Freitag, 8. September 2017

"Soll ich's wirklich machen, oder lass ich's lieber sein ...?"


Vorbemerkung: Dieser Text beginnt mit einem Geständnis. Ich bin Mitglied bei den Grünen. Und das seit 24½ Jahren, mehr als die Hälfte meines Lebens. Und ich bin nicht ausgetreten bislang. Noch nicht. Darüber ist dieser Text.



Liebe Grüne,

wenn ich diesen offenen Brief irgendwo vortragen werde, werde ich eine Vorbemerkung vorweg schicken müssen, und erst einmal öffentlich gestehen, dass ich Parteimitglied bin. „Parteimitglied“, das hat im Osten Berlins, wo ich lebe, irgendwie was anrüchiges. Ich weiß gar nicht, wann ich damit angefangen habe, meine Mitgliedschaft bei Euch zu verheimlichen.

Ich verschweige sie noch mehr als meinen Doktortitel. Letzteren verheimliche ich gar nicht aktiv, ich glaub nur nicht, dass er sonderlich wichtig ist. Ich mag damit nicht angeben. Mit meiner Mitgliedschaft bei den Grünen verhält es sich anders. Im Grunde ist sie auch nicht wichtig. Allerdings verschweige ich sie lieber, denn ich möchte damit nicht unangenehm auffallen. Ich glaub, ich geh mit meiner sexuellen Orientierung und meinen diesbezüglichen Vorlieben offener um als mit meiner Parteimitgliedschaft.

Dabei könnte ich prototypischer nicht sein: Homosexueller mit Doktortitel und Eigentumswohnung, zugezogen aus Westdeutschland in ehemaligem Ostbezirk. Man kann nicht typischer grün sein als ich. Ich mach sogar was mit Medien. Fuck, im Grunde könnte meine Demografie für mich wählen gehen.

Vielleicht halte ich deshalb meine Parteimitgliedschaft geheim. Um nicht in den Verdacht geraten, demnächst meine Straße still zu klagen, wie es nebenan im Prenzlauer Berg Usus ist. Als Grüner muss man sich ständig rechtfertigen, erklären, entschuldigen, das nervt. Ich entschuldige mich immer mit meiner Biografie.

10 Jahre war ich bei den Grünen mal sehr aktiv. Im Frühjahr 1993 wurde ich von Euch als sachkundiger Bürger in den Ausschuss für Jugend und Sport meines Heimatörtchens Halle (Westf.) geschickt. Da bin ich auch eingetreten, glaube ich. Ein Parteibuch gibt es bei den Grünen nicht, das älteste Zeugnis meiner Mitgliedschaft ist ein Zuwendungsbescheid für das Jahr 1993. Da war ich 21. Vorher hatte ich mich in der grünen Jugend engagiert, für den Erhalt einer Streuobstwiese in der Innenstadt gekämpft, die die örtliche Sparkasse für einen Parkplatz plattmachen wollte, und gegen die A33, die einmal längs durch alle Naturschutzgebiete Ostwestfalens hindurchgeplant worden war. Ich hab den Tschernobyl-Schock voll mitbekommen. Waldsterben, Ozonloch, FCKW, all that shit. Engagiert war ich immer, aber Schülerzeitung und christliche Jugendarbeit reichten mir nicht aus. Ich wollt auch was ändern. So kam ich mit ein paar Freunden zur grün-alternativen Jugend.

1994 gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern des Bundesverbandes der Grünen Jugend. Fast wär' ich Beisitzer im Gründungsvorstand geworden. Wichtig war unserer ostwestfälischen Abordnung vor allem, die Ultrarealos aus Hessen um Tarek Al-Wazir am Durchmarsch zu verhindern. Es gelang. Tarek Al-Wazir hat es indes nicht geschadet: Er ist heute stellvertretender hessischer Ministerpräsident in einer schwarzgrünen Koalition.

Meinen größten politischen Erfolg verdanke ich allerdings der FDP. Bei der Kommunalwahl 1994 schnitten die Grünen zwar ganz gut ab, aber nur weil die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, fiel der 61. von 61 Kreistagssitzen den Grünen zu. Vom eigentlich aussichtslosen 6. Listenplatz zog ich als jüngstes Mitglied in den Kreistag ein.

