Direkt zum Hauptbereich

Monolog eines Veranstalters*


Ja, guten Abend hier in der Barbar, ich freu mich, dass Sie hergefunden haben zu unserer neuen Veranstaltungsreihe „Kiez & Poetry“. Mein Name ist Holger Müller vom Kulturbüro Nord, wir haben dieses neue Kultur-, ich sag mal, -Highlight hier angeleiert zusammen mit dem Quartiersmanagement Maasdamer Viertel, dem Kulturamt Mitte, der Happy Fun Professional GmbH und eben dieser wunderbaren Barbar, vor allem dem Wirt, dem Herrn Lutz. Vielen Dank, da wär gar kein Applaus nötig gewesen, aber den haben Sie ja auch gar nicht gespendet. Die Künstler sind noch nicht da, und die Künstlerinnen, so viel Zeit muss sein, deshalb möchte ich kurz das Wort an Sie richten: Es steckt ja unglaublich viel Mühe in so einem Event. Schauen Sie mal, wir haben extra diese fantastische Bühne hier aufgebaut! Dafür mussten wir eigens ein paar Tische beiseiteschieben. Der Herr Lutz hat direkt angemeck... angemerkt, dass ihm dadurch natürlich Einnahmen verloren gehen. Aber das braucht Sie nicht zu interessieren, aber wir interessieren uns natürlich für unsere Partner in der Gastronomie, sind ja auch Berliner Wirtschaftsbetriebe, und das Kneipensterben, kennt man ja, da muss ein Wirt natürlich drauf achten, dass ihm durch so Kultur nicht noch Nachteile entstehen. Aber wir haben uns da am Ende gütlich geeinigt, ich sach mal, sehr gütlich, Kulturförderung ist eben auch Wirtschaftsförderung. Wirtschafts-Förderung, haha, Wortwitz. Vielleicht einen Applaus mal für den Herrn Lutz von der Barbar.
Na gut, ich glaub, Künstler wären mehr Applaus gewöhnt. Und Künstlerinnen, so viel Zeit muss sein. Wo war ich? Also die Bühne, die hat uns viel Kosten bereitet. Und es ist wirklich eine schöne Bühne! Schauen Sie: Da steht sogar „R&S“ auf den Mikroständern, ist das nicht krass!? Das sind gute Mikroständer! Das sind nicht die billigen Stöcker aus dem Thomann-Katalog! Uns sind die Künstler nämlich was wert. Und die Künstlerinnen erst recht, hehe.
Und da hinten an dem Mischpult steht der Ralf, das ist unser Techniker heute, der hat das hier seit dem Nachmittag aufgebaut. Schauen Sie mal, der Ralf: Der trägt Cargohosen und drunter ‘ne karierte Boxershorts, die man bei jedem Schritt sieht: Der ist ein Techniker, wie er im Buche steht, ein absoluter Vollprofi! Für unsere Künstler ist und wirklich nichts zu schade! Und für die Künstlerinnen auch nicht, obwohl, die haben’s ja meist nicht so mit Technik. Vielleicht einen Applaus für unseren fabelhaften Techniker.
Na gut, das klang jetzt schon ein bisschen dünn, aber es sind wohl grad ein paar Leute aufs Klo gegangen. Zusammen ... Ich hoff zumindest, dass sie nur aufs Klo sind.
Da neben der Bühne, die dünne Frau da mit dem grau gefärbten Dutt und dieser Omabrille, die vier Nummern zu groß ist für ihr Gesicht, das ist die Melanie von Happy Fun Professional, der Eventagentur, die das hier alles für uns quasi im Alleingang organisiert hat! Schauen Sie mal, wie erschöpft die guckt, die Melanie, die hat sechs Wochen Künstler angefragt. Und sogar ‘n paar Künstlerinnen. Die hat sich die Finger wund gemailt und die Ohren taub telefoniert. Ich sach mal, es ist nur noch ‘ne Frage der Zeit und bei diesen Granny-Hipstern kommen als Accessoires Hörgeräte in Mode, kleiner Scherz. Aber es war wirklich nicht leicht, hier ein hochwertiges Bühnenprogramm zusammenzustellen! Einen Applaus für die Melanie!
