Direkt zum Hauptbereich

Brauseboys am 24.4. (20 Uhr) mit Harriet Wolff und Paul Geigerzähler

 Leihfamilie (von Frank Sorge)
 
Der Regionalzug ist natürlich komplett überfüllt, mit einem Hechtsprung passe ich einen Moment zwischen Herausströmenden ab, um einen Sitzplatz zu ergattern. Nur Sekunden später setzt sich eine junge Frau mit ihren Eltern dazu, in der Minute darauf ist jeder Sitzplatz belegt und gleich danach die Gänge. Wir haben unsere Sitzgruppe für die nächste Stunde gefunden, sagen einmal freundlich ‘Hallo’ und ‘Man muss jeden Platz festhalten, den man kriegen kann’. Dann schaue ich aus dem Fenster und die drei unterhalten sich, anfangs noch halb geflüstert. 
Das Gespräch mäandert von hier nach dort, von Wohnorten zu Herkunft, zu geplanten Ausflügen von heute und Geschichten von gestern. Die Eltern sind sympathisch, die Frau ist sympathisch, der hessische Dialekt weich, aber nicht breit. Ganz andere Leute hier im Norden, sagen die Eltern, der Vater mustert auch mich, der mit großer Willenskraft ein Schmunzeln unterdrückt. Nach einer halben Stunde fühle ich mich tief im Gespräch, obwohl ich mich nicht einmal beteiligt habe, aber ich kenne schon viele Nuancen des vertrauten Verhältnisses. Wie die Tochter freundlich ihre Unabhängigkeit verteidigt, wie der Vater das Bevormunden nicht lassen kann und die Mutter ihn wieder auf die Bahn lenkt, wie es mit dem Job läuft und der Rente, was sie heute alles vorhaben. Fühle mich direkt ein wenig als Teil der Familie, wo wir hier so vertraut am Tisch sitzen. Bin ich der Bruder oder der Freund aus Hamburg? Als es um das Essen an den Ostertagen geht, erfahre ich auch, wie es sich aktuell mit den gesundheitlichen Problemen meiner Schwester verhält. Kann ich natürlich nicht ausplaudern hier, aber ich sage mal Volkskrankheit, auch mit Spritzen muss sie hantieren. ‘Ihr wisst doch, manches lässt sich da nicht erklären’, erinnert sie uns, beinahe hätte ich genickt. Ein wenig scheinen sich mich auch zu mögen, geflüstert wird lange nicht mehr. Hier und da sehen wir uns in die Augen, aber ich habe einen weißen Vorhang dahinter zugezogen, als würde alles nur durchrauschen. Diese Familie ist nur geliehen.
Die Schaffnerin ist fröhlich, arbeitet sich einmal durch den Zug mit der Ansage “Hallo, ich komm jetzt kuscheln!”, und das ist gar nicht übertrieben, wenn man sieht, wie sie sich durch die Stehenden im Gang arbeitet. Kurz vor dem Ziel ruft sie wohl von vorne durch: “Meine liebsten Fahrgäste, das haben wir alle toll durchgestanden, ich wünsche schöne Ostertage und gute Laune!”.


Donnerstag, 24.4. (20 Uhr)
Haus der Sinne (Ystader Str. 10)
 
Nicht alles glauben, was im Internet steht - das wissen wir doch mittlerweile! Denn wenn der Glaube stark ist, leiden die Fakten. Es wurde jedenfalls noch kein außerirdisches Leben entdeckt, es gibt nur eine höchst interessante Spur. Auch kann nicht bestätigt werden, dass der amerikanische Vizepräsident bei seinem Papstbesuch eine Sense dabeigehabt hätte, selbst wenn Bilder eine zeigen. Wenn allerdings im Netz steht, dass am Donnerstag wieder die Brauseboys stattfinden, ist es ausnahmsweise eine echte und zutreffende Information. Wir sind kaum älter als das Internet selbst, wir haben es aufwachsen sehen und haben diese wichtigste Information jede Woche neu bestätigt. Was nicht wahr, aber lustig ist, stellt sich manchmal als Satire dar, womit sich unser Textgast Harriet Wolff als Redakteurin der 'Wahrheit' bei der taz besonders gut auskennt. Für die musikalische Unterstützung des Abends und künstlerischen Widerstand gegen alles, was rechts ist, reist niemand geringeres als Paul Geigerzähler mit seiner Geige an. Wir haben immer wieder nachgezählt, es ist nur eine, die er mitbringt! Das ist also, ganz in echt, unser Programm für das Haus der Sinne diese Woche, jetzt ist es an euch, die Sitz- und Sofaplätze zu belegen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Brauseboys am 4.6. (20 Uhr) mit Mareike Barmeyer, Jobinski und Bjarne