Fünf Jahre habe ich dort Politik gespielt. Lange Haare, Jeans und grünes Batikshirt – Gott, sah ich scheiße aus damals bei meinen öffentlichen Auftritten. Meine Mission bestand darin, mich von Bauern beschimpfen zu lassen – entweder im Umweltausschuss oder zu Hause von meinem Vater – und Reden zu halten. Diese funktionierten stets nach demselben Prinzip: Ich trat ans Pult, und sprach so lange, bis SPD und Grüne johlend und grunzend auf ihren Tischen lagen und die CDU-Fraktion Schaum vorm Mund hatte. Zufrieden war ich erst, wenn jemand aus meinen Reihen „Zugabe!“ rief, und die CDU konterte mit dem Vorwurf: „Das war doch Kabarett!“ Politische Satire kann sehr wirkungsvoll sein, wenn man sie an den richtigen Stellen einsetzt. Siehe DIE PARTEI. Sehr reif war das sicher alles nicht, aber ich war 22, und es hat Spaß gemacht.

Fast wäre ich 1995 in den Landtag eingezogen. Es ist eins der schönsten und ulkigsten Erlebnisse mit Euch, liebe Grüne. Während der Bundestagswahlkampf 1994 noch lief, fand im Festspielhaus Recklinghausen der grüne Landesparteitag zur Aufstellung der Wahlliste für die bald folgende Landtagswahl in NRW statt. Diese Listen wurden damals in zermürbenden Kämpfen nach komplizierten Axiomen alternativ-demokratischer Links-Rechts-Arithmetik gestrickt: Realo, Fundi, Linker, Regierungslinker, Öko – einen links, einen rechts, zwei fallen lassen. Zusammen mit ein paar Parteifreunden aus dem Kreis Gütersloh war ich als Delegierter entsandt worden. Zwei Tage zuvor war mir eine Zyste über dem rechten Auge entfernt worden, der Bluterguss breitete sich bin um die Augenhöhle herum aus, ich trug ein veritables Veilchen im Gesicht und wurde auf dem Parteitag unzählige Male gefragt, ob das die verdammten Nazischweine waren.

Inmitten der aufgeheizten Parteitagsatmosphäre und immer zäher werdenden Auszählpausen stupste mich eine Parteifreundin an und meinte: „Hey Volker, willst du nicht in der nächsten Pause mal deinen Text über das Wahlplakat lesen?“

Ich las meine kleine Satire über ein völlig vergurktes Wahlplakat, der Parteitag johlte. Die grüne Seele liebt die Selbstkasteiung. Immerhin darin seid Ihr Euch treu geblieben.

Als der Applaus abebbte, eilte ein Parteitagsdelegierter ans Saalmikrofon und rief unter dem Beifall der versammelten Landesgrünen: „Wer war der Mann und auf welchem Platz kandidiert er?“ In jenem Moment hätte ich nicht viel mehr sagen müssen als: „Volker Surmann, Kreisverband Gütersloh, ich kandidiere für Platz 18.“ Nach Einschätzung politischer Beobachter war die parteitagsmürbe Wahlversammlung so euphorisiert, dass ich mühelos gewählt worden wäre. In den Landtag zogen 1995 überraschend 20 Grüne ein. Ich wär drin gewesen.

Es sind diese Geschichten, die ich aus meiner Biografie nicht mehr wegdenken kann. 10 aufregende Jahre, die ich nicht missen möchte. Und sie sind es auch, die es mir zurzeit schwer machen.

Ich bin nicht gut im Austreten. Ich war mal kirchlich sehr aktiv, hab aber seit 25 Jahren keinen Gottesdienst mehr besucht. Ausgetreten bin ich trotzdem nicht. Seit 44 Jahren Protestant, seit bald 25 Jahren Die Grünen, seit bald 15 Jahren Brauseboy. Mein Therapeut sagt, ich sei eine sehr treue Seele. Es ist mir ein völliges Rätsel, wieso ich Single bin, ich bin ein Superbeziehungstyp, mich wird man auch dann nicht los, wenn man schon seit 15 Jahren nicht mehr miteinander redet.

Das ist in etwa die aktuelle Situation. In Berlin wurde ich bei den Grünen nicht wieder aktiv. Ich verlegte mein Engagement auf schwullesbische und kulturelle Aktivitäten. Außerdem erschienen für mich, der ich aus dem wohl temperierten Bällebad der ostwestfälischen Kommunalpolitik kam, die Berliner Grünen von Anfang an als ein Haifischbecken, das sie tatsächlich auch sind. Siehe die aktuellen Umtriebe einiger Berliner Altrealos zum Wahlboykott gegen die angeblich zu linke Kreuzberger Direktkandidatin Canan Bayram. Aller Trend zum Vegetarismus und Veganismus hin oder her: Nichts sättigt Berliner Grüne mehr als ein kräftiger Biss in die Wade des innerparteilichen Gegners. Da hab ich mich lieber gleich tot gestellt. Meinen Mitgliedsbeitrag habe ich seit der Euroumstellung nicht mehr geändert. Ich weiß dass die unteren Parteiebenen an die Landes- und Bundesverbände pro Mitglied einen gewissen Betrag abführen müssen. Ich glaube, ich koste die Kreuzberger Grünen mehr, als ich zahle. Eigentlich hätten sie mich längst rauswerfen müssen.