Ja, haha, da hat vor allem der Herr Böckmann applaudiert, Sie müssen wissen, das ist der Herr vom Kulturamt Mitte, der uns für „Kiez & Poetry“ diesen großzügigen Etat zur Verfügung gestellt hat. Ich weiß, man soll im Kulturbetrieb niemals das Wort „großzügig“ verwenden, aber diesmal stimmt es! Also fast, ein paar hundert Euro mehr hätten‘s schon sein dürfen, dann hätten wir vielleicht sogar den Künstlern noch eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen können. Und den Künstlerinnen natürlich, denen natürlich 20 Prozent weniger. Aber immerhin! 15.000 Euro für „Poetry im Kiez“, das leistet sich nicht jede Kommune. Einen kleinen Applaus für Herrn Böckmann vom Kulturamt Mitte!
Ja, ja, danke, ... ja, danke ... Melanie, Du kannst aufhören zu klatschen, der Herr Böckmann ist gerade gegangen.
Ja, liebes Publikum, bei so viel guten Nachrichten gibt es leider auch eine schlechte. Nichts ist perfekt, schon gar nicht beim ersten Mal, aber an diesen Kinderkrankheiten kann die Melanie dann ja noch arbeiten. Es ist nämlich so: Wir haben leider keine Künstler gefunden. Und nicht mal Künstlerinnen.
Das ist mir persönlich völlig unverständlich, aber es war einfach niemand bereit, zu den Konditionen, die wir angeboten haben, hier aufzutreten. Tja, da ist es natürlich totenstill im Publikum. Wundert mich nicht. Sie haben 14 Euro Eintritt bezahlt, ermäßigt 13,50€, und niemand will hier auf die Bühne! Und es ist eine gute Bühne, eine großartige Location, Publikum – Was erwarten die Künstler denn noch? Und die Künstlerinnen? Jeder kriegt ‘ne Mahlzeit aufs Haus, 3 Freigetränke und Mikrofone mit R&S-Logo – Ist das denn nichts? Na gut, die Barbar bietet gar keine Küche an, aber wir haben extra einen Cateringservice organisiert, der da hinter die Bühne ein Tablett mit Käsebrötchen gestellt hat. Sogar Biokäse! Gut, der wellt sich jetzt schon ein bisschen, aber da sind die Künstler ja selbst ein bisschen schuld, dass sie da nicht zugegriffen haben. Und bei den Künstlerinnen hat auch noch niemand zugegriffen, harar, kleiner Witz, ist ja sonst niemand da, der welche macht. Darf ich mal unseren fabelhaften Techniker fragen: Waren die Käsebrötchen gut? Okay, der Ralf hat sich lieber einen Döner geholt. Na ja, und das berühmte Craftbeer der Barbar gibt’s für die Getränkemarken natürlich auch nicht, da muss man den Herrn Lutz schon verstehen. Das ist einfach was Besonderes, aber er hat extra eine Kiste Beck’s Gold organisiert. Die ist sogar gekühlt! Was wollen die denn noch, diese Künstler? Gut, die ganze Scheiße kostet den Herrn Lutz unterm Strich vielleicht 5€ pro Nase, aber ha!, hört ja heut kein Künstler.
