Direkt zum Hauptbereich

Brauseboys am 3.9. in der Kulturfabrik Moabit: Im Rausch des Sommers

Heute gibt es Döner (von Frank Sorge)

Im Hausflur treffe ich einen Nachbarn, der mit der Familie nach Brandenburg zieht. In wenigen Tagen ist es so weit, Hausrat und Möbel stehen im Flur zum Transport, er macht Pause mit einem Döner und ich habe einen verpackten Döner in der Hand. Es ist eine würdige letzte Begegnung unter Weddingern, bevor einer von ihnen in eine ungewisse Zukunft aufbricht.
Wir kommen vom selben Imbiss. “Den werde ich vermissen”, sagt er, in seiner Stimme liegt echte Wehmut. “Das würde ich auch”, sage ich, “es gibt einfach keinen besseren Döner als in Wedding, Neukölln, Moabit und Kreuzberg." Man muss wirklich wissen, was man tut, wenn man diese Stadtteilgrenzen verlässt, oder gar ganz die Stadt. Nicht umsonst heißt die Hälfte der Läden in der sonstigen Republik ‘Berlin Döner’, denn hier steht der Leuchtturm, um den sich alles dreht. Auf ihn gespießt sind die Fleischlappen, und er selbst dreht sich, Tag und Nacht. Er ist alles, was wir sind: er ist ehrlich, er ist günstig, er ist bunt gemischt, er ist würzig, er ist alles, was wir brauchen, er ist immer für uns da. Die Nahrungspyramide, sie kann ganz vom Döner ersetzt werden, der sogar die gleiche Form hat. Das ist kein Zufall. Brot, Fleisch, Gemüse, das ist die heilige Trinität der Hungrigen und der Nährboden für Berliner Pflanzen, so sollte unsere Flagge aussehen.
Diese Überlegungen treffe ich natürlich nur für mich, schon längst wieder in der Wohnung. Ich denke ja wirklich gerne nach, aber nicht, wenn der Döner dabei kalt wird. Es ist mir nicht bang um den Nachbarn, er weiß, was er tut, und dass man bei jeder Veränderung etwas zurücklässt. Ein Döner ist hier oft das erste, was man isst, wenn man eine neue Wohnung bezieht und beim Malern eine Pause macht. Es ist auch das letzte, was man isst, wenn alle Möbel im Umzugswagen sind. Denn auch ein Duft kann eine Sehnsucht tragen, Geschmack kann eine Heimat sein.
~#~#~#~#~#~#~#~#
Donnerstag, 3.9.20 / 20 Uhr
Kulturfabrik Moabit (Windlicht), Lehrter Str. 35
 

Die Brauseboys - Weddinger Lesebühne in Moabit - Open Air!

Wundern Sie sich auch über die Welt da draußen? Sie sind nicht allein. Aber was soll man sich noch über die aufregen, die sich aufregen. Sich regen heißt sich pflegen, aber doch nicht so. Ein Vorschlag: Man fährt Fahrrad, Tretroller oder spaziert, man genießt den Luftzug über der Fennbrücke, wenn man entspannt und erwartungsfroh die Grenze des Weddings nach Moabit passiert. Wundern wir uns doch dort gemeinsam. Einmal das Visum hochgehalten, schwupp, und schon ist man drin in diesem paradiesischem Schwesterstadtteil, wo das Beste immer nur einen Donnerstag entfernt ist. Wenn es wieder Grillgut vom Stand des Café Moab gibt, kühle Getränke aus dem bunten Bauwagen, vorbeifahrende Züge für Trainspotter und menschliche Begegnungen im Freiluftareal. Dort sind wir auch an diesem Donnerstag (3.9.) und ihr könnt dabei sein. Denn wir lesen vor, was wir geschrieben haben (Überraschungsgäste nicht ausgeschlossen), und Aerosole haben im Windlicht der Kulturfabrik keine Chance. Wir haben außerdem extra eine 5G-Antenne oberhalb unserer Bühne anschrauben lassen und Zwangsimpfungen an der Kasse (per Stempel) eingeführt, um unsere Reptiloidenshow möglichst unbehelligt durchführen zu können. Beginn: 20 Uhr.
 
