Erlebnishorizont (von Frank Sorge)
Jeder wird immer nur ein Jahr älter, nie mehrere Jahre auf einmal. Der Erlebnishorizont am sogenannten Geburtstag ist also für alle immer gleich und immer nur eine Kerze mehr. Alles andere ist nur eine Erfindung der Glückwunschkartenindustrie. Mit einer 75 ging es mal los, die ersten Käufer und Empfänger waren sehr zufrieden, aber große Mengen konnte man nicht verkaufen. Also wurde das Programm aufgefächert, um Bedürfnisse zu wecken, und seitdem bekam nicht nur die Oma eine, wenn sie es bis dahin geschafft hatte, sondern auch der Sohn mit 50 und die Enkelin mit 18. Da war ohnehin der Absatzmarkt viel größer und zum Marketing wurde noch mehr Kartenanlässe erfunden: Mit 66 fängt das Leben an, 40, 30, man sieht schnell, wohin das führt. Im Grunde soll jeder Geburtstag ein einmaliges Event sein, mit zugeschnittenen Produkten, und die Regale im Segment Glückwunsch und Party sehen ja auch so aus. Für jede Zahl ein eigenes Fach und Druckerzeugnis, es gibt sogar Kerzenhalter in Zahlenform der Menge der Kerzen, die man aufstecken kann, statt dass man einfach Kerzen verkauft und die nach Bedarf abzählt. Man feiert doch eindeutig, dass man es noch ein Jahr geschafft hat, es würde sogar immer nur eine Kerze reichen. Aber Menschen sagen immer: Dir reicht das vielleicht, aber mir reicht das nicht, ich will mehr, mehr, mehr. Mehr haben, mehr schenken, mehr sein.
Im Grunde ist mir das Bedürfnis fremd, hier auf meinem Segelschiffchen über den Ozean der Zeit. Bei guter Sicht guckt man 5 km weit auf dem Wasser und bildet sich dann was ein, von wegen Horizont.
Brauseboys am Donnerstag (29.1., 20 Uhr)
mit Karl Kelschebach und Johanna Zeul
Haus der Sinne (Ystader Str. 10)
Wir haben dieser Nasskalt-Front ausrichten lassen, dass es so aber nicht geht. Glitzernder Überzug über alles, schön, knirschende Wege, fein, allgemeine Winterstimmung, prima! Aber dass die Tram nicht fährt, können wir am Donnerstag nicht so durchgehen lassen, da muss was passieren. Also wärmen wir uns schon mal vor, gemeinsam in morphischer Weise, so dass die Bächlein wieder fließen und die Oberleitungen wieder elektrisierenden Kontakt aufbauen können. Das ein oder andere Grad plus haben wir so schon geschafft, helft mit und seht selbst, ob es uns gemeinsam gelungen ist, im Haus der Sinne zur wöchentlichen Lesebühne mit glühenden Gästen. Diese Woche mit dem charmant grantelnden Karl Kelschebach und feurigen Liedern von Johanna Zeul.

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