Bei diesen Schreiberlingen, da kommt schon eine Anspruchshaltung durch, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Ich meine: Man muss doch auch mal die Verhältnisse geraderücken! So ein Techniker oder ein Wirt, die machen das hauptberuflich. Die müssen davon leben, ‘ne Familie versorgen, der Herr Lutz ist zweimal geschieden, das kostet! Hier arbeiten heute drei Leute im Service, die müssen doch bezahlt werden! Mindestlohn, aber trotzdem. Und wir haben geile Flyer gedruckt, mit Prägung und Glanzlack, das macht die Druckerei nicht umsonst! Und der Grafiker grafikt die auch nicht für umme! Und die GEMA ist auch schon wieder teurer geworden. 10 Prozent vom Eintritt wollen die! Weiß die GEMA ja nicht, dass hier heute niemand auftritt! Das summiert sich! Da sind 15.000 Euro schnell weg. Die Melanie hat sogar 300 Euro in Facebook-Werbung investiert. Überhaupt die Melanie, die kriegt ja auch ein Gehalt. Klar, viel verdient man nicht bei dieses Evenagenturen, das sind schon ganz schöne Ausbeuterschweine. Was kriegst du da so netto, Melanie, als Frau? Eins-sechs? Eins-vier? Na, irgendwovon muss man ja seine goldenen Übergrößenbrillen aus Fensterglas bezahlen. Und demnächst muss sie sogar ein Kind versorgen, die Melanie ist nämlich schwanger, durfte ich doch sagen, oder? Vom Herrn Böckmann, tipp ich ja, gell.
Ich meine, sich auf eine gemachte Bühne stellen und ein paar Minuten vor sich hin monologisieren, das kann ich auch, hören Sie ja gerade, aber erwarte ich, dass ich dafür bezahlt werde? Also beim Kulturbüro Nord arbeite ich natürlich nicht ehrenamtlich, geb ich offen zu. Gut, wenn ich meinen Gehaltsnachweis sehe, denk ich schon immer, das ist schon fast Ehrenamt, aber diese Ansage heut Abend hier, das ist Freizeit! Will ich dafür Geld? Verlange ich dafür mehr als Überstundenausgleich? Nein! Das gehört zu meinem Beruf!
Aber die Künstler, na, und die Künstlerinnen erst recht, von denen macht das doch keiner hauptberuflich! Das wird so oft vergessen! Ich frag die jedes Mal, was sie denn hauptberuflich machen, ist doch klar, dass man davon nicht leben kann, und wissen Sie was: Alle von denen, alle haben sie noch andere Jobs. Sprich: Anders als die Melanie, der Ralf und der Herr Lutz müssen die davon nicht leben! Meinen Sie, die Melanie hätte mit ihren 50 Stunden in der Agentur noch Zeit, irgendwo rumzukünstlern?
Wir bieten eine astreine Bühne, Essen, Freigetränke, ein erstklassiges Publikum, na, zumindest Reste davon, und die Möglichkeit, sich auf der Bühne auszuprobieren und Werbung für sich zu machen. Das ist doch was! Gut, vielleicht könnten wir nach der Endabrechnung 50€ pro Künstler auszahlen, 40 pro Künstlerin. Aber Hand aufs Herz: Da ist doch der Orgaaufwand der Auszahlung höher als der Nutzen für die Kunst!
Ich will wirklich nicht von Undankbarkeit sprechen. Sprechen wir lieber von Dankbarkeit. Bedanken Sie sich bei den Künstlern und Künstlerinnen für deren Abwesenheit.
Schauen Sie sich einfach die nächsten zwei Stunden die leere Bühne an. Es ist eine wirklich schöne Bühne. Bestellen Sie beim Herrn Lutz ein Craftbeer für 4,80€, schauen Sie dem Ralf auf seine Cargohose und der Melanie auf ihre Brille, und blättern ein wenig in unserem Flyer rum. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Spaß bei „Kiez & “ ... Hey, Sie da, hey! Nicht gehen! Sie sind der Letzte, Sie sind unser Publikum, für Sie mache ich die ganze Scheiße hier doch! Jetzt bleiben Sie doch, Herrgott, wenn Sie jetzt gehen, muss ich Sie Kunstbanause nennen! 