Ihr Grünen und ich. 24½ Jahre. Wir könnten bald Silberhochzeit feiern. Und wir geben ein sehr typisches Silberhochzeitspaar ab. 10 Jahre hat's gefunkt, danach nicht mehr miteinander gesprochen und trotzdem treu geblieben. Heute frage ich mich wieso, eigentlich.

Es war immer ein unbestimmtes Gefühl, dass ich politisch schon irgendwie aufgehoben wäre bei Euch. Aber im Grunde hab ich keine Ahnung, was ihr zurzeit fordert oder wollt. Ein bisschen ist es eben doch wie einer Beziehung: Am Anfang vertraut man sich blind, und irgendwann weiß man nicht mehr, was der Partner in seinem Hobbykeller eigentlich so anstellt.

Ich weiß nicht, was Katrin Göring-Eckart und Cem Özdemir im grünen Hobbykeller so basteln. Viele sagen: Sie zimmern an schwarzgrün und sonst nicht viel.

Bei der letzten Urwahl habe ich sie nicht gewählt. Und schon da hatte ich Gewissensbisse. Hatte ich als langjährige und zunehmend uninformierte Karteileiche eigentlich das Recht, mit abzustimmen? Wer war ich, mich zu beschweren, dass ich zur weiblichen Kandidatin nur Ja oder nix sagen konnte, aber nicht Nein, es sei denn ich lehnte auch die drei männlichen Kandidaten ab. Vielleicht hatte man einfach keine bessere Kandidatin gefunden. Kannte ich mich da noch aus? Vielleicht hatte die viel bessere Spitzenkandidatin auch schon Urlaub gebucht für September 2017 und konnte sich deshalb nicht zur Wahl stellen - was wusste ich denn schon?

Was sind die Politikfelder der beiden Spitzen? Nicht mal das weiß ich. Göring-Eckart soll irgendwie ganz nett sein. Aber ein „Ministry of Nettness“ gibt' ja nicht. Eine Ministerin für Kirchenfragen oder Leiterin der Glaubenskongregation brauchen wir auch nicht. Cem Özedmir sagt immer zu allem irgendwas und kommt immer sehr eloquent rüber. Meistens vergesse ich allerdings sofort wieder, was er sagt: In einer Bundesregierung wäre er der ideale Regierungssprecher.

Immerhin: Wahl-o-Mat und Co bescheinigen mir, immer noch zu 75-80 Prozent Grüner zu sein. Und Tatsächlich sind die Grünen meiner Wahrnehmung noch immer noch die einzige Partei, die Umweltpolitik macht und kann. Glaube ich. Leider hört man davon nicht allzu viel.

Viel mehr hört man von Winfried Kretschmann und seinem Einsatz für Autokonzerne.

Anfangs fand ich den schwäbelnden Studienrat ja noch ganz drollig und grüner Ministerpräsident … ja, war schon ganz cool. Kurz. Heute ist es mir unangenehm, in derselben Partei wie Winfried Kretschmann und Boris Palmer zu sein. Aber wieso sollte deshalb ich gehen? Können nicht einfach die gehen?

Ich hab nicht mal per per se Angst vor schwarz-grün. Im Kreis Gütersloh damals regierten wir 5 Jahre mit einer Einstimmenmehrheit Rot-grün-unabhängige Wähler. Es war immer die SPD, die samstagmorgens um 8:30 Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn der Kreistagssitzung ankam und mühsam ausgehandelte Kompromisse noch mal schnell nachverhandeln wollte, weil ihr noch irgendeine Wählergruppe eingefallen war, die sie zu prellen befürchtete. Es war grässlich. Samstags, 9 Uhr Kreistagssitzung. Mann, muss ich überzeugt gewesen sein!

Die nächste Wahlperiode war ohne klare Mehrheitsverhältnisse. Je nach Thema gab es wechselnde Mehrheiten. Und das lernten wir damals an der CDU zu schätzen: Wenn man sich mit ihr in irgendeiner Sachfrage mal auf einen Kompromiss verständigt hatte, dann galt der auch. Allerdings gab es im Kreis Gütersloh auch keine CSU.

