

* Was das ist? Eine ungesunde Gesichtsfärbung, die dann auftritt, wenn einem gewahr wird, was für Blödsinn man zu Papier gebracht hat.

** Bevor der geneigte Leser dieses Blogs böswillige Mutmaßungen über meinen Musikgeschmack anstellt: Nein, ich höre selbstredend kein Roxette. Aber eine Romanfigur hört es. Ansonsten hört man in meinem Roman:
Joy Division, Sisters Of Mercy, The Lassie Singers, Michelle, MGMT, Helge Schneider und Andreas Gryphius.