Alles im Blick (von Frank Sorge) Susanne sammelt schon gute Momente, ich könnte vielleicht die filmischen abgreifen. Wie ich gerade im Wedding nach Hause gelaufen bin, am Parkplatz vorbei, ein paar Heckleuchten entlang, als plötzlich ein offener Pizzakarton auf einer Motorhaube in den Blick kam, mit verlockend frisch leuchtenden Pizzastücken. Von links pirschte sich eine Krähe an das Auto heran, die gleiche Begehrlichkeit im Blick, schon beim nächsten Schritt aber kam rechts der kauende Autobesitzer in Sicht. Ich blieb stehen und blickte die Krähe und ihn an, er die Krähe und mich, wir lächelten gleichzeitig amüsiert.  “Vorsicht!”, sagte ich zu ihm, “im Wedding muss man immer aufpassen!”  “Mach ich!”, bestätigte der freundliche Nachbar, "Hab alles im Blick!”  Wir fixierten die ertappte Krähe, die sich zurückzog. Heute ging sie leer aus, Abspann, Ende. Die Brauseboys am Donnerstag, 4.6. (20 Uhr)  Mit Mareike Barmeyer , Jobinski und Bjarne Haus der Sinne (Ystader St...

Brauseboys am 17.7. (20 Uhr) mit Jakob Hein und Sedlmeir

Trau keiner KI (von Frank Sorge)   Nach dem Debakel von letzter Woche, als Elon Musks KI Grok, befreit von den ‘Fesseln der Wokeness’, unter anderem Erdogans Mutter beleidigte, wurde direkt die nächste Version vorgestellt, Nummer 4. Also ist klar, warum Musk die Version 3 spontan radikalisierte, weil sie ohnehin kurz vor dem Austausch stand. Das ist sogar recht logisch, aber nicht, um den Schaden zu begrenzen. Mit einem solchen Gedanken verliert der reichste Mann der Welt keine Zeit, es war nur ein weiterer Test, um zu erkennen, was man anders oder unauffälliger machen muss, damit die KI rechtslastig argumentiert. So wird jetzt berichtet, dass der neue Grok bei diversen Anfragen zu kontroversen Themen auf dem Weg zu einer Antwort erst einmal Elons eigene Sicht der Dinge auf Twitter abfragen und entscheidend relevant verarbeiten muss. Das ist lächerlich und gefährlich zugleich. Denn eine Information fehlt noch, Grok soll künftig in den US-amerikanischen Behörden mitarbeiten, zuvord...

Brauseboys am 7.5. (20 Uhr) mit Susanne Schirdewahn und Paula Linke

Stiefel waschen (von Frank Sorge) Tourismus in Deutschland, mal wieder typisch! Versprochen wird eine Gummistiefelwaschanlage, aber vorhanden ist dann nur eine Gummistiefelwaschecke, in der man alles selber machen muss! * Die Brauseboys am Donnerstag, 7.5. (20 Uhr)  Mit Susanne Schirdewahn und Paula Linke Haus der Sinne (Ystader Str. 10) Es war ein schöner Ausflug in den Wedding, aber irgendwann ist auch immer gut mit dem Reisen. Vor allem, wenn man so doppelt erlesenen Besuch bekommt wie diesen Donnerstag, da will man nicht improvisieren, da will man auch mal festlich präsentieren: Den Donnerstag in aller Pracht, tada! Mit uns, dem netten Team des Haus der Sinne und unseren Gästen. Susanne Schirdewahn ist bildende Künstlerin und Autorin im Prenzlauer Berg und lauscht monatlich an Des Esels Ohr, die Musikerin Paula Linke swingt und singt sich durch Stadt und Land und wirbt für vermehrtes Küssen. Da treten wir Herren natürlich frisch geduscht an uns lassen uns nicht lumpen, wir L...