~#~#~#~#~#~#~#~#
Jeden Donnerstag lesen & singen Thilo Bock, Nils Heinrich, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gäste, vorläufig leider nicht mehr im Eschenbräu. Seit dem 15.5. kann man dort wieder in Biergarten und -keller einkehren, aber für sichere Lesungen ist schlicht kein Platz. Den Sommer über treten wir jetzt donnerstags um 20 Uhr im Windlicht der Kulturfabrik Moabit auf - das freut uns sehr und ist ein würdiges Gegenprogramm zur langen Stubenhockerei.
Die Kufa erreicht man mit dem M27, dem Bus 123, oder nach beschwingtem Fuß- oder Fahrradweg vom Hauptbahnhof, oder über die Fennbrücke vom U-Bhf Reinickendorfer Straße aus.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Heiligabend mit den Brauseboys

Was ich mache, wenn ich nicht den Newsletter schreibe 1.) Eine Strichliste anlegen, wie oft ich das Wort Blitzeis im Radio höre. Überlegen, wie ich mit den Varianten "Blitzendes Eis", "Blitzkrieg", "Blitzer" und "geblitzt wird" umgehen soll. 2.) Pfefferkörner kaufen und in die Pfeffermühle bis zum Rand einkullern lassen, dann eine Brötchenhälfte mit Kassler und Käse belegen und mit Pfefferschrot schwärzen. Mich am frischen Duft der zerrissenen Splitter berauschen. 3.) Aus dem Fenster sehen. Auf der verbliebenen Schneedecke im Hof ist ein Vogel herumgelaufen, offenbar von schwerer innerer Verwirrung betroffen hat er stundenlang in vielfältigen Kreisen sein verstörendes Schneegemälde gemalt. 4.) Zeitung lesen und über Kopenhagen informieren. Der sudanesische Sprecher und "Bremser" heißt Lumumba Stanislaus Di-Aping. Die Ladezeit der Facebook-Fanseite von Thorsten Schäfer-Gümbel ist enorm. Er sagt: "Dem Schneckentempo

Brauseboys am 9.5. (20 Uhr) mit Mimi Wohlleben im Haus der Sinne

Fern (von Frank Sorge) Was tut am Fern so weh? Wenn ich meinen Wedding seh, dann ham wir doch alles  und keinen Mangel im Speziellen.   Solang uns die BVG nicht im Stich lässt, erreicht man noch den ganzen Rest des Planeten zu jeder Tageszeit.   Ja, so jubeln die Stadtteilpoeten. Es ist immer ne Kneipe offen und ein Späti im Morgengrauen.   Türkische Backwaren warm aus dem Ofen, Fische aus fremden Ozeanen, Importmärkte aller Couleur.   Hier ist so viel Ferne,  die gibt’s woanders gar nicht. Wo kann es dich hinziehn, als immer nach Berlin? ­ Brauseboys am Donnerstag, 9.5. (20 Uhr) mit Mimi Wohlleben   Haus der Sinne (Ystader Str. 10)   Ein wenig Sommergefühl tut unserer Stadt immer gut, aber die Phasen der Abkühlung sind auch wichtig. Da es absehbar weniger kühle Tage im Jahr werden, steigt sogar deren Bedeutung zur Erholung für Körper und Geist. Idealerweise sind derlei Tage mit einer inspirierenden Kulturveranstaltung gekrönt, die mit innerer Wärme ausgleicht, und was sollen wir sage

Brauseboys am 2.5. (20 Uhr) nebenan im REH mit Isobel Markus, Christoph Theußl und Hinark Husen

Kartenhaus (von Frank Sorge) Wenn man ein Kartenhaus baut, rechnet man ständig damit, dass es zusammenfällt. Es ist das Ziel der Beschäftigung, den unvermeidlichen Zusammensturz hinauszuzögern. Die Struktur des Kartenhauses ist nur die Visualisierung des Erfolges, je mehr Etagen es bekommt, je länger es hält. Zeit, Geduld und Geschick bekommen ein Muster, ein flüchtiges Gewebe, obwohl sie ja sonst so unfassbar sind. Dann macht jemand ein Fenster auf und es fällt zusammen. Ärgert man sich? Ja, weil es menschlich ist, und nein, weil man mit nichts anderem gerechnet hat. Warum mir das einfällt? Ach, einfach nur so, kein Bezug zur Gegenwart. Nein, ehrlich, oder seht ihr einen? Kartenhäuser baut man, um Zeit totzuschlagen, heute hat man die doch gar nicht mehr. Heute ist man erwachsen und baut andere Strukturen, mit anderen Zwecken, als dass sie zusammenfallen. Was mit Grundlage und Substanz, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Also ist es kein Problem, bei diesem Wetter überall die