Freitag, 24. April 2009

Expedition Zukunft

Im Jahr 2020 haben wir Fingerabdrucksscanner, Augenscanner, Gesichtsscanner, Fußabdrucksscanner, Nasenscanner und Nasenhaarscanner. Ich weiß das nicht aus hellseherischer Kraft, sondern weil ich heute im Zug Richtung Expedition Zukunft war und es diese Dinge längst gibt. So zeigt die Ausstellung in einem ICE, die gestern von der Kanzlerin am Hauptbahnhof eröffnet wurde, was es schon gibt und wovon spätestens in zehn Jahren alle wissen werden.

Als angesehener Wissenschaftler bekam ich eine Einladung zur Eröffnung von einer Freundin, die eine Einladung bekommen hatte und ich war der Begleiter des Vertrauens. Mittlerweile ist meine Tarnung gut, ich hab in den letzten Jahren ausreichend Zeit vor dem Computer verbracht, dass mich die meisten in wissenschaftlichen Zusammenhängen bei flüchtiger Betrachtung für einen Wissenschaftler unter Wissenschaftlern halten. Schon am frühen Morgen gestern, also nicht den üblichen frühen Morgen eines Schriftstellers, sondern am richtig frühen Morgen um 9 Uhr stand ich schon vor 200 Schülerinnen, die sich für Mathematik und Informatik interessieren und daher an die Freie Universität zum Mädchen-Zukunftstag Girls Day pilgerten. Auch ich selbst bin nur dieses eine Mal im Jahr an der Uni, aber das merken die ja nicht. Für sie bin ich ein Mathematiker, der ihnen was von anderen Mathematikern erzählt, bzw. von Mathematikerinnen. Es ist schon eine verrückte Welt, die ich mir da zurechtgelegt habe.

Wir gehen nicht unbedingt oder nur wegen der Zukunft zum Hauptbahnhof, sondern vor allem wegen Frau Merkel. Vor allem meine Kamera zieht es zu Frau Merkel, schon drei Tage wackelte sie unruhig im Regal, jetzt kurz vor Kanzlerin Ankunft zog und zerrte sie in ihrem Jutebeutel, sie sagte: „Beeil dich!“, sie sagte, „Hast du das Tele dabei?“, sie sagte „Versau es nicht!“

Aber erst stand mein Bus im Stau und dann vor allem der Bus der Freundin. Als wir vom Bahnhofspersonal einen kleinen orangefarbenen Punkt an die Jacke geklebt bekamen, damit wir als Gäste der Zukunft erkannt werden konnten, und die lange Rolltreppe zum Kanzlerinnengleis 2 hinunter nahmen, war sie schon weg. Man muß der Kanzlerin lassen, dass sie eine pünktliche Kanzlerin ist und vor allem ganz pünktlich wieder weg war und nur noch drei ungeschickte, grauhaarige Männer mit einem eher ungeschickten Moderator Zeit schindeten, bis alle endlich in den Zug durften.


Auf 300 Meter Zuglänge wird hier die Zukunft vorgestellt und ab morgen geht sie auf Reise durch alle Bahnhöfe Deutschlands außer nach Düsseldorf, fällt der Düsseldorfer Freundin auf. „Da gibt’s nur Mode“, sagte ich. „Ja, und kein Kölsch“, sagte sie. Wir stolperten durch den Zug mit den anderen Hundertschaften angesehener Wissenschaftler. Der einzige den ich erkannte war Günther Ziegler, weil er die Haarfarbe vom Sänger von Scooter geklaut hat und seitdem in jede Fernsehsendung zur Mathematik trägt.

Im Jahr 2020 wird es ICEs geben, es wird Schlangestehen im ICE geben, ist unser erster Eindruck von der Zukunft, erst werden wir außerdem über unsere Anfänge aufgeklärt. Wie war das mit dem Universum, wie ist das mit dem Leben und wie ist das mit der Entwicklung des modernen Menschen. Meine Kamera war noch bockig, aber mit einem schönen Motiv konnte ich sie überzeugen, aus dem Jutebeutel zu kommen: eine Grafik zur Entwicklung der Menschheit schlägt einen Bogen ungefähr vom Homo Erectus zum Homo Jauch. Wie viel er wohl gespendet haben wird, fragten wir uns, dass er hier stellvertretend für den Homo sapiens sapiens stehen darf. Es war auch so unzweifelhaft das Gesicht von Günther Jauch, dass alle davor stehen blieben und die Krone der Schöpfung gedanklich der Kopfform eines Fernsehmoderators aufsetzten. Homo Jauch.


Es gibt außerdem dreidimensionale Bildschirme zu sehen, man kann dreidimensionale Moleküle sehen, ohne Brille, man kann sie mit einer Handbewegung vor dem Bildschirm drehen. Überall stehen außerdem Touch-Screens herum, bei denen man Tom Cruise spielen kann. Im Jahr 2020 werden wir alle auf den Bildschirmen herumtatschen, so viel ist klar. Der Betatschscreen ist da.


Wir werden mit unserer Technik verwachsen, das wird auch deutlich, Zellen wachsen auf Metall und Metall wächst in Zellen. Magnetische Flüssigkeiten werden in unseren Adern fließen, Schläuche und Pumpen im Magen und Chips in Gelenken und Knochen. Wir werden außerdem ein kollektives Bewusstsein bilden, einen einzigen großen Organismus Welt.

Im Jahr 2020 werden wir noch weiter geguckt und noch kleiner geguckt haben, noch größer manipuliert und noch kleiner. Wir werden von oben, von unten, von vorne, von hinten, von innen, von außen gescannt werden und unser Gehirn wird gescannt und unsere Gedanken werden gescannt und wir steuern mit den Gedanken und Gesten und winzigen Impulsen vom Handgelenk.


An einem Bildschirm sehen wir, wie eine Maschine unsere Gesichter erkennt und uns sagt, zu wie viel Prozent wir ärgerlich oder zufrieden sind, ob wir überrascht sind oder generell verderbt und böse.

Außerdem gibt der Bildschirm das Geschlecht der Vorbeigehenden aus, allerdings nicht immer korrekt. Erst, als ich meine Wangen wie Luftballons für die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen der Zukunft aufblase, schaltet der Computer zögerlich zu männlich um. Aber im Jahr 2020 werden wir sowieso alles und jeder sein, lässt sich im Prinzip nicht mehr vermeiden.


Meine Kamera ist wieder freundlicher gestimmt, weil sich zunehmend Zukunft in ihrem Bauch stapelt, endlos digitales Zeug macht sie satt. Sie weiß außerdem genau, dass sie bald in meine Hand kriechen und mich in Besitz nehmen kann. Spätestens im Jahr 2020 weiß sie dann besser als ich, was ich fotografieren will und wenn die Kanzlerin dann noch Kanzlerin ist, wird meine Kamera garantiert nicht so doof sein, im Berufsverkehr den Bus zu nehmen.