Insofern bin ich nicht grundsätzlich gegen Bündnisse mit der CDU, aber ich traue der aktuellen Führungsriege der Grünen nicht zu, ein solches Bündnis gut zu schmieden. Ich befürchte da dann doch ein Weiter-so mit minimal grünerem Anstrich. Ich kann daher jeden Menschen verstehen, der die Grünen deshalb nicht wählen will.



Jahrelang hab ich gedacht, ich hätte mich in den 15 Jahren meines Karteileichendaseins von den Grünen entfernt. Wie mit der optischen Täuschung am Bahnhof, wenn der Zug anfährt. Plötzlich schaut man raus und denkt kurz: Huch, wieso fährt denn der Bahnhof plötzlich weg? Tatsächlich fuhr man natürlich selbst mit dem Zug ab. Und so hatte ich jahrelang gedacht, ich hätte mich von denen Grünen entfernt, aber nein. In diesem Fall tuckert der Bahnhof tatsächlich weg! Ich steh politisch noch in etwa da, wo ich vor 20 Jahren stand. Nur die Partei hat sich von mir wegbewegt.

Ich stand bei den Grünen politisch immer irgendwo zwischen Linken und Realos. Ich hab Hans-Christian Ströbele immer gewählt. Ich war selten seiner Meinung, aber immer froh, dass es ihn gab. Weil die Grünen den linken Flügel brauchen, denn wenn der rechte Flügel zu schwer wird, dreht man ab nach rechts – und nach unten. Die Bundestagswahl 2017 wird womöglich die allfällige Bruchlandung.



Neulich hatte ich eine absurde Facebook-Diskussion mit einem jungen Grünen. Ich mag ihn eigentlich ganz gern, aber er postete etwas völlig Unsinniges. Weil ein zu schnelles Carsharingauto einen Fußgänger totgefahren hat, solle man über eine automatische Tempodrosselung der Fahrzeuge nachdenken, und prompt pflichteten ihm andere Grüne bei, ja auf 50 oder 70 drosseln, man habe auch schon mal einen Carsharingnutzer gesehen, der zu schnell gefahren sei oder sein Auto nicht angekriegt hätte, natürlich ein Tourist!

Nun ist es so: Überhöhte Geschwindigkeit und Menschen totfahren ist schon verboten. Woher kommt dieser Reflex, wegen des Fehlverhaltens einzelner eine weitere Gängelung für alle zu fordern?

Warum ich Euch Grünen diese absurde kleine Anekdote erzähle? – Weil ich plötzlich und zu meiner eigenen Überraschung danach den unbändigen Wunsch verspürte, bei Euch jetzt und sofort auszutreten. Aber wieso eigentlich?

Ich hab versucht, das zu ergründen: In den letzten Jahren habe ich oft gesagt: Ach, die Grünen, die Bundespartei, ja die haben vielleicht grad keine starken Leute, aber der Kurs passt schon noch. Und ich kenne ja junge Grüne, die ich für sehr verständig und patent halte. Denen vertraue ich.

Aber diese absurde Facebook-Diskussion zeigte mir: Neee! Es geht mir nicht um diese Schnapsidee, es geht mir um den Reflex, der dahinterliegt: Ein vermeintliches Problem sofort durch eine neue gesetzliche Maßnahme lösen zu wollen. Dieser „Erziehungsreflex“ hat die Partei durch und durch ergriffen! Oder war das schon immer so, und hab ich es nur jahrzehntelang nicht bemerkt?

Oder habt Ihr, liebe Grünen, in den letzten Jahren Euer Menschenbild so dermaßen verändert, dass Ihr die Bevölkerung als etwas betrachtet, das man gefälligst auf den richtige Weg schubsen muss, ob sie nun will oder nicht. Weil Ihr halt besser wisst, was gut für sie ist?

Vielleicht sind einfach zu viele Pädagogen bei den Grünen …

Erklärbar wäre das. Wo die Machtoption vor 'nem Vierteljahrhundert noch eine viel seltenere war, mussten die Grünen überzeugen und für ihre Positionen werben; seit die Machtoption ein sehr vertrautes Gefühl ist, liegt ein neues Gesetz meist nicht weit entfernt. Und Beschließen ist nun mal bequemer als Überzeugen.

Aber Moment, ist das wirklich so? Stimmt es, dass die Grünen zur halblinksliberalen ökopastoralen Gesinnungspolizei verspießert sind?

