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Me and David Sedaris



„Oh, ein neuer Sedaris!“, rufe ich entzückt. „Ich liebe David Sedaris. Es gibt keinen Autor, der mein Schreiben mehr beeinflusst hat als er“, erkläre ich Roland, einem meiner Lieblingsbuchhändler. „Neue Bücher von ihm kann ich gar nicht abwarten, ich kauf ich sie immer gleich am ersten Tag!“„Das Buch ist vor vier Monaten erschienen“, sagt Roland.
„Ich weiß“, lüge ich. „Ich brauch‘s ja als Geschenk. ... Ist es gut?“

Wenn ich eins von David Sedaris gelernt habe, dann dass es keinen Fettnapf gibt, der tief genug wäre, als dass man nicht über ihn schreiben könnte. Vor allem aber hat er mir vorgemacht, wie man autobiografisch schreibt und die eigene Homosexualität so selbstverständlich thematisiert, dass nicht mal der schubladenverliebte deutsche Buchhandel sich traute, ihn ins Regal mit Homosexuellenliteratur abzuschieben, ganz hinten, im Gang zur Kundentoilettlette. Er hat mich gelehrt, dass Komik in der Aufrichtigkeit liegt und wie man aus echten Anverwandten literarische Figuren macht, ohne die realen Vorbilder zu verraten. Indem man sich über andere nie mehr lustig macht als über sich selbst. Die Komik liegt in der Demut, sich selbst immer als den größeren Depp zu zeichnen. Niemand beherrscht das besser als David Sedaris: „Ja doch, mein Haar ist grau und ausgedünnt. Ja doch, das Ventil in meinem Penis ist undicht, und nach dem Pinkeln gehen immer ein paar Tropfen in die Hose. Aber ich habe zwei Gästezimmer.“ Ich lache schon auf der ersten Seite von "Calypso" - mit David, ich habe Teil an seinem Leben. (Ich bin sicher, ich darf ihn duzen, denn spätestens nach dem dritten Buch von ihm fühlt man sich als Teil seiner Familie.) Wir werden zusammen alt. Er ist mir etwa zehn Jahre voraus. Bei mir sind es noch sehr wenige Tropfen, aber ich hab auch erst ein Gästezimmer.

Einst hatte ich die Chance, David Sedaris zu interviewen – für das queere Stadtmagazin Siegessäule. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Dann habe ich abgelehnt. Ich habe mich nicht getraut, weil ich befürchtete, im Englischen zu versagen. David lernt gerne Sprachen, das weiß ich aus all seinen Büchern, und dann säße da ein schwuler Reporter vor ihm, der in eingerostetem Gymnasialenglisch radebricht und ständig unsinnige Fragen stellt, weil er die Antworten zuvor nicht verstanden hat.

Nun bin ich seit mehr als einem halben Jahr mit einem Briten zusammen, wir sprechen nur Englisch miteinander. Mein Partner gibt vor, mich zu verstehen. Aber ich habe noch immer das Gefühl, dass mein Englisch die Qualität von Kinderbildern hat, die man seiner Mutter aus der Kita mitbringt: nur mit Liebe zu ertragen. „Hast du gut gemacht!“, sagt die Mutter, pinnt die bunten Krakeleien zu den anderen an den Kühlschrank und sehnt sich heimlich die Pubertät herbei, in der solche Bilder wie von Geisterhand verschwinden.

Die wahre Ursache, dass ich ein Interview mit David abgelehnt habe – und es vermutlich wieder tun würde –, geht wohl tiefer: Ich könnte enttäuscht sein. Schon jetzt hat mich eine Information aus dem neuen Buch irritiert, um nicht zu sagen geschockt: David ist nur 1,65 Meter groß! Dabei hatte ich ihn mir immer als schlaksigen, durchschnittlich großen Mann vorgestellt! Mein Interview mit David Sedaris hätte also sehr wahrscheinlich damit begonnen, dass ich ihn übersehen hätte. Und was, wenn er mir dann in einem himmelblauen Hosenrock gegenübergetreten wäre, wie er ihn in einer seiner neuen Geschichten beschreibt? Könnte ich so einen Mann noch mein Idol nennen? Einen karnevalesk gekleideten Zwerg, der mir gerade mal bis an die Brustwarzen reicht? - Nein, ich möchte David Sedaris nie begegnen. Ich begegne ihm ihn jedem seiner Bücher, das reicht mir völlig.

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