* Dieser Text ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Text des Kollegen Heiko Werning. Dies ist der Monolog eines anderen Veranstalters.
Foto: Armin Sengbusch

Beliebte Posts aus diesem Blog

Heiligabend mit den Brauseboys

Was ich mache, wenn ich nicht den Newsletter schreibe 1.) Eine Strichliste anlegen, wie oft ich das Wort Blitzeis im Radio höre. Überlegen, wie ich mit den Varianten "Blitzendes Eis", "Blitzkrieg", "Blitzer" und "geblitzt wird" umgehen soll. 2.) Pfefferkörner kaufen und in die Pfeffermühle bis zum Rand einkullern lassen, dann eine Brötchenhälfte mit Kassler und Käse belegen und mit Pfefferschrot schwärzen. Mich am frischen Duft der zerrissenen Splitter berauschen. 3.) Aus dem Fenster sehen. Auf der verbliebenen Schneedecke im Hof ist ein Vogel herumgelaufen, offenbar von schwerer innerer Verwirrung betroffen hat er stundenlang in vielfältigen Kreisen sein verstörendes Schneegemälde gemalt. 4.) Zeitung lesen und über Kopenhagen informieren. Der sudanesische Sprecher und "Bremser" heißt Lumumba Stanislaus Di-Aping. Die Ladezeit der Facebook-Fanseite von Thorsten Schäfer-Gümbel ist enorm. Er sagt: "Dem Schneckentempo

Brausegirls am 25.4. (20 Uhr) mit Susanne M. Riedel, Mareike Barmeyer, Judith Stadlin, Mandana & Tobias Dellit

Im Moment (von Frank Sorge) Früher war gar nichts besser, lasst euch nichts einreden. Klar war man immer jünger, das liegt in der Natur der Sache, weil man mit der Zeit nicht über ihre Richtung verhandeln kann, aber dass jünger nicht automatisch besser ist, weiß man, wenn man älter ist. Hätte man also damals gedacht 'Morgen wird alles besser', hat man damit gar nicht so falsch gelegen. Aber natürlich auch nicht richtig, denn eigentlich ist die Zeit ja egal, es gibt sie im Grunde gar nicht, es gibt nur den Moment, und der ist momentan. So ist ein Donnerstag immer ein Donnerstag, wenn gerade Donnerstag ist, in gewisser Weise immer der gleiche. Das behaupten wir nicht nur am Ende der Show, es ist die Realität. So lange es so ist, ist es so. So gut, wie es auch ist, es kann immer besser werden, das stimmt ebenfalls. Meine Umschulung zum griechischen Philosophen läuft übrigens prima und ich weiß jetzt schon richtig viel, was ich nicht weiß. Was liest du denn? Weiß ich nicht. Singst

Brauseboys am 2.5. (20 Uhr) nebenan im REH mit Isobel Markus, Christoph Theußl und Hinark Husen

Kartenhaus (von Frank Sorge) Wenn man ein Kartenhaus baut, rechnet man ständig damit, dass es zusammenfällt. Es ist das Ziel der Beschäftigung, den unvermeidlichen Zusammensturz hinauszuzögern. Die Struktur des Kartenhauses ist nur die Visualisierung des Erfolges, je mehr Etagen es bekommt, je länger es hält. Zeit, Geduld und Geschick bekommen ein Muster, ein flüchtiges Gewebe, obwohl sie ja sonst so unfassbar sind. Dann macht jemand ein Fenster auf und es fällt zusammen. Ärgert man sich? Ja, weil es menschlich ist, und nein, weil man mit nichts anderem gerechnet hat. Warum mir das einfällt? Ach, einfach nur so, kein Bezug zur Gegenwart. Nein, ehrlich, oder seht ihr einen? Kartenhäuser baut man, um Zeit totzuschlagen, heute hat man die doch gar nicht mehr. Heute ist man erwachsen und baut andere Strukturen, mit anderen Zwecken, als dass sie zusammenfallen. Was mit Grundlage und Substanz, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Also ist es kein Problem, bei diesem Wetter überall die