Kurz nachdem ich diesen Gedanken auf Facebook gepostet hatte, rief mich ein alter grüner Weggefährte an: Das stimme doch gar nicht. „Bei den Grünen verbietet dir niemand was! Das darfst du so nicht sagen!“

Und richtig ist: Das Image der Grünen als „Verbotspartei“ wird von AfD und anderen Rechtspopulisten intensiv befeuert. Bin ich, als grüne Karteileiche, hier bloß auf plumpe Propaganda hereingefallen? Zeichne ich mit dem Bild einer verkniffenen ökopastoralen Partei unbewusst meine Sicht auf Katrin Göring-Eckardt nach? Oder sind die Grünen wirklich zur Volkserziehungspartei geworden, die die Bevölkerung zum richtigen Leben erziehen will, indem sie immer, wenn man etwas falsch machen könnte, einmal mit dem Rohrstock (nur echt aus grünem Biobambus) auf die unartigen Finger schlägt?

Nein, ich werd da jetzt nicht den Vegieday anführen, da ich weiß, dass diese angebliche Forderung der Grünen in dieser Art niemals erhoben wurde, sondern eine Fake-News der Bild-Zeitung war. Allerdings sehe ich sehr wohl die Gefahr, dass die vegane Bewegung die Grüne Umweltpolitik irgendwann ebenso vor sich hertreiben könnte, wie die Tierrechtler schon den Naturschutz vor sich hergetrieben haben.

Mir fällt aber als Beispiel der Nichtraucherschutz in NRW ein: Da wurde eine Regelung eingeführt, wie sie auch in Berlin gilt. Die Kneipiers und Clubbetreiber bauten Raucherräume, zogen Wände, beauftragten Architekten, Glaser und Maurer, und 5 Jahre später beschloss die rotgrüne Landesregierung auf Betreiben der Grünen ein komplettes Rauchverbot, alle Umbauten für die Katz. In vielen NRW-Kneipen hatten Grüne danach Lokalverbot. Ich kann's verstehen. Mir fällt ein, dass Winfried Hermann, seinerzeit grüner Verkehrsminister aus Baden-Württemberg, die Helmpflicht für Radfahrer forderte. Nichts gegen Fahrradhelme, aber ich finde, erwachsene Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, wie matsch ihre Birne nach einem Unfall sein darf. Da glaube ich an die Selbstverantwortung.

Wisst Ihr, liebe Grüne, wie Ihr mir manchmal vorkommt? Wie meine Omma damals, die in allerbester Absicht neben mir stand und forderte: „Iss das, Junge, das ist gesund für Dich!“

Und ich sagte: „Ich mag aber nicht!“

Vielleicht funktioniert Schwarz-Grün deshalb so gut: Weil Mutti und Omma dann gemeinsame Sache machen.



Liebe Grüne, ich weiß nicht, wie ich rauskommen soll. Aus Eurer Partei (und ob überhaupt), aus diesem viel zu langen Brief. Ich kriege Euch einfach nicht zu fassen.

Vielleicht werde ich Euch wieder wählen. Ihr seid schon ganz okay, glaub ich. Unter dem, was zur Wahl steht, seid ihr noch das Beste, soll heißen das kleinste Übel. Aber kann ich in einer Partei bleiben, die ich seit Jahren nur als das kleinste Übel ansehe?

Der normale Weg ist, dass man vom Sympathisanten einer Partei irgendwann zum Mitglied wird. Aber was ist schon normal? Normal wird man vom Poetry Slammer irgendwann zum Berufskabarettisten. Ich hab's umgekehrt gemacht, geht auch. In meiner Biografie gäbe es also schon einen Präzedenzfall. Ich könnt ja wieder Sympathisant werden.

„Sollen wir es nicht noch mal miteinander versuchen?“, fragt ihr mich.

„Weiß nicht“, höre mich antworten. „Ich brauch da noch Bedenkzeit. Aber selbst wenn ich Schluss mache, können wir ja Freunde bleiben.“ Aber ich weiß natürlich selbst, was das normalerweise bedeutet.



VS, 7.9.2017






Nachbemerkung:
Dieser Text ist im Grunde unvollendet, er drückt lediglich einen Zwischenstand meiner Gedankengänge zu einem sehr bestimmten Zeitpunkt aus. Ich habe ihn für den Auftakt der Politwochen der „Brauseboys“ und eigentlich nur zum einmaligen Vorlesen verfasst, nicht zur Veröffentlichung. Dass ich ihn dennoch online stelle, liegt daran, dass mich mehrere Grüne und grün-nahe BesucherInnen des Abends ausdrücklich darum gebeten haben.