Direkt zum Hauptbereich

Brauseboys am 26.2.: Geteilte Freude

Geteilte Freude (von Frank Sorge)

Die Arztpraxis ist im dritten Stock, also finde ich es legitim, mich vor den Fahrstuhl zu stellen. Körperlich bin ich noch in der Lage, die Etagen auch auf der Treppe im Flug zu überwinden. Zwei Stufen auf einmal, kein Problem, drei wären hier mit Hilfe des Geländers wohl auch drin. Aber muss ja nicht, zudem stellt sich ein weiterer Mann "im besten Alter" neben mich, um auf den Fahrstuhl zu warten. An der Anzeige erkennen wir, dass der im dritten Stock ist und wohl jeden Moment zu uns runterfahren wird.
Weitere Patienten betreten den Flur, es ist ein Ärztehaus, sehen kurz zu uns und nehmen die Treppe. Sicher müssen sie nur in die erste Etage. Der Fahrstuhl hängt weiter im dritten Stock fest, es ist unklar, warum er sich nicht in Bewegung setzt. Aber jeden Moment muss es doch so weit sein.
Die ersten älteren Menschen gehen an uns vorbei und nehmen die Treppe, langsam wird es peinlich. Ich sehe den Mann neben mir an, er denkt das Gleiche. Immer noch eine Rentnerin kommt herein, sieht spöttisch zu uns rüber und verschwindet über die Stufen.
Der Fahrstuhl ist mittlerweile im vierten, beim nächsten siechen Patienten mit Krückstock merke ich an den Kopfbewegungen des Mannes neben mir, dass er die Situation abwägt und schon gleichfalls zur Treppe strebt. Aber das geht nicht. Wie stehe ich dann da?
Also spreche ich ihn an: "Jetzt haben wir schon so lange gewartet, jetzt muss er ja jeden Moment kommen."
Das hilft, er lächelt und entspannt sich. Der Blick auf die Anzeige aber straft mich Lügen, unverrückbar hält der Fahrstuhl jetzt ganz oben.
"Wir ziehen das jetzt durch!", sage ich eine Minute später, damit er es sich doch nicht anders überlegt. Er nickt schicksalsergeben. Endlich ist der Aufzug da, wir drücken den passenden Knopf, fahren hoch und treten auf den Flur. Geschafft! Dass es sich nicht um unsere, sondern um die zweite Etage handelt, fällt uns erst auf, als die Fahrstuhltüren hinter uns schon geschlossen sind. Also laufen wir gemeinsam durchs Treppenhaus. Immerhin mit lautem Lachen, das ja sehr gesund sein soll.

~#~#~#~#~#~#~#~#

Donnerstag, 26.2. / 20.30 Uhr
La Luz (Oudenarder Str. 16-20, Osram-Höfe)

Die Brauseboys - frische Texte
Jeden Donnerstag nehmen Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning ihre frisch geputzten Tastaturen und lassen es klappern. Die empfohlene Wochendosis Lesebühne, seit elf Jahren jeden Donnerstag mit illustren Gästen. 

Gäste:

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Brauseboys am 2.12. im Slaughterhouse (20 Uhr, 2G) + Livestream: Mit Amalia Chikh

Illusionen von Frank Sorge Kennt Ihr noch das Gefühl, auch nach langem Widerstand und dem Ausschöpfen aller rhetorischen Mittel, jemand anderem Recht zu geben? Oder die Verwunderung darüber, nachdem man sein Pulver rundherum verschossen hat, dass man im abziehenden Nebel auf verlorenem Posten war? Oder die Ohnmacht, mit den Sohlen direkt  hineingetreten, einer wirklich peinlich idiotischen Sache auf den Leim gegangen zu sein? Kennt ihr das noch, die Haltung, wie man sich selbst zuhört, worüber man redet, und über sich ein Urteil fällt, ausnahmsweise unbeschönigt? Erinnert Ihr euch an Argumente ohne Rosinenpicken, Strohfeuerwendungen, ohne Täter-Opfer-Umkehr, unlautere Verharmlosungen oder Totschlag-Sperrfeuer, und ohne den Nationalstolz der Weißen? Dann ist ja gut, ich dachte schon, das gäb es kaum noch mehr. Es ist noch alles da, es ist in Mehrheiten vorhanden. Das ist beruhigend und keine Illusion. ~#~#~#~#~#~#~#~# Donnerstag, 2.12. /20 Uhr Kulturfabrik Moabit (Lehrter Str. 35) Bra

Brauseboys Live + Stream am 24.2. (20 Uhr, 2G) im Slaughterhouse: Mit Felix Jentsch

Russisches Roulett (von Frank Sorge) Ralle: Dit is' Ding, wa? Mit die Ukraine? Dieter: Wat ham die denn für ne Inzidenz? Ralle: Nich Corona, Dieter, Invasion. Dieter: Jibts ne neue Mutante? Ralle: Alte Mutante, Sowjet-Style. Dieter: Und jetzt ham die mehr Medaillen, oder wat? Ralle: Nich Olympia, Dieter, die Russen. Dieter: Ja, die hatten die meisten, oder? Ralle: Nee, dit war früher mal, die warn jarnich dabei, also doch, aber nich als Russland. Dieter: Ach, jenau, wegen Doping. Wie hieß do' gleich der chinesische Jesundheitsminister? Ralle: Janz olle Kamelle, Dieter. Minister ham die ooch, gloob ick, janich mehr, macht allet Putin. Dieter: Der kann Karate, wa? Ralle: Judo. Dieter: Und wat sacht der jetzt? Ralle: Versteh ick nich, aber wat er macht, sieht man ja. Panzer, Soldaten, Raketen, die janze Grenze lang een Uffmarsch. Een abjekartetet Spiel, sag ick dir. Dieter: Ick kenn nur Russisch Roulett. Ralle: Jenau, so ähnlich kommt mir dit vor, nur mit alle Patronen drin. Sag

Brauseboys am 24.12.: Früher war mehr Lesung

Monolith auf Monolith III (von Frank Sorge) Es begab sich aber zu der Zeit, in der Infektionszahlen nicht sehr geschätzt waren, dass alle Menschen aufgefordert wurden, an den Ort ihres größten Einkaufszettels zu wandern, um möglichst viele Weihnachtsgeschenke noch zu erledigen. Es war auch die Zeit, in der man ‘Weihnachtgeschi’ eingeben muss, um überhaupt einen Treffer zu ‘Weihnachtsgeschichte’ zu landen, denn es war die Zeit der Geschenke, nicht der Geschichten. Da machte sich auch Frank aus dem Wedding, auf in das alte Land, das da heißt Tempelhof, und ging zum Ikea, damit er gezählt werde bei Eingang und Ausgang, und damit seine Finanzen geschätzt werden könnten, im Vergleich zum Einkaufe. Und er hatte einen Beutel dabei, darin waren andere Beutel, und in einem Beutel sogar noch ein Beutel. Und als er dort war, kam nach einer Stunde Schlangestehen die Zeit, dass er einkaufte. Und er nahm ein erstes Paket Kerzen und legte es in einen Einkaufswagen, denn er hatte sonst keinen Raum in